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Hirten damals und heute

| Falk Schöller |

Predigt am Sonntag Misericordias Domini, Hirten damals und heute

[11.05.26, 09:50:40] Falk Schöller: Liebe Gemeinde,
Anfang dieser Woche habe ich die Texte für den heutigen Sonntag gelesen. Um Hirten und Schafe geht es, vielfältig. Und mehrdeutig. Ein langes Kapitel aus dem Prophetenbuch Ezechiel haben wir gehört. Hier sind Hirten Menschen in Verantwortung für das Große und Ganze. Es sind Menschen mit Zugang zu Macht, zu Geld, zu Gewalt.
Gott ist mit der menschlichen Regierung damals unzufrieden – er kritisiert scharf. Aber Gott belässt es nicht bei der Kritik – er übernimmt Verantwortung. Nicht nur für das Große und Ganze, sondern für das Kleine und den Einzelnen. Gott sucht den Verirrten, sammelt die Verstreuten ein, verbindet Verletzte, macht Kranke stark. Das ist sein Sofortprogramm als Regierungschef. Und dann, danach, wenn es im Kleinen wieder stimmt und für den Einzelnen wieder passt, dann setzt Gott einen ein für das Große und Ganze: David, Gottes Knecht. Auch als weltlicher Regierungschef bleibt er ein göttlicher Diener – und Gott entfernt sich nicht, im Gegenteil: Ich lasse zur richtigen Zeit Regen fallen und der Regen wird Segen bringen.
Liebe Gemeinde,
das ist schön, sehr schön. Vielleicht zu schön, um wahr zu sein, vielleicht aber auch nur zu schön, um schon wahr zu sein. Obwohl: Hirten sind heute immer noch zu kritisieren, die da oben, weil sie eine seltsame Art haben, sich um das Große und Ganze zu kümmern. Und je größer ihre Aufgabe, desto seltsamer scheinen sie zu sein.
Ich habe mich diese Woche einmal umgesehen, ob ich denn heute Hirten sehe. Nicht auf dem Land, sondern in der Stadt. Ich bin durch Krefeld gelaufen – und habe mich auf Hirtensuche gemacht. Wer sind denn heute die Menschen in Verantwortung für das Große und Ganze? Wo sind denn Menschen mit Zugang zu Macht, zu Geld, zu Gewalt? Wer kümmert sich nicht nur um das Große und Ganze, sondern auch um das Kleine und Einzelne?
Mir ist der KOD aufgefallen, der kommunale Ordnungsdienst. Dienst steht auf den Jacken, ein Dienst für die Gemeinschaft, das Große und Ganze, aber auch ein Dienst im Kleinen und für den Einzelnen. Ich habe sie ein wenig beobachtet, bin ihnen nachgegangen, habe mich auf dem Neumarkt in ein Café gesetzt. „Menschen werden in Ruhe und Frieden leben. Niemand wird sie erschrecken. Sie stärken Schwache, sorgen für Hilfe für die Kranken. Wer sich verirrt, bekommt Orientierungshilfe.“ Mir ist aufgegangen, was diese Menschen alles tun, als Dienstleistung. In einer alles andere als perfekten Welt. Sie tun etwas, oft im Zusammenspiel mit anderen. Mit den Rettungsdiensten und Streetworkern, mit der Polizei und mit hilfsbereiten, wachen Stadtmenschen. Der KOD als Hirte unserer Tage.
Da zur Zeit Ezechiels Staat und Religion auf das engste verflochten waren, habe ich mich gefragt, ob es denn heute auch einen KOD, einen kirchlichen Ordnungsdienst gibt. Menschen, die Verantwortung dafür übernehmen, dass es im Großen und Ganzen, und im Kleinen und für jeden Einzelnen eine gute Ordnung, eine lebensdienliche Unterstützung gibt. Der Küsterordnungsdienst ist mir aufgefallen, auch der Kantorinnenordnungsdienst. Und das Engagement der vielen Ehrenamtlichen. Der kirchliche Ordnungsdienst ist weniger gut zu erkennen – diese Menschen tragen keine Uniform. Und doch machen sie einen Hirtendienst – auch die Pastoren, die Hirten für die Gemeinde. Unser evangelischer KOD ist vielfältig: am Montag haben wir uns mit dem Kernteam Tanzkirche getroffen, am Dienstag bin ich mit einem Ehrenamtlichen aus der Hospizarbeit zusammengesessen, am Mittwoch habe ich Ludger Firneburg, Geschäftsführer der Diakonie getroffen, am Donnerstag war Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Krefeld, am Freitag war ich im Kinder- und Jugendheim Bruckhausen, am Samstag habe ich viele engagierte Menschen erst beim Friedensgebet, dann beim Bikergottesdienst und schließlich beim Vortreffen für die Wander- und Einkehrtage. Im Rückblick auf diese Woche: großartig, wie heute der evangelische Hirtendienst, der kirchliche Ordnungsdienst funktioniert.
Und doch: ist das genug? Ist uns das gut genug?
An dieser Stelle rückt uns ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief zurecht:
Christus hat euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt.
Er hat keine Sünden begangen
und keine Lüge kam aus seinem Mund.
Er wurde beschimpft, aber er gab es nicht zurück.
Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung.
Vielmehr übergab er seine Sache dem gerechten Richter.
Christus selbst hat unsere Sünden
mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz.
Dadurch sind wir für die Sünde tot
und können für die Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden.
Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten.
Aber jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten,
der euch beschützt.

Unsere Arbeit im kirchlichen Ordnungsdienst, in Gottes Hirtendienst, ist ein anstrengender, mühseliger – wenn wir uns auf unsere eigene Kraft, auf unsere eigene Leistung, auf unsere eigene Power verlassen. Was wir haben – ist Gottes Zusage. Unser Hirte zu sein, der uns beschützt. Der Letztverantwortliche für den Kirchlichen Ordnungsdienst zu sein. Am Ende für Heil und Heilung zu sorgen.
Das ist viel, Ihr Lieben. Viel mehr, als wir oft glauben. Aber doch das, war wir glauben und hoffen dürfen: Im Blick auf das Große und Ganze, im Blick auf das Kleine, auf jede und jeden Einzelnen, ist es Gott, der uns leitet, der uns stärkt, der uns trägt und der uns tröstet. Er hat uns seinen Hirtendienst angeboten – wir dürfen ihn auch heute annehmen. Nicht weil wir dumme Schafe sind, sondern weil wir in unserer eigenen Hirten- und Leitungsaufgabe im kirchlichen Ordnungsdienst immer angewiesen sind auf Gott, der uns sendet und der und begleitet. In Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.