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Autor: Falk Schöller

Reformationsfeier 2025 – Evangelische Friedenskirche Krefeld

Citypfarrer Falk Schöller

Michael Krüger, Rede des evangelischen Pfarrers
(lacht:)

Ach, wissen Sie,
auch ohne ihn
haben wir viel zu tun.
Manche in der Gemeinde
haben ihn schon vergessen.
Anderen fehlt er. Sehr.
War es besser mit ihm?
Der Trost drang tiefer,
und die Scham darüber,
geboren zu sein,
ließ sich leichter
verbergen.

Predigt – Einfach von Gott reden

1998 ist dieses Gedicht von Michael Krüger entstanden.
Als Dichter nimmt er wahr, was in den Kirchen der Reformation geschieht.
Und legt seine Beobachtungen und seine Wertungen einem Pfarrer in den Mund. Ein Pfarrer
redet. Über ihn. Mit Ihm?
Ich lege mir seine Worte einmal in den Mund – und möchte nachspüren:
Vergessen wir in unserem Alltag, nicht nur in der Kirche, sondern auch in den Schulen, in den
Familien, in der Öffentlichkeit etwas, jemand wesentliches, wenn wir vieles ohne ihn tun?
Haben wir ihn schon vergessen?
Ob Michael Krüger schon damals wusste, oder zumindest ahnte, wie viel wir heute in der Kirche
damit zu tun haben, uns selbst zu erhalten?
Wie sehr wir uns um unsere Strukturen, Gebäude, Personal kümmern,
weil die Finanzströme versiegen, Folge längst versiegter Ströme der Gläubigen?
So anders als nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs
als die vielen Zuflucht in den Kirchen und bei Gottes Wort suchten und fanden, und als wir
deswegen viele Kirchen und Gemeindehäuser bauten,
Gruppen und Kreise gründeten, Personal einstellten.
Wir hatten mehr als genug, damals. An Geld. Und an ihm.
Als wir mit unserem Latein am Ende waren,als alles in Trümmern lag,

auch viele Kirchen in unserer Stadt –
da erblühten Kirche und Gemeinden in großer Kraft,
vielleicht in vorher und nachher niemals dagewesener Fülle
an Gebäuden, Personal, Finanzen.
Es war, als wäre er wieder gekommen, um uns aufzubauen.
Und so bauten wir auf, bauten Kirche auf, bauten uns auf.
Als ob er uns gehörte, als ob er zu uns gehörte.
Aber vergessen wir nicht:
die Krise der Kirche in den neuen Zeiten, in der Moderne und in der Industrie,
sie ist älter, viel älter. Seit über 200 Jahren ist er in der Krise.
Und mit ihm die Kirche, ja die ganze Religion.
Diese Krise, von ihr schreibt schon Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher,
Reden über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern.1799!
Aber immer noch und immer wieder steht die Kirche, steht der Glaube, steht Gott auf.
So wie 1517. Auch da stand der Glaube, stand Gott neu auf.
War zu finden, in der Muttersprache: die Bibel auf Deutsch.
War zu finden, mitten im Leben: die Bilder des Alltags.
War zu finden, in den Melodien: Volksmelodien für Kirchenlieder.
Aber nicht nur 1517. Nicht nur 1799.
Auch 2025!
Wir sind aufgestanden. Wir sind losgelaufen. Wir sind hier.
Lebendig, in der Krise, trotz der Krise.
Das ist doch tröstlich, ihr Lieben!
Deswegen sollten wir auch nicht ängstlich in die Zukunft sehen,
von der wir doch wissen: Zukunft kommt auf uns zu,
anders, als wir denken, anders, weil wir glauben,
anders, wenn wir unser Vertrauen auf ihn setzen.
Die Zukunft von ihm erwarten, nicht einfach als Fortschreibung der Pläne von gestern und der
Wirklichkeit von heute. Sondern als etwas Neues, überraschend Neues.
Es ist besser mit ihm als ohne ihn.
Michael Krüger lässt den evangelischen Pfarrer sagen:
Anderen fehlt er. Sehr. Der Trost drang tiefer.
Das ist ganz einfach. Warum?
Weil es schon vor langem erzählt wurde: Es ist besser mit Gott.
Ich erinnere uns an Jakob, an seinen Kampf mit und um Gott.
Er will ihn mit sich haben. Segen ist sein Trost.
Ich lasse dich nicht, Gott, du segnest mich denn.
In dieser alten Geschichte, verworren und dunkel und düster,
kämpft Jakob auf der Flucht mit Gott.
An der Grenze. In der Nacht. Ihm auf den Fersen:
sein Bruder, Esau, der ihm nach dem Leben trachtet.
Was Jakob getan hatte, ist Unrecht, großes Unrecht.
Zu Recht sinnt der große Bruder nach Rache, muss der kleine Bruder fliehen.
Aber auch auf der Flucht lässt er nicht von seinem Gott ab,
sucht er nach Segen, nach Begleitung, nach Schutz, auf all seinen Wegen.
Und Gott segnet ihn.
Dieser Segen, auch auf der Flucht, in der Nacht, in der Einsamkeit,
wird Jakob zum Trost, zum Trost, der Zukunft schafft.
Dieser Trost dringt so tief, dass er sich, seine ganze Familie, sein ganzes Leben lang
gesegnet und getragen, behütet und beschützt weiß.
Gottes Segen ist der Trost, der Jakob trägt, und Israel. Ein ganzes Volk, seit Jahrtausenden.
Vergisst Gott nicht. Israel ist nicht einfach irgendein Land,
es ist Gottes Land. Israel ist nicht einfach irgendein Volk, es ist unser Volk.
Auch wir sollten Gott nicht vergessen.
Nicht in unseren Gedanken. Nicht in unseren Worten. Nicht in unseren Melodien.
Michael Krügers Pfarrer sagt: Manchen fehlt er.
Ich sage das als Pfarrer: Mir fehlt er manchmal auch.
Wir sollten ihn nicht vergessen. Wir sind auf ihn angewiesen.
Im Leben und im Sterben. Was wir brauchen, mit einem Wort: Trost!
Aufrichtig sucht jemand Trost, bittet um Hilfe, mich.
Ich höre zu, ganz Ohr: Ihre Schwester, noch gar nicht alt, hat eine Diagnose.
Vermutlich keine gute Prognose. Nur noch wenig Zeit zu leben.
Sie stellt mir eine Frage: Hast du mir Trost?
Hast du mir ein Gedanken, ein Wort, eine Melodie,
die ich hören kann, die mir helfen kann, die mich hoffen lässt. Hast du mir Trost?
Ich sehe in meinen Taschen nach, in meinen Schubladen, im Handschuhfach meines Autos,
suche alle meine Dinge durch, die ich habe, suche im Netz nach etwas, das ich kaufen kann.
Aber ich finde nichts. Keinen Trost. Nur Trostpflaster. Aber die helfen nicht weiter.
Ich überlege. Erinnere mich: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?
Sie weiß nun die Prognose für ihre Schwester. Die Ärztin kennt die Diagnose, weiß, was zu tun ist.
Offen ist noch: Was darf sie hoffen? Darf sie hoffen? Gibt es Trost?
Ich suche, noch einmal, jetzt aber nicht in meinen Taschen, sondern in meinem Leben, meinem
Glauben, meinem Hoffen. Was ich da nicht hineingelegt habe, aber was dennoch da ist. Ich
suche ihn. Und finde ihn. Und sage ihn.Ganz einfach. Ich sage ihn zu. Seinen Trost. Seine
Hoffnung. Seinen Segen.
Sie darf Gott und seinen Segen hoffen. Trost findet sich. In der Hoffnung.
Auf das Leben. Mit Gott. In guten wie in schlechten Tagen. In diesem Leben und im ewigen
Leben. Glück und Seligkeit.
Wir haben es vorhin mit Worten Dietrich Bonhoeffers gesagt und bekannt:
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will,
wie wir brauchen.
Ich glaube ihn. Er ist doch da. Einfach so.
Allein auf Gott verlassen. Auf das, was er uns zukommen lässt.
Aus seiner Zukunft kommt er in unsere Gegenwart.
Er ist da. Mit dir. Mit deiner Schwester. Ihr seid nicht allein. Gott sei Dank.
Ich habe Trost gefunden. Nicht in den Dingen, sondern in den Worten.
In ganz einfachen Worten. Es bleibt der Glaube. Es bleibt die Hoffnung. Es bleibt die Liebe. Die
Liebe aber ist die größte unter ihnen.
Paulus hat uns diese Worte geschenkt. Gewonnen aus dem Vertrauen in Jesus Christus.
Der mit ihm durch das Leben gegangen ist und in den Tod und durch den Tod. Mit ihm.
Jesus leidet mit Menschen, heilt sie, an Leib und Seele, gibt Menschen Zukunft,
obwohl der Tod schon an ihnen nagt.
Die Bibel ist voll dieser Geschichten. Von Glauben. Von Hoffnung. Von Liebe.
Jesus begegnet Aussätzigen, hochansteckenden Leprakranken. Sie leben, isoliert von allen
anderen, ausgesetzt, einsam, trostlos, hoffnungslos.
Ohne Zukunft. Leben als Warten auf den Tod. Und das mitten im Leben.
Jesus lässt Menschen wie sie nicht allein. Er lässt auch uns nicht allein.
Wir sind mit ihm.
Der Trost dringt tief in die Welt, in die Menschen hinein. Der Trost dringt tiefer.
Das sollten wir nicht einfach vergessen. Wir sollten nicht verzagen.
Wir dürfen uns, den Menschen, der Welt Gott nicht versagen.
Wenn Gott fehlt, fehlt der Trost. Wenn Jesus nicht mehr erinnert wird, fehlt der Tröster.
Deswegen: Wir sollten einfach wieder von Gott reden, nicht ins Gerede kommen, sondern ins
Gespräch, und aus dem Gespräch auch ins Gebet, in dem wir Gott wieder hören.
Denn: Er fehlt. Wenn wir nicht wieder einfach von Gott reden, bleibt Gott außen vor.
Also: Weil wir alles so kompliziert machen, so verworren und verschoben,
müssen wir einfach von ihm reden, müssen wir von ihm einfach reden.
Sonst suchen Menschen andere, einfache Alternativen,
und manche bieten sogar andere, einfache Alternativen an,
doch sie haben keinen Trump, gar keinen Trumpf in der Hand, und schon gar keinen Trost.
Trost allein, der tiefe Trost, kommt von Jesus Christus, und seinem Wort.
Selig sind die Friedfertigen. Selig sind die Trauernden. Selig sind die Träumenden.
Selig bist du.
Ganz einfach. Gott fehlt nicht. Er kommt. Er ist da. Er kommt wieder.
Gott sei Dank. Amen.

