
Jesus hinterherziehen – Eine Predigt über Lukas 9, 57-62
Friedenskirche Krefeld, Okuli, 8. März 2026
Lied: Heute hier, morgen dort (Hannes Wader)
Ihr Lieben, ein Vagabund zu sein, einfach aufbrechen, einfach ausbrechen, immer an neuen Orten mit neuen Menschen sein Glück zu versuchen, von dieser Sehnsucht hat Hannes Wader einst gesungen. Zu einer Zeit, als vieles erstarrt schien. Zu einer Zeit, als die Lebensentwürfe der Alten nicht mehr trugen. Zu einer Zeit, in der die Sehnsucht nach etwas Neuem groß war. Es war Aufbruchstimmung. Damals 1972.
Viele hatten das Lied auf den Lippen, die Sehnsucht im Herzen, und machten sich auf. Mit dem Mut, auszubrechen, mit der Kraft, aufzubrechen, mit der Hoffnung, dass der Bruch mit den traditionellen Lebensentwürfen in die Weite, ins Offene führt. Der Himmel auf Erden, es gibt ihn. Am Ende des Regenbogens, ein Schatz. Auf geht’s!
Hannes Wader knüpft an die Wandervogelbewegung an. 1896 in einem Gymnasium in Stegnitz in Berlin zog Karl Fischer los. Ihm folgten viele Schüler und Studenten. Sie lösten sich von den Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Lebens. Sie wollten der allgegenwärtigen Industrialisierung etwas entgegensetzen. Nicht rein in die Stadt, sondern raus aufs Land. Sie führten ein neues Leben, Mädchen und Frauen blieben ausgeschlossen, der Genuss von Alkohol war verboten. Es ging um ein neues Leben, in der Einheit von Leib und Seele, Dynamik und Kreativität. Und es ging auch hoch in die Berge: Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipfelkreuz zu. In unsern Herzen brennt eine Sehnsucht, die lässt uns nimmermehr in Ruh. Herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir, herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir.“
Ich weiß nicht, wie es Ihnen, wie es Euch geht, mit dieser Sehnsucht nach einem anderen Leben als dem, was wir gerade führen. Ich weiß nicht, ob ihr diese Sehnsucht kennt, loszulassen, die Leinen loszumachen, und einfach draufloszufahren. „Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an, ich warte nicht mehr lang. Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange nach : Wir fahr’n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht: Gib mir die Hand, ich bau dir ein Schloss aus Sand: irgendwie, irgendwo, irgendwann. Die Zeit ist reif für ein bißchen Zärtlichkeit: irgendwie, irgendwo, irgendwann.“
Die Zeit ist reif! die Zeit ist jetzt! Worauf noch warten, warum nicht starten?
Menschen, die sich aufmachen, machen sich nicht in der Regel alleine auf. Das wäre zu anstrengend, dieses neue Leben ganz alleine zu gestalten. Es geht um einen gemeinschaftlichen Aufbruch, der hinter sich lässt, was einen mürbe und müde macht. „Für einen solchen Aufbruch ist es nie zu spät“, sagen sich manche – die Wandervögel von heute scheinen oft graue Haare zu haben.
Ich frage mich, und ich frage euch: Wie sieht es mit Deiner Sehnsucht aus, ganz tief in dir drinnen? Wie sieht es mit deinem Mut aus, ganz tief in die drinnen? Wie ist es um deine Kraft bestellt? Heute hier, morgen dort.
All diese Bewegungen, die sich seit der Sturm- und Drangzeit immer wieder wie ein roter Faden durch die Moderne ziehen, finden sich schon im Neuen Testament wieder. Die Gruppe um Jesus seien Wanderradikale gewesen, meint Gerd Theißen, zumindest Lukas, der Evangelist beschreibt sie so. Vielleicht könnte man das so ausdrücken: zur DNA der Jesusbewegung gehören von Anfang an Aufbrüche aus dem Alten dazu, mutige Suchbewegungen nach dem Neuen. Wer Jesus nachfolgt, tritt ein in eine Wandergruppe, die Gottes neuen Geist nicht in der Tradition, nicht in den Strukturen, nicht in den alten Formen sucht. Ecclesia semper reformanda!
Ist diese Art, unbekümmert alles stehen und liegen zu bleiben, die Zelte hinter sich abzubrechen, Familie und Freunde zurückzulassen, nicht nur, oder zumindest eher Männern vorbehalten? Kann – unter diesen Voraussetzungen – die christliche Bewegung nicht zwangsläufig eine Männerdomäne sein, bei der Frauen nur die Randfiguren sind? Vielleicht ist es, gerade heute, am Weltfrauentag, wichtig, einmal auch auf diese Seite zu schauen. Ist das wirklich so – Ihr Männer und Frauen? Wie ist das mit männlichen und weiblichen Bildern von der Jesusnachfolge – auch in unseren Herzen und unseren Köpfen?
