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„Das ist eine Offenbarung!“ – Predigt über Offenbarung 1, 9-18

| Falk Schöller |

1. Februar 2026, Alte Kirche Krefeld

„Das ist eine Offenbarung!“ Habe ich gedacht, als ich einmal sehr gut essen war. In Frankreich, an der Atlantikküste. Wir saßen am Fenster, der Blick ging aufs Meer, kleine Fischerboote landeten an und brachten frischen Fisch. Das Meer habt sich an dieser Stelle zwischen Ebbe und Flut über acht Meter, der Golfstrom bringt viele Nährstoffe vor die Küste. Viele Fischer angeln noch mit der Leine, morgens war der Fisch noch im klaren Meerwasser, jetzt liegt er vor mir. Es ist nur leicht angebraten, glasig, dazu gibt es ein paar Algen und Kräuter, aus dem Garten hinter dem Restaurant frisch geerntet, in wenig Butter, Salz, Pfeffer. Es ist einfach und perfekt zugleich. Das ist, nicht mehr, nicht weniger, als eine Offenbarung.

„Das ist eine Offenbarung!“ Habe ich gedacht, als ich einmal einer jungen Ausnahmeharfinistin bei einem kleinen Privatkonzert lauschen durfte. Ihre Finger glitten über die Saiten, sie zupfte die Saiten im Takt, wiegte die Harfe in ihren Armen. Ich schloss die Augen, es war wie im Himmel. An den Tönen und Melodien konnte ich mich nicht satthören, als ich meine Augen aufschlug, sah ich das engelsgleiche Wesen, wie sie den Schlussakkord in die Ewigkeit hinein ausklingen ließ. Es war einfach und wunderbar. Das ist, nicht mehr, nicht weniger, als eine Offenbarung.

Der heutige Sonntag hält auch eine Offenbarung für uns bereit. Eine Offenbarung, die einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Mit dem heutigen Sonntag endet eine wunderbare Epoche: Gott offenbart sich mitten unter uns. Seit Weihnachten spüren wie dieser Offenbarung Sonntag für Sonntag nach. Und bevor dann die Passionszeit beginnt, in der Gott selbst mit der harten Realität des Lebens konfrontiert wird, ist noch einmal Zeit zu träumen.

Normalerweise ist ein Traum ja etwas, das jeder nur für sich kann. Wir träumen an der Grenze von Schlaf und Erwachen, von Nacht und Tag, von wirklichen Ereignissen und surrealen Geschichten. Eine Offenbarung aber ist wie ein gemeinsamer Traum und bezieht sich auf etwas, dass wir hören, sehen, schmecken, fühlen können. Was offenbar wird, bezieht sich auf alle Sinne. Und so ist es gut, wenn wir jetzt einmal alle Sinne schärfen, wenn Sie wollen, schließen Sie die Augen. Denn: es kommt eine Offenbarung. Nicht meine, keine Sorge. Sondern die eines Mitchristen, es ist eine Sonntagsoffenbarung:

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Und ich hörte eine mächtige Stimme hinter mir, die war laut wie eine Trompete. Ich drehte mich um, um zu sehen, wessen Stimme da mit mir redete. Und als ich mich umdrehte, sah ich sieben goldene Leuchter. Mitten zwischen den Leuchtern sah ich jemanden, der aussah, wie ein Menschensohn. Er hatte ein langes Gewand an und trug ein goldenes Band um die Brust. Sein Kopf und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, ja wie Schnee. Seine Augen glichen lodernden Flammen. Seine Füße glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht. Seine Stimme klang wie das Tosen von Wasserassen. In seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein doppelschneidiges scharfes Schwert. Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne zur Mittagszeit.