    Predigt am Volkstrauertag, Friedenskirche Krefeld, 16.11.2025

    Citykirchenpfarrer Falk Schöller

    Hiob 14, 1-17

    Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
    Sein Leben ist kurz – und doch voller Unruhe.
    Wie eine Blume blüht er auf und wird abgeschnitten.
    Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht hier.
    Trotzdem richtest du deine Augen auf ihn
    und gehst mit ihm ins Gericht.
    Gibt es einen Menschen, der von Geburt an rein ist?
    Es gibt keinen einzigen!
    Darum sind seine Tage begrenzt,
    die Zahl seiner Monate steht fest.
    Du hast dem Leben eine Grenze gesetzt,
    die kann er nicht überschreiten.
    Darum schau weg und lass ihn in Ruhe!
    Lass ihm doch das bisschen Lebensfreude
    wie einem Tagelöhner, der nach der Arbeit ruht.
    Ja, für einen Baum gibt es Hoffnung.
    Wenn er gefällt wird, treibt er wieder aus.
    Es fehlt im nicht an neuen Trieben.
    Das gilt selbst für einen alten Baumstumpf,
    dessen Wurzelstock in der Erde abgestorben ist.
    Sobald er ein wenig Wasser spürt, treibt er aus
    und blüht wieder auf wie ein junges Bäumchen.
    Anders ist das bei einem Menschen:
    Wenn er stirbt, dann ist es aus mit ihm.
    Wenn er ums Leben kommt, wo ist er dann?
    Wasser aus dem Meer verdunstet,
    Flüsse versiegen und trocknen aus.
    Genauso ist es auch beim Menschen:
    Er legt sich hin und steht nicht wieder auf.
    Solange der Himmel besteht, wacht er nicht auf,
    und niemand rüttelt ihn aus seinem Schlaf.
    Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,
    dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst!
    Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist!
    Und wenn es so weit ist, denk wieder an mich!
    Wenn ein Mensch stirbt, ist sein Leben aus.
    Wenn du mich aber versteckst, könnte ich warten –
    Wie einer, der im Kriegsdienst auf seine Ablösung hofft.
    Du würdest mich rufen und ich dir antworten.
    Du würdest dich wieder freuen an deinem Geschöpf.
    Stattdessen überwachst du meine Schritte.
    Keinen einzigen Fehltritt siehst du mir nach.
    Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel,
    so sammelst du meine Schuld und bewahrst sie auf.
    Ihr Lieben,
    vor achtzig Jahren war der Krieg vorbei,
    der große Krieg, der so viel Leid und Elend über Mensch und Natur gebracht hat,
    der große Krieg, an dessen Ende viele Städte in Trümmern lagen,
    der große Krieg, in dem so viele Menschen ihr Leben gelassen haben.
    Stuttgart, meine Heimatstadt, lag in Trümmern.
    So viele Steine, große Brocken und kleine Steinchen,
    machten das Leben schwer – und gefährlich.
    Mein Schwiegervater, Jahrgang 1938,
    stürzte beim Spielen auf den Steinen,
    seine Schädelbasis war gebrochen, aber er hat überlebt.
    Meine Schwiegermutter, Jahrgang 1942,
    war aus Essen nach Stuttgart evakuiert worden,
    doch nicht nur hier, tief im Westen, sondern auch im Süden war alles zerstört.
    „Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel,
    so sammelst du, Gott, meine Schuld, und bewahrst sie auf.“
    Für jedes Vergehen ein Steinchen.
    Ein Steinchen meiner Schuld.
    Aufbewahrt bis in Ewigkeit.
    Am Anfang, nach dem Krieg, war wenig Zeit für die kleinen Steinchen, für die Schuld.
    Am Anfang, nach dem Krieg, war der Blick noch nicht auf die Fehltritte gerichtet.
    Aufräumen war angesagt.
    Alle Steine raus aus der Stadt, aus dem Kessel auf die Höhe.
    Auf den Birkenkopf, Monte Scherbelino, genannt.
    Dorthin wurden sie gebracht, die Steine, an denen das Blut klebte.
    Dorthin wurde sie gebracht, die Schuld, das Versagen, das Vergehen, die Fehltritte.
    Und während die einen die Trümmersteine und die Bruchsteinchen aus der Stadt
    wegschafften, warteten die anderen auf Nachrichten von denen, die verloren und
    verschollen waren, vielleicht verstorben irgendwo im nirgendwo.
    Wenn ein Mensch stirbt ist es aus mit ihm. Wenn er ums Leben kommt, wo ist er dann?
    Schau weg, Gott, lass uns in Ruhe.
    Am Ende dieser Tage, nach dem Krieg, da gab es zu viel Arbeit und zu wenig Leben.
    Am Ende jedes Tages, die Ernüchterung und Erschöpfung:
    Rien ne va plus, nichts geht mehr.
    Doch die Fragen stellen sich, unaufhörlich:
    Was ist der Mensch?
    Das Leben ist kurz. Voller Unruhe.
    Wie eine Blume blüht er auf und wird abgeschnitten.
    Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht hier.
    Dringend nötig wäre eine Atempause. Ein Innehalten. Ein Aufatmen.
    Denn morgen ist ein neuer Tag.
    Der Schuttsteine und Schuldscheine sind viele.
    Wenn die Sonne aufgeht, wird das Ausmaß der Zerstörung nur umso sichtbarer.
    Wenn sich die Stimmen erheben, werden die Fragen nach der Verantwortung und der
    Schuld, nach dem Zweifel und der Verzweiflung nur umso lauter.
    Ist es nicht besser, wenn es dunkel bleibt – und stumm?
    Ist es nicht besser, wenn alles, wirklich alles, ausgeblendet wird,
    keine Atempause, sondern eine Unterbrechung.
    Mehr als nur Stunden und Tage,
    vielleicht Wochen oder Monate oder Jahre.
    Bis der Spuk vorüber ist.
    Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,
    dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst.
    Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist.
    Es ist eine Sehnsucht nach einem Leben,
    in dem der Beutel mit den Schuldsteinen verschlossen und verborgen ist.
    Eine Sehnsucht nach einem Leben,
    in dem der Zorn und die Gewalt und die Strafe nicht mehr regieren.
    Eine verständliche Sehnsucht.
    Denn die Frage steht im Raum:
    Ist das zerstörte Leben, der Schutthaufen, in dem wir unser Dasein fristen,
    nicht Ausdruck von Gottes Zorn, von seiner gerechten Strafe?
    Die uns ereilt hat, uns deutsches Volk.
    Mit großem Schmerz sagen wir:
    Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.
    Am 18./19. Oktober 1945 wird inmitten der Stuttgarter Trümmerhaufen und Bruchsteine
    dieser Satz des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland gegenüber Vertretern des
    Ökumenischen Rats der Kirchen als Teil des Stuttgarter Schuldbekenntnisses formuliert.
    Sie bekennen:
    „Nun soll in den Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. (…)
    Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen
    dem Geist der Gewalt und der Vergeltung,
    der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde
    und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme,
    in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.“
    Von einem solchen Neuanfang – in einer Hoffnung zu Gott:
    Von einem solchen Neuanfang hoffte eins auch Hiob.
    Hiob, ein Name. Der Verfolgte. Der Gehasste.
    Sein Name, sein Schicksal, teilt er:
    Er, der gequälte und geschundene Mensch.
    Er, der immer nach den großen Steinen und kleinen Steinchen sucht,
    die ihm deutlich machen:
    es ist eine gerechte Strafe.
    Denn keiner ist rein, auch nicht einer.
    Und doch ringt er,
    mit der Schwere der Strafe,
    mit der Härte des Zorns,
    mit der Unverhältnismäßigkeit des Elends.
    Es ist mehr, als er tragen kann.
    Und es ist mehr, als er verdient hat.
    Ich frage mich an diesem Volkstrauertag:
    Ob meine Großeltern mehr ertragen mussten, als sie tragen konnten?
    Ob meine Großeltern mehr erleiden mussten, als sie verdient haben?
    Ob wir in Stuttgart, wir in Krefeld, wir als Deutsche,
    mehr von Gottes Strafe und Gottes Zorn und Gottes Gericht erfahren haben,
    als gerecht und angemessen gewesen wäre?
    Was hätten sie Hiob entgegnet – den Verfolgten, den Gehassten?
    Haben sie selber verfolgt und gehasst, werden sie jetzt verfolgt und gehasst?
    Ich weiß zu wenig, nicht gebug.
    So frage ich uns an diesem Volkstrauertag:
    Ob sie sich auch in die Unterwelt gewünscht hätten,
    an den Ort, an dem kein Licht auf die Trümmer des Lebens,
    auf die Steine der Schuld, auf die Last des Alltags fällt?
    Eine Zeit ohne Gott und ohne Welt, ohne Atem und ohne Arbeit.
    Abtauchen und untertauchen. Verborgen.
    In eine Weile ohne drängende und bohrende Fragen.
    Ohne das Gedankenkarussell um das Leben,
    das eigene und das der anderen,
    der Opfer und der Täter.
    Ohne die Bilder von dem, was aus dem Himmel kommt,
    Bombenhagel, Kanonendonner?
    Es ist aus. Und vorbei.
    Wir sind nun, einen Moment, mit Hiob in der Unterwelt.
    Wir sind nicht selber hinabgestiegen,
    sondern Gott hat uns hier versteckt,
    hält uns hier verborgen.
    Ist mit uns in die Tiefe gegangen.
    An den Ort, an dem kein Leben herrscht.
    Aber besser kein Leben als ein feindliches Leben.
    Besser kein Zorn als Gottes Zorn.
    Hier bleiben – bis der Zorn vorüber ist.
    Wenn es so weit ist, denk wieder an mich.
    Gottes Zorn kann nur durch Gottes Gnade selbst überwunden werden.
    Gott ruft, wieder neu, ins Leben.
    In ein Leben, das durch den Tod hindurch gegangen ist.
    Jetzt, jetzt ist die Freude wieder da.
    Eine ganz neue, unverhoffte, unverdiente, unvermittelte Freude.
    Es ist eine Umkehr erforderlich, ihr Lieben, eine Umkehr Gottes.
    Gott besinnt sich, ein Freund des Lebens zu sein.
    In Gottes Hand ist ein Beutel.
    Ein Beutel voller Steinchen.
    Ein schwerer Beutel.
    Voll mit unserer Schuld, unserem Versagen.
    Doch dieser Beutel ist verschlossen, verkittet, versteckt, verborgen.
    Ich stelle mir vor, dieser Beutel ist auf dem Monte Scherbelino,
    unter all den anderen Trümmersteinen, auf dem großen Schutt- und Scherbenhaufen.
    Da ist er, ich ahne ihn dort, aber ich sehe ihn nicht.
    Denn trotz all der Schuldsteinbeutel,
    von denen, weiß Gott, jede und jeder einen besitzt,
    ist das Leben auf einmal wieder möglich.
    Auf dem Birkenkopf, dem Monte Scherbelino,
    errichtete Pfarrer Hilmar Schieber im Frühjahr 1953 mit einer Jungschar ein Holzkreuz.
    Das Kreuz steht, noch bevor in den Folgejahren 40 Meter hoch sich 1,5 Millionen
    Kubikmeter Schutt bis 1957 dort gesammelt wurden.
    Das Kreuz steht schon, als ein Zeichen.
    Nach dem furchtbaren Ende des Krieges wird wieder neues Leben möglich.
    Das Kreuz steht – bis heute.
    Das Kreuz ist ein Symbol für Gottes Gnade, für seine Liebe zu den Menschen.
    Das Kreuz wiegt schwerer als unsere Schuldsteinbeutel.
    Denn das Kreuz steht für Gottes Durchgang durch die Unterwelt.
    Es steht dafür, dass diese Unterwelt nicht der letzte Ort ist.
    Sondern dass Gott dem Leben eine neue Chance gibt.
    Unsere Schuldsteine sind bei Gott gut aufgehoben.
    Mehr noch: Wir sind wir bei Gott gut aufgehoben.
    In seiner Liebe, in seiner Gnade.
    Heute sieht man von diesem Kreuz auf eine Stadt,
    in der das Leben blüht:
    Menschen aller Nationen prägen das Stadtbild,
    friedlich ihr Miteinander.
    Niemand wird mehr vertrieben, aufgrund seiner Rasse, seines Glaubens, seiner
    Nationalität. Die Bomben schweigen schon lange. Und zu essen gibt es für alle genug.
    Gott sei Dank.
    Es hat unter uns aufgerichtet das Kreuz der Versöhnung.
    Durch Jesus Christus, unseren Herrn.
    Und der Friede Gottes ist höher als all unsere Vernunft,
    bewahrt Herzen und Sinne.
    Von nun an bis in Ewigkeit.
    Amen.