Mir ist diese Frage auch wichtig, wenn wir gleich einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium hören. Drei Menschen kommen mit Jesus ins Gespräch: Jemand, ein anderer und wieder ein anderer. Wenn ich gleich ein paar Verse lese, dann überlegen sie mal: Sind es Männer oder Frauen, die vor ihrem inneren Auge auftauchen? Und: bei welchem der drei Menschen spürst du deine Sehnsucht, dein Mut und deine Kraft am ehesten? Wer könntest Du sein?
Unterwegs sagte Jemand zu Jesus:
»Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«
Jesus antwortete:
»Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest.
Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er sich ausruhen kann.«
Der oder die erste, jemand. Offen: Folgt dieser Mensch wirklich – ist Jesu Antwort attraktiv, anziehend? Würde sie mich zum Mitgehen, zur Nachfolge locken? Heute hier. Morgen dort. Ruhelos. Rastlos. Für einen Mann? Für eine Frau? Egal? Gehe ich mit – ins Risiko?
Nach dem Jemand, ein Anderer. Jesus spricht zuerst:
Einen Anderen forderte Jesus auf: »Folge mir!«
Aber der sagte: »Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen
und meinen Vater zu begraben.«
Aber Jesus antwortete:
Ȇberlass es den Toten, ihre Toten zu begraben.
Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!«
Ein Anderer. Eine Andere? Wird angesprochen, mehr noch: aufgefordert. Folge mir. Komm mit. Geh los. Verkünde: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, es ist angebrochen, es ist schon da. Du kannst es erleben. Mach dich los. Und wenn dein Herz voll ist, läuft dein Mund über.
Und: geht sie los, geht er los? Auf diese Aufforderung Jesu hin? Wie groß ist meine Sehnsucht, wie ausgeprägt mein Mut, wie viel Kraft habe ich? Spüre ich das Reich Gottes, den offenen Himmel, die göttliche Weite? Habe ich Worte für meine Gefühle, bin ich so überzeugt, dass ich andere überzeuge? Was meint ihr: Ist es attraktiv, auf diesen Ruf hin aufzubrechen? Und wie ist es mit dem Preis, nicht einmal den eigenen Vater zu begraben?
Mir ist in den Nachrichten ein junger Mann begegnet. Er ist aufgebrochen, nicht nach Seeland, sondern nach Neuseeland. Ans andere Ende der Welt. Dann starb sein Vater, er will nach Hause, noch einmal, wieder einmal, seinen Vater zu begraben. Doch er sitzt jetzt in Dubai fest. Wie es ihm wohl geht, wenn er heute dies Worte Jesu hören würde? Dieser Andere – würde er ins Alte Land zurück – oder doch wieder ins Neue Land ziehen? Jetzt ist er mittendrin, es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Vielleicht kennen wir das auch!
Doch nach dem Jemand und der Anderen noch eine Person:
Wieder ein anderer sagte zu Jesus:
»Ich will dir folgen, Herr!
Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.«
Aber Jesus antwortete:
»Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut,
der eignet sich nicht für das Reich Gottes.«
Bei diesen Worten höre ich im Hintergrund leise die Stimme von Udo Jürgens. Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals wirklich frei. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn.
Vor sechs Jahren waren diese drei kleinen Begegnungen Jesu schon einmal Predigttext. Kurz nach Beginn der Coronapandemie. An diese Zeit erinnerten wir uns diese Woche an einem Abend in Tirol. Ein Münchner DJ erzählte, wie er damals schnell aus St. Anton ins Engadin aufbrach, mit einer Skitourenausrüstung, zwei Mal Wechelwäsche. Nur weg von den Zwängen, den Regeln, all den Verboten – die Schweiz schien ein freieres Land zu sein. Für ein paar Tage, bis der Spuk vorbei ist, haben sie eine Ferienwohnung gemietet. Sich nicht verabschiedet, nicht abgemeldet. Bei Nacht und Nebel über die Grenze. Es wurden dann drei lange Monate, so erzählte er, jetzt in der Rückschau. Damals schaute er nicht zurück, sondern nach vorne. Er folgte einem inneren Ruf in die Freiheit. Damals.
Doch in welche Freiheit führt Jesus eigentlich? Was gibt es zu gewinnen, wenn ich mich auf ihn einlasse? Und ist mir das möglich – ist mir das heute möglich? Verkünde von einem Gottesreich. Begib dich schon heute dorthin. Auf direktem Weg. „Somewhere, over the rainbow, way up high, and the dreams that you dreamed of once in a lullaby,“
Die Nachrichten der letzten Wochen und die Stimmung der letzten Monate und das Gefühl der Krise, aus der wir nicht herauskommen – sie lassen, zumindest bei mir – die Sehnsucht steigen, einem zu folgen, der das Reich Gottes radikal in den Mittelpunkt seines Lebens stellt. Das Reich Gottes ist nicht hier oder dort – siehe, es ist inwendig in euch. So sagt es Jesus an anderer Stelle.
