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Predigt zum Sonntag Jubilate 26.04.2026

| Falk Schöller |

Den Rhein, an den Obstgärten und Weinbergen vorbei, links die Pfalz, rechts Rheinhessen, dann am Ende der Rheinebene bergauf in Richtung nahe.
Ich hatte, irgendwie, alle Zeit der Welt, dann tauchte auf der rechten Seite das Dorsheimer Goldloch auf, eine der berühmtesten Rieslingweinlagen, das Weingut Diel macht da Spitzenweise – also bin ich einmal abgefahren. In Dorsheim hatten die Weingüter zu, aber hinter Dorsheim geht es Richtung Laubenheim in wunderschöne Weinberge. Ich wollte eine Pause machen, vielleicht sogar ein wenig Wein kaufen – der Kofferraum war fast leer. Und es wäre doch schade, wenn das Auto so leer geblieben wäre. Also stehenbleiben, Handy raus, kurz mal googeln. „Sascha Montigny ist so etwas wie der Rotweinpapst der Nahe.“ Auf der Webseite fand ich, dass sein Weingut offen hat. Und: er hat einen Wein, Laubenheimer Krone Frühburgunder. Zu dem heißt es: „Die Weine aus der edelsten roten Burgundersorte zeigen aufgrund der frühe Reife im Sommer besonders weiche Tannine und eine fast ölige Mundfülle.
Frühburgunder. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Den ersten Frühburgunder hatte ich Anfang der 1990er Jahre in Württemberg probiert, bei Graf Adelmann, Kleinbottwar. Brüssele Spitze. Ich erinnere mich. Später dann im Rheingau, in Assmanshausen. Auch dort eine Lage, die Krone heißt. Und jetzt: Sascha Montigny, Weinpapst, Frühburgunder. Ein Zeichen!
Also bin ich hingefahren, habe geläutet. Aber Sascha Montigny war im Weingut. Schade. Doch halt, ein Mitarbeiter sei da, der könne mir helfen – vorausgesetzt ich wisse, was ich will. Und ob, dachte ich.
Kurz darauf war ich im Weinkeller. Es ging um Gott und die Welt – aber vor allem um Frühburgunder. Diese Rebsorte wird früher reif als andere. Klingt nicht schlecht, ist aber ein Problem. Denn wenn die Trauben reif sind, duften sie, locken Insekten und Bienen an. Die berauschen sich am Saft der Trauben, stechen in die Haut. Und dann fangen de Beeren an zu schimmeln. Das mindert den Ertrag und zwingt den Winzer zum Handeln. Viele haben deswegen aufgegeben – es gibt kaum noch Frühburgunder. Doch hier, hier gab es noch welchen, sie erinnern sich: weiche Tannine, eine fast ölige Mundfülle.
Diese Woche war es ja noch kalt, aber hier war der Sommer im Glas. Die Bienen in der Luft, der Geruch nach Kirschen, Brombeeren, Holunder, nach Kräutern und Gräsern, und ein wenig nach Holz. Wunderbar.
Der Winzermeister erzählte von dem schwierigen Jahrgang 2022. Weil es warm und feucht war, mussten sie handeln. Sie ernteten die Weinberge, viele Trauben waren schon angefressen, manche der Trauben hatten Schimmel. Damit die Trauben nicht zerplatzen, hatten sie nur kleine Gebinde, immer wieder liefen sie, die Weinberge hoch und runter. Manche Biene nahm ihnen ihre Arbeit übel. Am Ende lagen die Trauben da, mit einer Schere haben sie die faulen Beeren rausgeschnitten. Nur 400 kg gesundes Traubengut war übrig, zuckersüß die Trauben, alkoholreich der Wein. 14%, liebe Gemeinde, eine Wucht. Aber zum Dahinschmelzen. Wir standen vor dem Haus, blickten auf die Weinberge und die Rheinebene, auf die Rebblüte, auf manch gerodeten Weinberg, auf manch gepflegten Weinberg, auf manche ungepflegten. Dann kam Sascha Montigny in den Hof – ein wunderbarer Morgen. Wer hätte das gedacht.
So wie ich zufällig diesen Winzer, diesen Weinberg, die Trauben, diesen Wein entdeckt habe und jetzt drüber spreche, so hat auch Jesus über Winzer, Weinberge, Trauben, Wein gesprochen. Und diese Bilder, die ihm so eindrücklich vor Augen lagen, mit Gott und mit dem Glauben verbunden. Es ist so naheliegend, damals, und da ich an der Nahe war, liegt es für mich auch nahe. Hören wir einmal:
(Joh 15, 1-8)
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner.
Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg,
und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe.
Ihr seid schon rein aufgrund des Wortes, das ich zu euch geredet habe.
Bleibt in mir, und ich in euch!
Wie die Rebe nicht aus sich selbst heraus Frucht bringen kann,
wenn sie nicht am Weinstock bleibt,
so auch nicht ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht,
denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er hinausgeworfen wie die Rebe,
und wird ausgetrocknet werden,
und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennt.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
Darin ist mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Zur Zeit Jesu hat man den Wein nicht auf Flaschen gefüllt, nicht im Holzfass gelagert, sondern in Tonkrügen. Vielleicht ist Jesus mit seinen Jüngern durch einen Weinberg gelaufen, haben den Winzer getroffen, sind stehengeblieben, ins Gespräch gekommen. Dann, bei einem Glas Wein, ergreift Jesus das Wort. Und er spricht ergreifende Worte, leicht zu begreifen.
Sieben mal spricht Jesus vom Bleiben. Bei Gott bleiben. Am Rebstock bleiben. Gesund bleiben. Um dann Frucht zu bringen. Um sein Potenzial, seine Gaben, seine Fülle auszuschöpfen. „Qualität entsteht im Weinberg“, hat Sascha Montigny am Mittwoch gesagt – im Bild Jesu: die Qualität unseres geistlichen Lebens entsteht dann, wenn wir bleiben: Bei Gott bleiben, der uns mit allem versorgt, was nötig ist. Am Rebstock bleiben: sich nicht abkoppeln, verschließen, entziehen. Den Kontakt mit anderen suchen, nahe beieinander bleiben. Als Rebe gut geschützt sein, sich gut entwickeln. So ist viel Frucht möglich. Und dann gesund bleiben. Sich geistlich gesund halten – und sich geistlich gut pflegen lassen.
Bei Gott bleiben, am Rebstock bleiben, gesund bleiben. Ein Dreiklang. Jesus geht davon aus, dass jede und jeder für sich übersetzen übertragen, verstehen kann, was das im eigenen Leben konkret heißt. Die zwölf, die mit ihm waren, die kamen sicher ins Gespräch: wie geht das konkret: bei Gott bleiben? Wie mache ich das: am Rebstock bleiben? Wie kann ich gesund bleiben, genug Sonne abbekommen, genug Regen, geschützt sein vor geistlichen Krankheiten?
Jesu Bild vom Weingärtner, vom Rebstock, von den Reben: es ist eine Einladung zum Gespräch unter denen, die seine Worte hören. Zieht den Glauben in euer Leben! Macht es konkret! Wie sieht es aus mit eurer Gottesbeziehung? Wie sorgt ihr Tag für Tag für geistliche Gesundheit? Was macht ihr, auch miteinander, damit ihr auch wesentliche Fragen des Glaubenslebens miteinander besprecht? Bleibt dran, ihr Lieben!
Um dann, so das zweite, prägende Bild, Frucht zu bringen: als Traubensaft, unvergoren, vergoren. In neuer Form, ein neues Leben, verwandelt. Eine neue Schöpfung, eine neue Kreatur. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Ich stelle mir Jesus vor, in der Hand ein Glas Wein. Frühburgunder, vielleicht. Aus der Lage Krone. Von einem Winzer, der sein Handwerk versteht. Weiche Tannine, fast ölige Mundfülle.
Die erste Schöpfung im Weinberg. Die zweite Schöpfung im Weinkeller. Das Alte, die Trauben, sind vergangen. Neues, der Wein, ist geworden. Ihr habt gute Frucht gebracht, weil ihr geblieben seid. Ihr bringt gute Frucht, wenn ihr bleibt.
Ich muss noch weiterfahren. Also nur einen kleinen Schluck, 2022 Frühburgunder, Krone, an diesem Mittwochvormittag, dazu einen Bissen Brot. Das reicht, wahrlich.
Ich nehme ein paar Flaschen mit, damit ich nicht leer nach Krefeld fahre. Aber ich habe noch viel mehr im Gepäck. Es ist viel geblieben, von diesem kurzen Abstecher an die Nahe.
Der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft, und liegt doch so nahe, öffnet Augen, Ohren, Herz und Sinne. Wenn wir bleiben. In Jesus Christus, unserem Herrn.
Denn siehe: das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Wer in mir bleibt und ich in ihm, bringt viel Frucht. So ist es. Gott sei Dank. Amen.