    Reformationstag 31. Oktober 2025

    „Dem Volk aufs Maul schauen“, das hat Martin Luther gemacht.
    Seine Sprache wurde so lebendig, zupackend, lebensnah.
    Und das Evangelium verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch das Land:
    Gott schenkt euch Glauben. Gott stärkt euch in Jesus Christus. Gott lässt sich in der Bibel finden.
    Ganz einfach.
    „Es weiß, gottlob, ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei.“
    Das galt zu Luthers Zeiten noch.
    Heute sind Glaube, Kirche, Religion nicht mehr selbstverständlich.
    Deswegen müssen wir neu von Gott reden, einfach in doppelter Hinsicht.
     
    Vor 80 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer im Konzentrationslager Flossenbürg ermordet.
    Er hat uns die „nicht-religiöse Interpretation biblischer Begriffe“ aufgegeben, hat selber intensiv darum gerungen, 
    Gott neu zur Sprache und einfach ins Tun zu bringen. In düsterer Zeit, unter Einsatz seines Lebens.
     
    Wir wollen dieses Jahr am Reformationstag uns der Aufgabe stellen, einfach von Gott zu reden.
    Im Gottesdienst wird Bonhoeffers Glaubensbekenntnis zur Sprache kommen, und Konfirmandinnen und Konfirmanden.
    Der Evangelische Gemeindeverband zeichnet Menschen aus, die unter uns einfach von Gott reden und sich für Gottes liebste Sache, den Mitmenschen, einsetzen.
    Prof. Dr. Ralf Wüstenberg wird uns einen Impuls geben – Dietrich Bonhoeffers Ansätze auf unsere heutigen Herausforderungen beziehen.

    Ralf K. Wüstenberg wurde 1965 geboren und ist Professor für Evangelische Theologie mit den Schwerpunkten systematische und historische Theologie an der Universität Flensburg. Er lehrte er an den Universitäten Kapstadt, New York City und Cambridge. Von 2003 bis 2005 war er Domprediger am Berliner Dom und ist dort seit 2018 ständiger Gastprediger.

    Der Gottesdienst beginnt um 18 Uhr in der Friedenskirche und wird von Citykirchenpfarrer Falk Schöller, Pfarrerin Dr. Ines Siebenkotten und der Krefelder Citykantorei unter Leitung von Christiane Böckeler gestaltet.
    Um 19 Uhr gibt es Ehrung, Impuls und Empfang im Kulturpunkt.