Als ich ihn sah, brach ich wie tot vor ihm zusammen. Er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe: Ich lebe für immer und ewig und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Ich horche auf: Ich wurde vom Geist Gottes ergriffen. An einem Sonntag. Und auf einmal breche ich zusammen, liege auf dem Boden, wie tot. Das ist da Gegenteil von dem, was ich eigentlich erwartet hätte. Das mich etwas umhaut, mir den Boden unter den Füßen wegzieht, den klaren Verstand raubt, mir alle Kräfte entzieht. Ich habe das nicht erwartet, von einer Offenbarung. Und auch nicht, vom Geist Gottes. Schwarz vor Augen, alles dreht sich. Das kann nicht wahr sein. Doch vielleicht ist das wahr, muss wahr sein: Gott offenbart sich im Dunkel, in der Todesnacht, genau dann. Zumindest diesem Ich, das uns seine Offenbarung aufschreibt. Ich, Johannes, habe Gottes Wort verkündet und war Zeuge für Jesus. Deswegen bin ich auf die Insel Patmos verbannt worden. Wegen Jesus bin ich in Bedrängnis.

Johannes, ein ganz gewöhnlicher Name, damals wie heute, wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Aus seiner Heimat ausgeschlossen, von Freunden und Familien entfernt, isoliert. In dieser Einsamkeit könnte es dunkel werden – aber um Johannes wird es licht und hell. In dieser Einsamkeit könnte es still werden – aber um Johannes wird es laut. In seiner Einsamkeit könnte Johannes verzweifeln, den Tod herbeisehnen, weil das Leben nichtmehr lebenswert erscheint. Aber da legt einer ihm die Hand auf: Fürchte dich nicht!

Ich spüre in diesen drei Worten die gute Botschaft, und in der Bewegung, die Hand auf die Schulter, den Segen. Das machen wir auch einmal: Legen unsere rechte Hand auf die linke Schulter. Und sprechen, so laut, dass wir es hören, und so intensiv, dass wir es glauben: Fürchte dich nicht. Vielleicht ist es gut, wir schließen einmal die Augen und hören uns noch einmal selber sagen: Fürchte dich nicht. Jetzt lassen sie die Hand auf der Schulter liegen. Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige! Ich war tot, doch schau her: Ich lebe für immer und ewig, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Ich kann es hören und spüren, wie ich etwas zugesagt, zugesprochen bekomme, was ich mir nicht selber sagen kann. Es ist keine Einrede, sondern ein Zuspruch. Eine Offenbarung: es gibt eine Person, die das Dunkel durchschritten, den Tod überlebt hat. Und die mir das Tor aufschließt, wenn ich wie tot am Boden liegen, wenn mir der Energiestecker gezogen wurde. Das ist eine Offenbarung! 

Johannes, auf Patmos, einsam und auf den Boden geworfen, hat eine solche Offenbarung gehabt. Und den Auftrag, diese aufzuschreiben. Er sollte seine Offenbarung weitergeben, überliefern. Damit sie weitergetragen und weitergegeben wird. An alle, die auf dem Boden liegen, denen der Energiestecker gezogen wurde, denen es schwarz vor Augen wurde, denen der Tod vor Augen steht.

Ich heiße nun Falk, nicht Johannes. Und doch wünsche ich mir manches Mal, diese Offenbarung würde auch ich hören und glauben und weitersagen und weitergeben. Meine rechte Hand auf die Schulter eines Menschen legen, der am Boden ist. Meine Worte so wählen, wie sie an die Ohren des Johannes gedrungen sind, etwas so aufschreiben, dass es für andere zur Offenbarung wird. Fürchte dich nicht! Seht, hört, schmeckt – wie freundlich es Gott mit euch meint. Leben in seiner ganzen Fülle – ja, für dich. Nichts soll dich ängstgen.

Die Gemeinden, die Johannes kannten, haben von seiner Offenbarung gelesen – und sie sich zu eigen gemacht. Übersetzt und weitergetragen. Am Tag des Herrn trafen sie sich. Und hörten diese Offenbarung, immer wieder. Fürchte dich nicht.

Wir haben heute diese Offenbarung noch einmal gehört. Auf dass sie uns nicht mehr aus dem Kopf geht. Und wir spüren können, wie eine rechte Hand auf unserer Schulter lag. Und dann hören konnten, was aus dem Dunkel ins Licht hilft. Fürchte dich nicht!Mehr als das, braucht es für eine Offenbarung nicht. So ist der Friede Gottes. Übersteigt alle menschliche Vernunft. Und bewahrt uns, Herzen und Sinne, in Jesus Christus. Er ist Herr, über Leben und Tod, über Lebende und Tote. Gott sei Dank