Und in dieses innere Zentrum führt auch ein Lied des Liedermachers Siegfried Fietz, 1987 entstanden.
Alles beginnt mit der Sehnsucht, am Anfang steht immer ein Traum.
Aus manchem kleinen Samenkorn, wird später ein großer schöner Baum.
1)Wo bleibst Du mit deiner Sehnsucht. Nach Liebe und Geborgenheit?
Halt Sie fest. Halt Sie fest. Halt Sie fest.
Glaube das es Liebe gibt trotz Hass und tausendfachem Leid.
Vetrau, dass Gott uns alle liebt und sei zum Leben selbst bereit.
Halt die Sehnsucht fest.
2) Wo bleibst Du mit deiner Sehnsucht. Nach Frieden und Gerechtigkeit?
Halt Sie fest. Halt Sie fest. Halt Sie fest.
Glaube, dass es Hoffnung gibt für alle Schwachen in der Welt.
Hoffnung die die Menschen liebt und sich an Gottes Hoffnung hält.
Halt die Sehnsucht fest.
3)Wo bleibst Du mit deiner Sehnsucht. Nach Flügeln für dein kleines Herz?
Halt Sie fest. Halt Sie fest. Halt Sie fest.
Glaube das Gott Flügel schenkt für jeden der durchs Leben kriecht,
Dass Gott an deine Sehnsucht denkt, weil Ihm an deiner Zukunft liegt.
Halt die Sehnsucht fest.
Wo bleibst du, mit deiner Sehnsucht? Halt die Sehnsucht fest!
- Vertraue, dass Gott und alle liebt und sei zum Leben selbst bereit!
- Glaube, dass es Hoffnung gibt für alle Schwachen in der Welt, Hoffnung, die sich an Gottes Hoffnung hält!
- Glaube das Gott Flügel schenkt für jeden der durchs Leben kriecht,
dass Gott an deine Sehnsucht denkt, weil Ihm an deiner Zukunft liegt.
Vertraue, hoffe, glaube – auf Gott, der in Jesus vorangeht, mit seiner Sehnsucht nach dem neuen Leben. Ein innerer Aufbruch, dem ein äußerer Aufbruch folgen kann. So verstanden, ist es egal, ob der Jemand, und die Andere und noch einmal jemand Anderes Frauen oder Männer sind. Egal ist es aber nicht, ob ich es bin. Der mit seiner Sehnsucht in Jesus einen findet, dem man nachfolgen kann. Die Zeit der Frauen, im Lukasevangelium ist sie schon da. Mit den starken Frauen vor Jesu Geburt, mit den starken Frauen nach Jesu Tod. Frauen fallen bei Lukas aus dem Rahmen – Gott sei Dank! Jesu Nachfolge ist offen für Männer und Frauen.
Alle drei Begegnungen Jesu enden offen. Niemand ist festgelegt am Ende. Weder Jemand, noch ein Anderer, nicht einmal noch eine Andere: So kann ich mich entscheiden, ob ich nicht dazu gehören möchte. Zu denen, die der Sehnsucht nachfolgen, aufzubrechen, sich aufzumachen, sich zu lösen von dem, was mich bindet und festhält. Nicht um meinetwillen, sondern um des Reiches Gottes willen.
Aber was genau ist dieses Reich Gottes, das in mir und durch mich schon anfangen soll? Welche Worte brauche ich, um dieses zu verkünden, weiter zu sagen, welche Geschichten fallen mir ein?
Ehrlicherweise fallen mir viele ein. Ganz kleine, alltägliche Geschichten. In denen auf einmal etwas sichtbar und hörbar wird von einer anderen Welt, einem anderen Frieden, einer besonderen Zufriedenheit. Vielleicht nur eine, eine kleine.
Vergangenen Freitag war wieder Tanzkirche. Die Alte Kirche war voll, nach fast zwei Stunden wurde Hannas Beat weniger, aus dem Ausdruckstanz wurden eindrückliche, stille Momente. Niemand war mehr außer sich, alle bei sich. Dann kamen alle zusammen, zu einem großen Kreis. Und Katrin Meinhard sprach ein Segenswort, uns zu, auf den Weg. Zwei Stunden war die Welt außen vor geblieben, aber jeder einzelne Mensch war ganz da. Und am Ende, da war sie spürbar: diese Sehnsucht nach einem Leben, dass von Gottes Geist getragen ist. Erzähle, wie Gott sich dir heute ereignet hat – und trage es hinaus in die Welt.
Vielleicht ist es mit der Nachfolge ja doch einfach: So leise zu sein, dass wir Gottes Ruf hören können. So sehnsüchtig zu sein, dass wir Gottes Ruf hören wollen. So mutig zu sein, dass klar ist: Gott meint dich. Du musst und du darfst: Folge mir nach! Amen.