    Heile! Heile! Segen! – Petrus und Petras pfingstlicher Auftrag

    Auf dem Spielplatz sitzen, an einem Samstagmorgen, zwei Omas auf einer Bank. Relativ jung erscheinen mir die Großmütter, die großen Mütter, die an diesem Tag ihre Kinder entlasten und sich um die Enkel kümmern. Vielleicht Mitte, Ende 50, sind sie. Sie haben alle Zeit der Welt, scheint es, sitzen da, im Gespräch, zwei Buggys stehen neben ihnen, im Sand spielen ihre zwei Enkelkinder friedlich miteinander.
    Den Namen der einen habe ich im Vorübergehen nicht mitbekommen, aber eine von beiden heißt Petra. Ein typischer Name für eine Frau ihres Alters. Viele Mädchen aus meiner Schulzeit hießen so. Petra, ein Name mit Botschaft, Petra, die Felsin. Geboren in den stürmischen Zeiten der 1960-er Jahre, eine Zeit der Aufbrüche und Umbrüche. „Ich wünsche mir, dass du ein Fels sein wirst, der die Irrungen und Wirrungen des Lebens gut bewältigst.“ Vielleicht war das der Grund, den Namen Petra zu wählen. Vielleicht haben es die Eltern so im Taufgespräch erzählt, damals in einer der vielen neu gebauten Kirchen in einer der vielen Neubausiedlungen, von denen so viele in den Babyboomerzeiten notwendig wurden. Petra, ein starker Name für eine Frau, die stark werden sollte und stark sein musste. Petra, ein Fels in der Brandung des Lebens. Namen sind nicht nur Schall und Rauch. Manchmal ist ein Name auch ein Auftrag, eine Mission, eine Vision. Petra.
    Das Gesicht der Petra hat schon einige Falten, Lachfalten und Sorgenfalten. Das Leben hat seine Spuren hinterlassen, ist nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. „Ich bin stolz auf meine Falten“, hat meine Oma immer gesagt, „denn in den Falten kann sich auch der Schmerz und der Schmutz des Lebens verbergen.“ Ob Petra ihre Falten auch mit einem solchen Stolz trägt wie meine Großmutter?
    Petra sitzt, ich wende meinen Blick wieder auf meinen Weg, da ertönt ein spitzer Schrei. Petras Enkel ist hingefallen, die Hände sind leicht aufgeschürft, im Gesicht ist Sand. Er rennt zu Petra, das Weinen geht durch Mark und Bein. Petra dreht sich um, wendet sich dem Kind zu, nimmt es in den Arm und auf den Arm. Streicht den Sand aus dem Gesicht, mit einem Taschentuch und etwas Wasser werden die Hände sauber gemacht. Es ist nicht viel passiert, aber noch ist kein Trost da. Laut schreit ihr Enkel weiter.
    In dieses Schreien hinein lässt Petra ihre Stimme erklingen. „Heile! Heile! Segen! Drei Tage Regen, drei Tage Schnee, dann tut’s auch nicht mehr weh.“ Petra lächelt beim Singen, ist ganz zugewandt. Dann pustet sie über Hände und Gesicht, drückt das Kind an sich. Trost und Zuspruch wirken. Aus dem Weinen wird ein Schluchzen, dann ein Staunen. Der Blick auf die Hände – da ist ja gar nichts mehr. Auf den Boden, zurück in den Sand, das Spiel des Lebens geht weiter. Petra geht wieder ins Gespräch. Ich gehe wieder weiter. Als wäre nichts gewesen. Petra. Der Fels.
    Doch es ist so vieles gewesen. In einer kleinen Szene. Mit wenigen Worten. Petrus. Der Fels. Er antwortet Jesus. Auf dessen Frage am Straßenrand an die Jünger: Wer sagt ihr, dass ich sei. „Du bist der Messias, Sohn des lebendigen Gottes.“ Mit wenigen Worten Klarheit. Auf den Punkt gebracht. Jesus ist bewegt: „Selig bist du, Simon. Ich sage dir: du bist Petrus. Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, die Tore des Totenreichs werden sie nicht überwältigen. Ich gebe dir die Schlüssel des Himmelreichs: was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein. Was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.“ Und Jesus gebot seinen Jüngern niemandem zu sagen, dass er der Messias sei.
    Und dann ziehen die Jünger weiter, nach diesem kurzen Innehalten. Es scheint, als wäre nichts geschehen. Und doch ist so vieles geschehen. Petrus. Der Fels. Der die Kraft hat zu binden und zu lösen. Auf den Jesus seine Kirche baut.
    Petrus wird in seinem Leben noch vieles zu lösen und zu binden haben. Eine große Aufgabe. Nach dem Tod Jesu muss er zusammenbinden. Zusammenhalt schaffen, Gemeinschaft bauen. Und er muss den Knoten lösen: Jesus ist tot. Für alle sichtbar. Jesus ist auferstanden. Im Glauben zu erkennen. Nach der Himmelfahrt ist er nicht mehr da. Petrus muss das Geheimnis lösen, wie Kirche jetzt gedacht, gemacht, gebaut werden kann. „Heile! Heile! Segen! Drei Tage Regen. Drei Tage Schnee. Dann tut’s auch nicht mehr weh!“ Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes. Wird Recht sprechen über Lebende und Tote. Petrus. Der Fels. Petrus geht ins Gespräch. Nichts ist wie vorher. Denn Segen, Shalom, Hoffnung ist in der Welt. Du bist der Messias, der Christus, der Sohn Gottes. „Heile, heile, mit deinem Segen, die kleinen und großen Wunden dieser Welt.“ Petrus. Der Fels. Das Spiel des Lebens geht weiter.
    Petra auf der Bank. Petrus am Straßenrand. Beide lösen den Schmerz, den Schrei auf. Bringen Heil und Segen in ihre Welt. Kinder und Kirche. Petra und Petrus finden das richtige Wort, treffen den richtigen Ton, haben Vertrauen in das Leben, Hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weitergehen. So einfach ist es nicht. Aber Petrus und Petra helfen, dass das Krönchen wieder sitzt. Bei dem Menschen, der hingefallen ist.
    Manches Mal ist es nur ein kleines Hinfallen. Im Sandkasten, wo das Leben nur ein Spiel ist. Oft aber ist es ein großes Hinfallen. Im Leben, wo der Sand ins Getriebe kommt. Weil das, woran man geglaubt, sich festgehalten hat, wovon man überzeugt war, hinfällig geworden ist. Oder weil man sich selber nicht mehr glaubt, einen nichts mehr hält, man alt und hinfällig wird. Weil einem das Leben entgleitet und aus den Fugen gerät. Die Bibel spricht davon, dass die ganze Schöpfung eine gefallene ist, hinfällig. In der so vieles ins Rutschen kommt.
    In dieser Welt braucht es einen neuen, einen anderen, einen heiligen Geist. Der Menschen aufbaut, tröstet, stärkt. Der den Gott auf den Plan ruft, der selber das Leben gelebt, die Angst gespürt, den Tod durchschritten hat. Und es braucht Menschen, die diesen Geist in unser Leben bringen.
    Petrus, war so einer. Petra ist so eine. Evangelisch gedacht: heute, am Pfingstfest, werden wir alle von Gott berufen, Petrus und Petra zu sein. Heil und Segen in die Welt zu bringen. Das richtige Wort, den richtigen Ton zu finden, Vertrauen in das Leben zu stärken. Begeistert zu sein.
    Das geschieht, oft unscheinbar, unter uns. Wenn wir Menschen, die hingefallen sind, die Hand reichen, sie aufrichten. Wenn wir uns Zeit nehmen, das Ohr schenken, auch wenn da schrille Schreie an unser Ohr dringen. Wenn wir mit und für Menschen beten. Auch um Vergebung. Wenn wir lösen, was gefangen hält, finden und binden, was zusammengehört.
    Ich war die letzten zwei Wochen im Urlaub. In den ich tief erfüllt und begeistert gefahren bin. Denn hier, in und um die Friedenskirche, ist am Sonntag so viel Gutes passiert. Einfach heiraten, viele haben davon gehört, viele waren dabei. Da wurde zusammengebunden, mit Gottes Hilfe, was zusammengehört. Da wurde zugehört, da wurden Bilder vom Leben neu gemacht, da wurde gesungen, gelacht, gegessen, getrunken, gefeiert. Das hat mich begeistert und ich habe mich gefreut, selber ein Petrus sein zu dürfen. An diesem Tag.
    Ich bin sicher, Sie haben auch solche Momente, in denen Sie Petra oder Petrus sind. Wenn Sie den Blick haben für den Menschen, der ihr gutes Wort, ihr offenes Ohr, ihren Zuspruch baut. Manches Mal gehört da auch dazu, dass wir Menschen auf den Arm nehmen. Damit das Leben leichter werden kann. Oft gehört auch dazu, dass wir Menschen in den Arm nehmen, sie drücken, damit sie loslassen können, das sie drückt und bedrückt. Das ist, weiß Gott, nicht immer einfach – und manches Mal nehme ich Menschen einfach ins Gebet. Damit Gott es lösen kann, oder neu binden kann, was immer nötig ist.
    Wir alle dürfen Jesu Zusage für uns beanspruchen: nicht einmal der Todesschattenkann uns überwinden. Denn wir sind Petrus, wir sind Petra. Der Fels, auf den Gott baut. Seine Kirche. Mit seinem Heiligen Geist. Und ich bin sicher: Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen. Und werdet seine Zeuginnen und Zeugen sein. In all dem, was auf dieser Welt steht und fällt. Amen.

    Predigt am Sonntag Rogate – Beten lernen (Joh 16, 23-28.33)

    Friedenskirche Krefeld, 25. Mai 2025

    Ihr Lieben,

    Not lehrt beten.

    Sagt ein Sprichwort.

    Doch meine Erfahrung ist eine andere.

    Not macht stumm.

    Beten richtet den Blick über sich hinaus auf Gott.

    Not wirft mich auf mich selbst zurück.

    Im Gebet hoffe ich auf Gottes Macht.

    In der Not spüre ich die Ohnmacht.

    Ich erinnere mich an eine Situation eindrücklicher ohnmächtiger Stille.

    Meine Schwiegermutter lag im Sterben.

    Wir kannten die Stunde.

    Alles war vorbei.

    Das letzte Mal Creme auf die rissige und fahle Haut.

    Das letzte Mal Zitronenstäbchen, Wasser und Geschmack in den trockenen Mund.

    Das letzte Wort war gesprochen.

    Mein Schwiegervater saß neben dem Bett, hielt ihre Hand.

    Wollte nicht wahrhaben, was unabänderlich geschieht.

    Wollte festhalten, was nicht festzuhalten war.

    Die Beziehung. Die Liebe. Das Leben.

    Neben dem Bett standen die drei Töchter.

    Gemeinsam und einsam zugleich.

    Dahinter die Lebenspartner.

    Wie verloren.

    Im Raum war auch noch eine Rot-Kreuz-Schwester.

    Eine Randfigur.

    Normalerweise verrinnt uns allen die Zeit.

    Tage, Jahre gehen dahin.

    Jetzt war es, als ob die Zeit stehen blieb.

    Sekunden werden zu Minuten.

    Alles geschah in Zeitlupe.

    Jeder Atemzug dauerte länger.

    Die Zeit zwischen den Atemzügen dehnte sich.

    Fast eine Ewigkeit.

    Not lehrt beten.

    Jetzt wäre die Zeit zum Beten.

    Aber das hatten wir nicht gelernt, nicht geübt, nicht gemacht.

    Ein Gebet zum Abschied, ein Gebet auf den Weg,

    Ein Gebet, das uns noch einmal miteinander verbindet, ein Brückenschlag zwischen Leben und Tod, zwischen Lebendigen und Toten.

    Bevor der Lebensatem ausgehaucht ist, bevor der Pulsschlag des Lebens endet, bevor der Lebenskreis geschlossen wurde.

    Wir hatten vieles gelernt, geübt, gemacht.

    Lachen und Weinen,

    pflanzen und ausreißen,

    streiten und versöhnen.

    Alles hatte seine Zeit gehabt.

    Aber beten? Gar gemeinsam beten?

    Das hatten wir nicht gelernt, geübt, gemacht.

    Dabei wäre doch jetzt das gemeinsame Gebet eine Hilfe, eine Brücke, ein Segen.

    Gott ist dein Hirte.

    Dir wird nichts mangeln.

    Er wird dich in den neuen Frühling begleiten.

    Du wirst frisches Wasser trinken.

    Seelenruhig wirst du sein.

    Gott führt dich auf einen guten Weg. Versprochen.

    Noch bist du in der Finsternis.

    Doch hab keine Angst:

    Gott ist mit dir.

    Er tröstet dich.

    Alles, was kommt, wird dir schmecken.

    Das Glas ist niemals halbleer, sondern immer voll.

    Deine Haut glänzt wie die Sonne.

    Gutes und Barmherzigkeit werden immer mit dir sein, lebenslang.

    Du wirst bei Gott wohnen.

    Wir werden uns wiedersehen.

    Amen. So ist es. Für dich. Für uns.

    Alle im Raum kennen dieses Gebet.

    Es wären jetzt lösende, erlösende Worte.

    Doch wir bleiben stumm.

    Jeder nimmt für sich Abschied, obwohl wir doch alle gemeinsam sind.

    Gemeinsam einsam.

    Jeder ist mit seiner Ohnmacht allein.

    Obwohl doch Gottes mächtige Zusage uns alle eint.

    Wir sind alle konfirmiert. Fest im Glauben und der Kirche.

    Wir haben es jeder für sich gelernt.

    Aber nie miteinander eingeübt.

    Geteilt. Verfübar. Jetzt.

    Beim Abschied.

    Wer hilft unserer Schwachheit auf?

    Wir springen einmal ins Johannesevangelium.

    Es ist nach den anderen Evangelien geschrieben.

    Noch mehr Erfahrungen der jungen, christlichen Gemeinden fließt ein.

    Hatten die Christen zuerst gehofft, dass Jesus noch zu Lebzeiten wiederkommt, muss nun der Tod von Christen bedacht und betrauert werden.

    Hier herrscht Sprachlosigkeit.

    Und Ohnmacht.

    „Was sollen wir, in Jesu Namen, angesichts des Todes sagen, was hoffen, was beten?“

    Johannes spürt die Not – und lässt Jesus eine Rede zum Abschied halten.

    Zu seinem Abschied – aber auch für unsere Abschiede.

    Denn eines ist sicher: wir werden alle einmal sterben.

    Wie mit einer Lupe wird die Zeit zwischen Verrat und Verhaftung bei Johannes gefüllt.

    Jesus lehrt beten, im Angesicht des Todes, angesichts des unabwendbaren Sterben.

    Was können wir hoffen?

    Was sollen wir sagen?

    Wie können wir trösten?

    Jesus selbst meldet sich zu Wort, hören wir einfach mal zu:   

    Ihr seid nun traurig.

    Aber ich will euch wiedersehen.

    Euer Herz soll sich freuen.

    Eure Freude soll niemand von euch nehmen.

    An jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.

    Wahrlich, wahrlich, ich sage euch:

    Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben.

    Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen.

    Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.

    Es kommt die Stunde:

    an jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen.

    Gott, der Vater, hat euch lieb.

    Weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin.

    Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen.

    Ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater.

    Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt.

    In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.

    Einfühlsam nimmt Jesus wahr, wie es im Angesicht des Todes den Menschen geht, die nun Abschied nehmen müssen. An seinem Abschied macht er fest, was für jeden Abschied fest zu machen ist:

    Die Trauer wird benannt.

    Die Angst, die Furcht.

    Die Sorge, dass mit dem Tod alles aus ist.

    Die Lebenslust. Der Lebensfrust.

    Sinn und Geschmack dieser Welt.

    Die Liebe mit all ihren Schichten.

    Die Menschen mit all ihren Sichten.

    Das Leben mit all seinen Geschichten.

    Im Anfang: das Wort.

    Und nun, am Ende: sein Wort.

    Sein Wort, dass Trost gibt.

    Allen, die an ihn glauben, ihm vertrauen.

    Allen, die sich ihm anvertrauen.

    Auch im Moment des Abschieds, des Übergangs, des Todes.

    „In mir habt ihr Frieden.

    Gottes Friede sei mit euch.“

    Und im Beten wird dieser Friede wirklich.

    Schon heute, mitten in unserer Furcht.

    Was könnte es Größeres geben, als dies zu teilen.

    Miteinander und füreinander zu beten.

    Das ist das größte.

    Für das Gebet haben wir sein Wort.

    Unser Vater.

    Du bist himmlisch.

    Zu dir zu beten ist heilsam.

    Komm mit deinem Reichtum in unsere Armut,

    mit deinem Frieden in unseren Unfrieden,

    mit deiner Macht in unsere Ohnmacht.

    Lass geschehen, was du für uns und die Welt willst.

    Den Frieden. Deinen Frieden.

    Nicht nur im Himmel, sondern auch auf unserer Erde.

    Lass uns satt werden, Leib und Seele.

    Vergib uns unsere Ohnmacht und unseren Kleinglauben. 

    Wir vergeben denen, die an uns schuldig geworden sind.

    Am Ende bleibt nicht zwischen uns.

    Führe uns durch den Todesschatten.

    Löse uns von dem Bösen, das uns gefangen hält.

    Dir ist alle Kraft gegeben,

    deswegen ist es herrlich, dass du für uns bist.

    Gott schenke uns Kraft, Mut und Besonnenheit:

    Auf dass wir beten.

    Heute und alle Tage.

    Bis an die Enden der Welt und bis ans Ende der Welt.

    Und der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft,

    bewahrt Herzen und Sinne

    in Jesus Christus, unserem Herrn.

    Amen.

    Karfreitag Bibeltext aus Johannes 19: Die Folterung begann

    Die Soldaten schlugen Jesus Nägel ins Fleisch,
    er war nackt, nahmen die Kleider, zählten jedes Stück:
    „Wir teilen durch vier, dann geht niemand leer aus“,
    nur den Rock, den er am Leib trug, konnten sie nicht zerteilen;
    denn er bestand, durch keine Nähte verbunden, aus einem einzigen Webtuch.
    „Um den Leibrock wollen wir würfeln,
    wer die höchste Zahl hat, mag ihn behalten.“
    Und so würfelten die, damit sich das Schriftwort erfüllte:
    „Verteilt haben sie, unter sich, meine Kleider,
    und um meinen Leibrock haben sie Würfel geworfen.“
    Seine Mutter aber stand nah bei den Soldaten,
    den Nägeln und den Würfeln,
    und bei ihr war ihre Schwester,
    dazu Maria, die Frau des Kleophas, und Maria, die aus Magdala kam.
    Jesus aber sah seine Mutter und sah den Schüler, den er lieb hatte,
    Johannes, und sagte zu ihr:
    „Mutter! Das ist von nun an dein Sohn!“
    Und zu dem Schüler sagte er:
    „Dort! Deine Mutter!“
    Und von dieser Stunde an nahm sie der Schüler,
    als seine Mutter, zu sich ins Haus.
    Es war die Stunde, da Jesus wusste:
    Nun wird es enden, und es kommt alles ans Ziel,
    denn die Schrift will erfüllt sein, und er redete mit ihren Worten:
    „Ich bin sehr durstig.“
    Da nahmen die Soldaten ein Essigfass, holten einen Schwamm,
    tunkten ihn in Essig, setzten ihn auf die Spitze eines Stocke, eines buschigen Stengels, hoben ihn an Jesu Mund, und der berührte den Schwamm mit seinen Lippen:
    Nun ist es vollbracht.

    Karfreitagpredigt – für uns, bis in den Tod hinein

    Ich habe mir vorhin die Ohren zugehalten. Ich wollte nicht hören, wie die Nägel sich durch Jesu Hände und Füße bohren. Ich wollte Jesu Schreie nicht hören. Ich will mir das nicht vorstellen.
    Ich habe mir vorhin die Augen zugehalten. Ich wollte nicht sehen, wie Jesus nackt am Kreuz hängt. Auch die zynischen Soldaten wollte ich nicht sehen, die all das Blut ignorieren. Sie würfeln im Angesicht des Schreckens. Sie bereichern sich am Tod, bevor er eingetreten ist.
    Ich habe mir vorhin aber nicht das Herz zugehalten, es nicht verschlossen.

    Und so habe ich gesehen und gehört, was an diesem Ort in dieser Stunde auch geschehen ist. Was wir übersehen und überhören, wenn wir uns nur auf den Schrecken konzentrieren, was wir übersehen und überhören, wenn wir den Schrecken ausblenden, Augen und Ohren verschließen.
    Ich habe es gesehen und gehört. Was am Rande der Geschichte geschehen ist – und doch im Zentrum, in der Mitte steht. In der Mitte zwischen: „Die Folterung begann“ und „Nun ist es vollbracht. So ist er gestorben: das Haupt gesenkt, ohne Atem.“

    Atemlos ist Jesus am Ende, doch davor, da hatte er noch genug Atem, um seine vorletzten Worte zu formen. Worte voller Liebe und Hoffnung, Worte voller Vertrauen und Verantwortung, Worte voller Fürsorge und Menschlichkeit. Es gibt seine Liebe am Kreuz. Eine Liebe, die das Kreuz überdauert. Eine Liebe, die ein neues Zuhause, eine neue Heimat, eine neue Bindung schafft. Eine Liebe, die am Kreuz neu wird.

    Maria und Johannes
    Johannes. Der Schüler, der Jünger, der Nachfolger, den Jesus lieb hatte. Er hat sich nicht aufgedrängt, nicht in den Mittelpunkt gestellt. Er war da, nah dran, dicht bei Jesus. Oft zu Jesu Füßen gelegen, auch jetzt steht er bei Fuß.
    Maria. Die Mutter, die von ihrem Sohn nicht gelassen hat, obwohl er sie doch in vielem enttäuscht haben muss. Vom Vater ist keine Rede – Jesus hat einen himmlischen Vater, der irdische spielt keine Rolle. Jetzt nicht.
    Und auch andere spielen keine Rolle. Jetzt nicht.
    Johannes, Maria. Maria. Johannes.

    Diese zwei: Was sie wohl in diesem Moment gedacht und gefühlt haben?
    In Marias Augen waren sicher Tränen. Um ihren Sohn, ja. Aber auch um den Rock. Dieses ungenähte Stück Stoff, das sie auf einem einzigen Webtuch erschaffen hatte. Vor vielen Jahren. Schön war der Leibrock, etwas Besonderes. Sie hatte diesen Jesus auf den Leib zugeschneidert. Hatte Maß genommen. Ein Kleidungsstück erschaffen, das Jesus sein ganzes Leben begleiten sollte. Vor Augen sicher ein langes Leben. Doch jetzt: Ein kurzes, zu kurzes Leben. Ein intensives Leben.
    Maria erinnert sich an den ersten Fleck auf dem Rock. Sie wollte sich eigentlich aufregen. Doch sie war ja selbst schuld gewesen. Bei der Hochzeitsfeier, als der Wein ausging. Und sie Jesus um Hilfe gebeten hatte. Um ein Wunder. Auf wunderbare Weise wurde aus Wasser Wein, ein wunderbarer Tropfen. Das Wasser läuft ihr im und zusammen, wenn sie sich erinnert. „Man schenkt den besten Wein zuerst aus“, wird der Wirt angegangen, so gut ist der Wein. Als Jesus den Probeschluck nimmt, wischt er sich den Mund ab, einige Tropfen rinnen aus den Mundwinkeln auf ihren Leibrock. „Das geht nie wieder raus“, hatte sie noch gedacht, und dann gelacht: „Von diesem guten Tropfen geht kein Tropfen verloren!“ Sie nimmt selber einen Schluck, geht auf die Tanzfläche. „So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der könnte nie vergehn.“ Jesus. Mein Sohn.
    Maria weint. Mitten im Schrecken läuft ihr eine Freudenträne über die Wangen und sie ist glücklich, einen kurzen Moment nur. Wenn Jesus ihr jetzt in die Augen sehen könnte! Sie traut sich nicht zu Jesus zu sehen. Ihr Blick fällt auf Johannes. Auch über seine Wange läuft eine Träne.

    Johannes sieht nicht, dass Maria ihn ansieht. Er ist mit seinen Gedanken woanders. Nicht hier. Am Kreuz. Er will Jesus so nicht sehen. Und er kann ihn auch nicht sehen. Denn seine Augen sind feucht. Was jetzt ist, verschwimmt, was früher war, sieht er klar. Sein Kopf ist voller Erinnerungen, an all die Geschichten, die er mit Jesus erlebt hatte. Er hat den Geruch von Verwesung in der Nase, es stinkt bestialisch hier. Johannes kennt den Geruch, der ihn einige Tage zurückwirft. Lazarus hatte auch so gestunken, drei Tage war er schon tot, als sie ankamen. „Du kommst zu spät. Jetzt kann man nichts mehr machen.“ Diese Worte erinnert er. Doch für Jesus gibt es kein zu spät. „Bei Gott ist nichts unmöglich. Habt Vertrauen.“ Das klingt in seinen Ohren. Jesus hatte ihn das gelehrt und gelebt – und er, Johannes, hat das gehört, geglaubt, erlebt. Als Lazarus sich erhob, all die Leichentücher abnahm und so nackt war, wie Jesus jetzt auch. So viel Leben in einem Toten. Das gibt es doch gar nicht. Johannes ist in seiner Erinnerung. Nicht gefangen, sondern befreit: Der Tod muss kein Ende sein. Hosianna. Johannes weint, Hoffnung schiebt sich vor die Trauer, Liebe vor den Schrecken. Dieser dunkle Moment muss nicht das Ende sein. Er spürt, wie sein Blick trüb wird. Das Schreckliche vor ihm sieht er nicht mehr klar, dafür umso klarer, umso deutlicher die Hoffnung. Sie steht ihm vor Augen. Ein Glücksgefühl überkommt ihn, einen kurzen Moment nur. Wenn Jesus ihm jetzt ins Herzen sehen könnte! Er traut sich, zu Jesus zu sehen, hebt seinen Kopf, schaut auf Jesus – und spürt in dem Moment, wie der Blick Marias auf ihn gerichtet ist. Johannes sieht auf Jesus. Maria sieht auf Johannes. Eine wunderbare Dreiecksbeziehung.
    Und Jesus? Jesu Blick richtet sich auf die beiden, die Weinenden. Sie lachen, obwohl sie weinen, sie hoffen, obwohl es schmerzt, Ihr Herz zerbricht, sie lieben herzlich das Leben. Maria. Johannes. Jesus.

    „Ihr Lieben“, sagt Jesus, „Meine Lieben. Meine Geliebten.“ Mutter. Sohn.
    Jesus setzt Maria und Johannes in eine neue Beziehung. In Liebe und Sorge füreinander. Über den Tod hinaus. Jesus denkt ins Leben hinein. Jetzt. Am Kreuz. Zwischen Folter und Tod. Wo es allen den Atem verschlägt, hat er noch genügend Lebensluft, um Worte zu formen, die den Tod überleben.
    „Mutter, das ist von nun an dein Sohn!“ „Dort! Deine Mutter!“
    Was Gott zusammenfügt, scheidet der Tod nicht.

    Das ist so, im vorletzten Moment. Bevor es zu Ende geht, ist Jesus am Ziel. Jesus steht der Tod vor Augen, aber er sieht das Leben, die Beziehung, den Menschen. Maria, seine Mutter. Bald Mutterseelenallein. Joahnnes. Den Liebling. Treu bis in den Tod. Jesus sieht beide, bezieht sie aufeinander. Von nun an. Dein.

    Am Kreuz gibt es eine Kraft, die Liebe sät und Beziehung stiftet. Die kein Tod brechen kann, die weiter geht und weiter lebt. Gesprochen. Versprochen. Es ist vollbracht.

    So geht Jesu Lebensweg zu Ende. Wer das glaubt, glaubt schon viel. Aber hofft noch nicht genug. Denn dieses Ende ist nur der Auftakt zu einem Finale. Das noch viele überraschen wird. Und bei dem noch viele Freudentränen geweint werden. Von Maria. Von Johannes. Und von vielen. Es wird auch wieder riechen, intensiv. Nach gegrilltem Fisch. Und wieder wird einer ohne seinen Leibrock nackt sein. Habt Geduld! Das Beste kommt noch! Versprochen. Denn der Friede Gottes ist wahrhaft höher als alle menschliche Vernunft und Unvernunft. Und bewahrt uns, Herzen und Sinne, im Leben, im Tod. Und weit darüber hinaus. In Jesus, dem Christus, unserem Herrn. Amen.

    Bikerträume eines Christenmenschen – Impuls zum Bikergottesdienst

    Liebe Bikergemeinde,
    das Reich Gottes ist woanders, eine neue Welt – aber nicht hier. The promised land. Mit diesem Versprechen sind viele aufgebrochen.
    „In den Rücken gefallen“ – das ist das Gefühl zur Zeit.
    Es mangelt an Vertrauen.
    Menschen werden ausgewiesen, sie sind sich hier nicht sicher.
    Verträge werden nicht eingehalten, sie werden aufgekündigt.
    Eigentlich war es anders: das ewige Reich. Vertrauen auf ewig, das gesprochene Wort gilt, wenn ich einmal dort bin, muss ich nichts mehr befürchten.
    American Dream – ein Gegenentwurf zu hier.
    „Ich war noch niemals in New York“
    Unser Glaube: das ist nichts, was es irgendwo auf der Erde in Reinform, Das ist Illusion, das ist zerbrochen. Ein tausendjähriges Reich auf dieser Erde ist immer eine Schreckensherrschaft.
    Daher: kleine Brötchen backen. Nüchterner Realismus.
    Immer wieder ein Stück der Freiheit einholen, sich und anderen zugestehen, andere in ihrer Freiheit stehen lassen.
    To live and let die.
    Das meint es ganz konkret:
    •⁠ ⁠Auch der Flüchtling, der hier ist und hier seinen Traum vom Leben wagt, darf seine Freiheit hier leben – solange er die Freiheit der anderen respektiert.
    •⁠ ⁠Auch der Obdachlose, der sich entscheidet, warum auch immer, auf der Straße zu leben und durch die Straßen zu ziehen, darf sein Lebenskonzept leben – solange er die Freiheit anderen respektiert.
    •⁠ ⁠Auch der Jugendliche, der sich entscheidet, sein Leben in der virtuellen Welt zu leben oder ganz anders zu sein, darf seine Freiheit leben – solange seine Freiheit nicht andere unfrei macht.
    Aber wir feiern ja heute einen Gottesdienst:
    Jesus steht exemplarisch für das Ende der Freiheit.
    Ob er ein Freiheitskämpfer war, wissen wir nicht so genau.
    Aber seine freie Art zu denken, zu leben, zu handeln, haben andere als Gefahr für ihre Sicherheit, für ihre Ordnung, für ihre Lebensvorgaben empfunden.
    Es gibt die Geschichte von Maria und Martha.
    So kann man doch nicht in die bewährten Rollen eingreifen. Wo kämen wir da hin, wenn alle wie Martha wären. Nur hören, kein dienen. Sich einfach an die gedeckte Tafel setzen. Und auf den hören, der einem gut tut. Jesus.
    Ich verstehe, dass das Menschen Angst macht.
    Wenn es auf einmal auch an
    Du das Jesus, je mehr Menschen ihm folgen, desto mehr Menschen sich aufregen. Und dann kommt er mit dem Esel in die Stadt. Nicht mit einem Drahtesel, ohne den Geruch von Benzin, sondern bleifrei.
    Und dann die Geschichte ihren Lauf.
    Ihr kennt sie.
    Verraten, verurteilt, verspottet.
    Gekreuzigt, gestorben, begraben,
    Und mit ihm all die träume von Freiheit, Weite, Ungebundenheit.
    Das Ende aller Träume. Träume sind Schäume.

    Doch halt. Jesu Traum hört nicht auf. Gott erweckt Jesu Traum neu. Gott ruft Jesus ins Leben zurück. Und mit ihm all die Erzählungen, all die Begebenheiten, all die Geschichten seines Lebens. Gleich vier Mal werden sie aufgeschrieben. Vier Biographien von einem Leben.
    Das Leben geht weiter, der Traum hört nicht auf.
    Ein Schatz. Aus dem wir auch heute schöpfen können.
    Nicht nur auf dem Motorrad, aber auch dort.
    Den Blick in den Horizont: das Leben ist weit.
    Den Blick in den Himmel: das Leben ist schön.
    Gott sei Dank.
    Amen.

    Zur Lichtgestalt werden – Feierabend komm 17.1.

    Psalm  123 – Ich rechne mit Gott

    Herr, ich rechne mit dir,

    obwohl ich manchmal selber nicht glaube,

    dass du für mich da bist.

    Ich bin wie ein verlassenes Kind im Waisenhaus:

    Man sagt ihm: Du hast keinen Vater und keine Mutter!“,

    und doch bleibt es auf der Suche nach seinen Eltern.

    Ich bin wie viele junge Leute:

    Sie werden enttäuscht in dem, was man ‚Liebe‘ nennt,

    und doch hören sie nicht auf,

    auf die echte Liebe zu hoffen.

    So vertraue ich dir:

    Den ich nichtsehe, als sähe ich dich;

    Den ich nicht höre, als sprächst du zu mir;

    Den ich nicht erkenne – du doch spüre ich deine Nähe.

    Herr, ich verlange keine Wunder,

    aber gib mir die Augen, die in den Alltäglichkeiten

    dein Wirken erkennen;

    gib mir Gedanken, die das Alltagsgeschehen

    als dein Handeln erfahren;

    gib mir den Sinn, hinter den Oberflächlichkeiten

    Sinn und Sinnlosigkeit zu unterscheiden.

    Denn ohne deine Hilfe

    kann ich nicht bestehen –

    gegen den Spott der Kollegen,

    gegen die Stimmung von Freundinnen und Freunden,

    gegen die ‚Gott ist doch tot‘ – Meinung

    und gegen das überlegene Lächeln derer, die sagen:

    ‚Moderne Menschen brauchen keinen Gott!‘

    Gegen diese Gottlosigkeiten schütze mich.

    Du drückst mich nicht nieder,

    du richtest mich auf.

    Gebet

    Alles ist eitel, nichtig, leer.

    So fühlt es sich oft an.

    In meinem Leben.

    In unserem Leben.

    Alles ist eitel, nichtig, leer.

    Wenn es sich so anfühlt,

    scheint es, als hätten wir keine Wahl.

    Als wäre es immer so. Eitel und nichtig und leer.

    Alles ist eitel, nichtig, leer.

    Das ist gottlos.

    Und ja, vieles ist gottlos.

    Und ja viele sind gottlos.

    Sind ihren Gott, los geworden.

    Alles ist eitel, nichtig, leer.

    So hoffnungslos, weil so gottlos, ist es trostlos.

    Doch wir suchen nach Hoffnung, nach Trost.

    Und so suchen wir dich, Gott.

    Nichts muss eitel, nichtig, leer bleiben.

    Wenn es von dir, Gott, beseelt wird,

    wenn wir von dir, Gott, begeistert werden,

    wenn du, Gott, als Licht in unser Leben scheinst,

    wenn du, Gott, mit einem Licht unser Leben bescheinst.

    Ach, komm, Gott, komm mit deinem Licht,

    mit einer Fülle, mit deiner Kraft.

    Und gib unserem Leben Richtung und unserem Handeln Sinn.

    Ach, Gott, du bist ja schon gekommen,

    in Jesus Christus,

    Licht der Welt,

    Licht des Lebens,

    mein Licht.

    Gekommen. Um zu bleiben.

    Heute und in Ewigkeit.

    Amen.

    Zur Lichtgestalt werden

    Erzählen will ich.

    Von einer Lichtgestalt.

    Ich habe sie gesehen.

    Zuerst aber nicht erkannt.

    Sie hat einen Namen.

    Tatjana.

    Tatjana saß in einem Auto. In Namibia.

    Vorne. Wir kamen dazu. Elke und ich.

    Es ging los. Tiere beobachten.

    Wir fuhren durch die Landschaft.

    Sahen Zebras. Und Antilopen.

    Und Adler. Und Schildkröten.

    Dann hielten wir an. Alle stiegen aus.

    Tatjana nicht.

    Sie kann nicht alleine aussteigen.

    Infantile Cerebralparese, ICP.

    Ihr Diagnose.

    Ihre Prognose am Lebensanfang. Schlecht.

    Tatjana ist keine Lichtgestalt.

    Im Gegenteil.

    Sie überschattet vieles, was sich ihre Eltern wohl so erhofft haben.

    Aber Tatjana kämpft.

    Auf dem Internat in Südafrika.

    Alleine. Behindert. In fremdem Land. Weit weg.

    Sie ist einsam. Will zurück. Kommt zurück.

    Will zurück zu den Eltern. Kommt zurück ins Leben.

    Ihr Lebenswille: stark.

    Ihr Selbstvertrauen: stärker.

    Ihr Gottvertrauen: am stärksten.

    Sie weiß: ich schaffe es nicht aus eigener Kraft.

    Sie weiß auch: ohne eigene Kraft schaffe ich nichts.

    Und so beißt sie sich durch.

    Durch die Schule.

    Durch das Studium.

    Mit und trotz ihrer Spastik.

    Mit und trotz ihren Einschränkungen.

    Sie schafft, so lange, bis sie es geschafft hat.

    Tatjana weiß, was sie will.

    Anderen helfen. Mitten dabei sein. Das Leben genießen.

    Wir lernen sie kennen.

    Als sie das Leben genießt.

    Vorne dabei. Im Auto.

    Sie sieht sie auch.

    Die Zebras. Die Antilopen. Die Adler. Die Schildkröten.

    Sie sieht sie, wie wir, uns ist erfüllt.

    Wir sehen das auch.

    Aber wir sehen auch sie.

    Und werden erfüllt.

    Von ihrer Stärke, ihrer Kraft, ihrem Lebensmut.

    Wir staunen:

    Sie arbeitet als Förderschullehrerin in der internationalen deutschen Schule in Windhoek. Steht auf eigenen Beinen.

    Sie wohnt in einem Altenheim in Windhoek. Bekommt die Hilfe, die sie braucht.

    Sie robbt auf Knien durch das Klassenzimmer. Weil die Zimmer für Rollstühle zu eng sind.

    Sie kümmert sich um die Schwachen. Die offensichtlich Schwächeren. Zuerst.

    Und dann kümmert sie sich auch um die Starken. Die offensichtlich Stärkeren. Sieht auch deren Schwächen. Sieht auch sie an.

    Selten hat mich ein Mensch so in den Bann genommen wie Tatjana.

    Wie sie, trotz all dem, was das Leben ihr zugemutet hat, das Leben bewältigt.

    Wie sie, trotz ihrer Einschränkung, anderen hilft, sich zu entfalten.

    Tatjana ist eine Entwicklungshelferin.

    In Windhoek ist eine Pfarrstelle frei. Das hatte ich gelesen.

    Tatjana hätte gerne wieder einen Pfarrer.

    Der mit ihnen in der Schule Gottesdienst feiert.
    Der feiert, dass Gott ein Gott des Lebens ist.

    Der deutlich macht: Gott ist das Licht.

    Und das Licht scheint in der Finsternis.

    Die Finsternis hat es nicht begriffen.

    Aber Tatjana. Gott ist ihr Licht. Und ihre Kraft. Und ihr Mut.

    Sie wird anderen zum Licht, mit ihrer Kraft, ihrem Mut.

    Wir haben Tatjana aus dem Auto geholfen.

    Ehrlich gesagt: viel Hilfe war nicht vonnöten.

    Wir saßen dann da, vor dem Auto. Schauten auf den Sonnenuntergang.

    Sie ein Gin Tonic. Wir ein Weißwein.

    Das Leben ist schön.

    Weil das Licht scheint.

    Auch in der Finsternis.

    Das haben wir begriffen.

    Danke. Tatjana.

    Wir bleiben in Kontakt.

    Versprochen.

    Und der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft,

    bewahre unsere Herzen und Sinne.

    In Jesus Christus.
    Unserem Herrn.

    Amen.

    Wie wir zu sein haben – paulinische Impulse als Vorsatz für das neue Jahr

    Predigt über Röm 12, 19. Januar 2025, Friedenskirche/Alte Kirche

    Liebe Gemeinde,

    stellen Sie sich einmal vor: Sie haben eine Armbanduhr. Sie zeigt ihnen die Zeit an. Sie orientieren sich an ihrer Uhr. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Die Uhr hilft ihnen: damit sie pünktlich Bahn und Zug erwischen, rechtzeitig beim Arzt sind, Vereinbarungen einhalten. Ihre Uhr gibt ihrem Leben Struktur.

    Jetzt hat ihre Armbanduhr ein Problem. An jedem Tag, binnen 24Stunden, geht sie fünf Minuten nach. Sie haben sich also einen Zettel auf den Küchentisch gelegt: Uhr wieder zurückstellen. Das machen sie. Jeden Morgen. Und sind so immer pünktlich, immer rechtzeitig, zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

    Irgendwann aber vergessen sie den Zettel auf dem Küchentisch. Und stellen die Uhr auch nicht mehr jeden Tag richtig. Aus fünf Minuten werden zehn, fünfzehn, zwanzig. Jeden Tag sind sie ein wenig später dran. Was passiert? Zunächst ganz wenig, dann aber immer mehr. Der Bus ist schon weg, der Termin beim Arzt schon vergeben, ihre Freundin im Café verärgert, der Gottesdienst schon aus. Irgendwann wird ihre Nacht zum Tag. Sie fallen aus der Zeit, ihr Leben ist nicht mehr mit den anderen synchronisiert, sie leben in einer anderen Zeit, sind irgendwie aus der Zeit gefallen.

    Was könnten sie tun – um ihrer Armbanduhr, die ihrem Leben Struktur gibt, zu vertrauen? Sie könnten ihre Morgenroutine wieder einführen. Eine Möglichkeit. Sie könnten aber auch die Uhr zum Uhrmacher bringen. Damit er die Einstellung der Uhr ändert. Damit die Uhr wieder richtig geht. Eigentlich ganz einfach.

    Warum versuchen Sie nicht selber, die Einstellung der Uhr zu ändern? Nun ja, ich vermute mal, die meisten von uns können eine Uhr nur von außen einstellen – nicht aber das innere der Uhr verstehen, geschweige denn reparieren. Da braucht es schon Spezialkenntnisse. Das überfordert die meisten.

    Mit der Uhr ist es einfach. Relativ gesehen. Sie drehen jeden Morgen am Rad – und dann geht es wieder eine Zeit lang. Sie bringen die Uhr zu jemandem, der sie wieder richtig einstellt – und dann geht es eine ganze Zeit lang.

    Heute ist ja schon der 19. Januar. Das neue Jahr 2025 ist schon wieder fast drei Wochen alt. Vielleicht haben Sie sich etwas für dieses neue Jahr vorgenommen. Manche sind ja, nach und nach, nicht aus der Zeit gefallen, aber aus ihren Kleidern gewachsen. Jeden Tag sind nur ein paar Gramm Gewicht, jede Woche nur ein paar Millimeter Bauchumfang dazu gekommen. „Das will ich ändern!“, „Ich nehme mir vor, abzunehmen.“ Wie soll das gehen? Zunächst versuchen wir es, wie mit der Uhr. Mit kleinen Zetteln, vielleicht. „Gemüse einkaufen!“, „Nicht nachschöpfen!“, „Der Kühlschrank bleibt nach 18 Uhr zu!“, „Dry January – mein Feierabend braucht kein Bier!“ Es beginnt mit kleinen Schritten, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute kontrollieren, was von außen in mich hereinkommt. Klingt einfach. Ist es aber nicht.

    Denn wie bei der Uhr kann man zwar an einigen kleinen Rädern außen drehen, aber das Problem ist oft innen. Problem von innen. Was von außen an mich herankommt beeinflusst, was von außen in mich hereinkommt. Dazu gehört dann so etwas wie Stress oder Streit, dann geht es um Frust. Oder um Leistung und Belohnung, dann geht es um Lust. Oder um Geselligkeit und Gewohnheit, dann geht es um Gemeinschaft, um Kultur.  Ehrlicherweise: das sucht man, das sucht frau sich nicht immer selber aus. Wenn sie das ändern wollen, dann geht es um mehr als um die äußeren Rädchen jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Dann müsste Mensch sein Verhalten und seine Gewohnheiten ändern, die Struktur des Lebens und die Kultur des Miteinanders ändern, die Haltung und Einstellung zum Leben ändern. Dann geht es ans Eingemachte, um das Innen. Wohin bringt sich ein Mensch dann, wenn der Körper aus den Fugen geraten ist? Wer ist denn der Uhrmachermeister für uns Menschen? Wer ist ein Therapeut für meine Seele, wer ist die Hilfe für meinen Körper. Hilft Psychotherapie, hilft Physiotherapie? Das ist schwierig, wirklich. Da braucht es oft mehr als gute Vorsätze. Da geht es ja auch um das Bild meiner Selbst, um mein Selbstbild, wenn ich meine Erscheinung ändern will.

    Noch schwerer aber ist es, sich wirklich zu ändern. Nicht nur das, was ich tue. Sondern das, was ich bin, was ich fühle, wie ich urteile, wem meine Empathie gilt, mit wem ich mitfühle und wem nicht, was mich anzieht, was mich abstößt. Mein Herz, meinen Sinn zu ändern. Jetzt geht es um das Eingemachte. „Der Mensch sieht was vor Augen ist, das augenscheinliche, Gott was vor Herzen ist, das herzliche.“ Aber wie ändere ich, was Gott so herzlich bei mir sieht. Gottes Blick ist herzlich, ist das schmerzlich?

    Jesus hat bei seiner Feldrede, der Bergpredigt, den Landmenschen aus Israel und Palästina ins Gewissen geredet. Das haben wir vorher gehört. „Es geht nicht um Auge und Auge, Zahn um Zahn. So entsteht kein Frieden. Es geht um Versöhnung, Vergebung. Sonst kommt ihr aus der Spirale der Gewalt niemals raus. Es geht darum, andere nicht mehr als Dummkopf, als Idioten zu beschimpfen. Sonst bleiben Menschen in Schubladen stecken, werden klein gemacht, statt groß zu werden. Wenn ihr an einen Gott glaubt – und das tun seit jeher die meisten Menschen in dieser Region, dann ändert euch: Betet für die, die euch verfolgen. Euer Ja sei ein Ja. Euer Nein sei ein Nein. Wenn ihr einen Friedensvertrag schließt, macht es einfach und klar. Das hat Jesus gesagt. In einer Region, wo schon immer viele Religionen und Kulturen sich um das Land gestritten haben. Eine Rede an die Landmenschen.

    Nun sind wir keine Landmenschen, sondern Stadtmenschen. Und nicht wie die Zuhörer Jesu ganz in der Welt des Alten, des Ersten Testaments zu Hause. Wir haben nur wenige Orthodoxe unter uns – die haben es in der Stadt oft schwer. Woran sollen wir uns orientieren?

    Hier hilft, welch ein Wunder, der Apostel Paulus. Er schreibt an die Gemeinde in Rom. Und wie fast immer in seinem Schreiben an Stadtmenschen, in den Briefen nach Korinth, nach Ephesus, nach Thessalonichi, nach Rom schreibt er den Stadtmenschen etwas ins Stammbuch. Etwas von dem, wie es aussehen soll, wenn Gottes herzlicher Blick nicht schmerzlich ist, sondern sein Wohlgefallen findet.

    Paulus also, Gottes herzlicher Briefschreiber, an die Christen in Rom. Paulus, der Apostel, von Gott gesandt, um Gottes herzliches Sehen den Menschen nahe zu bringen. In Rom sind die Christen eine Minderheit. In der Stadt herrscht eine große Vielfalt. Dort leben viele Ausländer, sie sind gekommen und geblieben. Denn dort gibt es Wohnung, Arbeit. Dort gibt es Lebensmittel und Handel. Es ist einfacher, in der Großstadt zu überleben als in einem kleinen Dorf. Erst recht als Fremder. Aber das Zusammenleben ist recht schwierig. Es gibt viele Ordnungsprobleme, also auch viel Ordnungsdienst. In der Stadt leben viele mit- und nebeneinander. Arme und Reiche. Gesunde und Kranke. Einheimische und Aushausige. Auch das religiöse Zusammenleben ist bunter. Es gibt nicht das gemeinsame, eine, alte Testament, mit Regeln, die alle kennen. Es ist, schlicht und einfach, unübersichtlich.

    Paulus hat einen Auftrag, uns ein Ziel. Er will, dass die kleine christliche Gemeinde groß rauskommt. Er will, dass sie herausragend sind. Erkennbar. Erkennbar anders. Macht es euch nicht einfach. Macht euch nicht einfach gleich. Seid eine Elite. Seid Gottes Bodentruppe.

    Paulus legt die Messlatte für die Stadtmenschen hoch. Ganz wie Jesus die Messlatte für die Landmenschen hochgelegt hat. Bergpredigt dort, Römerbrief hier.

    Eure Liebe soll aufrichtig sein. Verabscheut das Böse. Haltet am Guten fest. Liebt einander herzlich. Übertrefft euch gegenseitig an Wertschätzung. Lasst euch vom Geist anstecken, seid einfach begeistert. Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu besten. Helft Menschen in Not. Seid jederzeit gastfreundlich. Segnet die Menschen, die euch verfolgen. Segnet, verflucht nicht. Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden. Seid auf Einigkeit aus. Werdet nicht überheblich. Lasst euch auf die Unbedeutenden ein. Baut nicht auf eure eigene Klugheit. Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Habt anderen Menschen gegenüber nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und an euch liegt. Nehmt nicht selbst Rache. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse mit Gutem.

    Paulus Worte sind einfach. Und klar. An die Stadtmenschen. Wenn alles kompliziert ist, braucht es einfache, klare Ansagen. Und jetzt geht es darum, dass in das Leben jedes und jeder Einzelnen und in das Leben der christlichen Gemeinde insgesamt zu ziehen. Damals, in Rom, da gab es noch keinen einzigen Kirchturm. Aber heute, da gibt es viele. Nicht nur in der Stadt Rom. Und diese Kirchtürme zeigen doch: Seht her, ihr Menschen: hier ist etwas hervorragendes, etwas herausragendes, hier ist Gottes Gemeinde mitten in der Stadt. Mit großem Anspruch: Frieden. Erlösung. Hoffnung. Mit großem Namen: Paulus. Luther. Christus.

    Wir stehen hier, als Gemeinde, mittendrin. Sind auch nicht mehr als damals. Als Paulus geschrieben hat. Und stehen vor einer großen Aufgabe. Als getaufte, gesegnete Menschen herauszuragen, hervorzuragen mitten in der Stadt. Wie das geht – Paulus hat es uns Stadtmenschen ins Stammbuch geschrieben.

    Aber konkret? Gott will uns herzlich gerne helfen. Ganz einfach. Jesus sei meine Freude. Bleibt unermüdlich, auch im Gebet miteinander und füreinander. Bleibt in Beziehung, im Austausch, feiert miteinander Abendmahl. Erinnert euch: Gott hat sich für dich gegeben. Seid demütig. Bleibt bereit, euch zu korrigieren, auch untereinander. Geht freundlich auch mit den Schwächen des anderen um.

    Paulus weiß: das ist kein Vorsatz für ein Jahr, sondern erfordert lebenslangen Einsatz. Es ist keine Kurzstrecke. Es ist nicht mit guten Vorsätzen getan. Es braucht lebenslang die Arbeit an sich und seinen Einstellungen. Christsein ist ein herausfordernder Langstreckenlauf. Die Stadtmenschen, die den Brief des Paulus gelesen haben, haben das verstanden, und ihn immer und immer wieder gelesen und vorgelesen, ihn kopiert, weitergegeben, überliefert, übersetzt. Wir können seinen Brief immer noch lesen – und uns immer noch an ihm orientieren.

    Aber warum eigentlich?

    Nun ja. Wenn wir die Uhr wieder einstellen, fallen wir nicht mehr aus der Zeit. Wenn wir uns neu einstellen mit dem, was von außen in uns hereinkommt, bleiben wir in Form und hoffentlich auch gesund. Wenn sich die Landmenschen in Israel und Palästina an der Bergpredigt orientieren, ist Freuden möglich.

    Und wenn wir uns, als Einzelne, als Gemeinde, als Kirche an Paulus orientieren, dann winkt uns ein hoher Siegpreis, ein enormes Preisgeld? Versprochen. Das Leben. In Fülle. In Ewigkeit. Der Friede Gottes. Mehr als wir uns vorstellen können. Wir bleiben bewahrt, herzlich und sinnlich, in Jesus Christus. Unserem Herrn. Amen.

    Jetzt könnte Schluss sein. Aber halt. Einen Gedanken habe ich noch. Ich war jetzt im Urlaub. In einer großen Stadt. Ohne große Kirchen in der Mitte. Aber mit einem großen Gefängnis. Mitten in der Stadt. Zum Glück ein ehemaliges Gefängnis. Ich war in Johannesburg. In diesem Gefängnis saß einst Nelson Mandela. Wie so viele schwarze Menschen. Willkürlich eingesperrt. Unter furchtbaren Bedingungen. Dieser Nelson Mandela hat sich an Jesus und an Paulus orientiert. Und hat etwas herausragendes geschaffen. Einen friedlichen Übergang. Das Ende der Apartheid. Eine Versöhnung mit der Geschichte. Einen Macht- und Herrschaftswechsel. Mandela hat gezeigt: Es geht. Man kann mit der Bergpredigt und mit dem Römerbrief Politik machen, Gesellschaft gestalten.  Es sind aber nicht nur groß gewachsene Männer, sondern auch die kleinen Frauen. Im Urlaub habe ich viel von ihnen gelesen. Von Angela Merkel, die unser Land lange regiert hat, eine ostdeutsche Frau ganz vorne. Und eine Frage der Chemie, von einer bemerkenswerten Frau. Und Pi mal Daumen, von einer Mutter und Großmutter, die sich traut, in fortgeschrittenem Alter Mathematik zu studieren. Es sind Lesefrüchte aus dem Urlaub. Falls Paulus zu unkonkret ist, es gibt viele Bücher, wo wir konkret nachlesen können, wie herausragendes, hervorragendes geschehen kann. Damals wie heute. im Urlaub. Der Buchhändler ist unter uns. Sicher hat er auch gute Tipps, was wir jeden Tag lesen können, oder einander vorlesen oder uns vorlesen lassen. Damit es klappt, dass wir miteinander wachsen und reifen. Was damals möglich war, in Rom, warum sollte das nicht wieder und wieder möglich sein? Das Jesus uns herzlich ansieht und wir ihn. Jesu meine Freude. Nun aber. Amen.

    Falk Schöller, Citykirche Krefeld