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Predigt am Volkstrauertag, Friedenskirche Krefeld, 16.11.2025

| Falk Schöller |

Citykirchenpfarrer Falk Schöller

Hiob 14, 1-17

Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist kurz – und doch voller Unruhe.
Wie eine Blume blüht er auf und wird abgeschnitten.
Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht hier.
Trotzdem richtest du deine Augen auf ihn
und gehst mit ihm ins Gericht.
Gibt es einen Menschen, der von Geburt an rein ist?
Es gibt keinen einzigen!
Darum sind seine Tage begrenzt,
die Zahl seiner Monate steht fest.
Du hast dem Leben eine Grenze gesetzt,
die kann er nicht überschreiten.
Darum schau weg und lass ihn in Ruhe!
Lass ihm doch das bisschen Lebensfreude
wie einem Tagelöhner, der nach der Arbeit ruht.
Ja, für einen Baum gibt es Hoffnung.
Wenn er gefällt wird, treibt er wieder aus.
Es fehlt im nicht an neuen Trieben.
Das gilt selbst für einen alten Baumstumpf,
dessen Wurzelstock in der Erde abgestorben ist.
Sobald er ein wenig Wasser spürt, treibt er aus
und blüht wieder auf wie ein junges Bäumchen.
Anders ist das bei einem Menschen:
Wenn er stirbt, dann ist es aus mit ihm.
Wenn er ums Leben kommt, wo ist er dann?
Wasser aus dem Meer verdunstet,
Flüsse versiegen und trocknen aus.
Genauso ist es auch beim Menschen:
Er legt sich hin und steht nicht wieder auf.
Solange der Himmel besteht, wacht er nicht auf,
und niemand rüttelt ihn aus seinem Schlaf.
Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,
dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst!
Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist!
Und wenn es so weit ist, denk wieder an mich!
Wenn ein Mensch stirbt, ist sein Leben aus.
Wenn du mich aber versteckst, könnte ich warten –
Wie einer, der im Kriegsdienst auf seine Ablösung hofft.
Du würdest mich rufen und ich dir antworten.
Du würdest dich wieder freuen an deinem Geschöpf.
Stattdessen überwachst du meine Schritte.
Keinen einzigen Fehltritt siehst du mir nach.
Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel,
so sammelst du meine Schuld und bewahrst sie auf.
Ihr Lieben,
vor achtzig Jahren war der Krieg vorbei,
der große Krieg, der so viel Leid und Elend über Mensch und Natur gebracht hat,
der große Krieg, an dessen Ende viele Städte in Trümmern lagen,
der große Krieg, in dem so viele Menschen ihr Leben gelassen haben.
Stuttgart, meine Heimatstadt, lag in Trümmern.
So viele Steine, große Brocken und kleine Steinchen,
machten das Leben schwer – und gefährlich.
Mein Schwiegervater, Jahrgang 1938,
stürzte beim Spielen auf den Steinen,
seine Schädelbasis war gebrochen, aber er hat überlebt.
Meine Schwiegermutter, Jahrgang 1942,
war aus Essen nach Stuttgart evakuiert worden,
doch nicht nur hier, tief im Westen, sondern auch im Süden war alles zerstört.
„Für jedes Vergehen kommt ein Steinchen in den Beutel,
so sammelst du, Gott, meine Schuld, und bewahrst sie auf.“
Für jedes Vergehen ein Steinchen.
Ein Steinchen meiner Schuld.
Aufbewahrt bis in Ewigkeit.
Am Anfang, nach dem Krieg, war wenig Zeit für die kleinen Steinchen, für die Schuld.
Am Anfang, nach dem Krieg, war der Blick noch nicht auf die Fehltritte gerichtet.
Aufräumen war angesagt.
Alle Steine raus aus der Stadt, aus dem Kessel auf die Höhe.
Auf den Birkenkopf, Monte Scherbelino, genannt.
Dorthin wurden sie gebracht, die Steine, an denen das Blut klebte.
Dorthin wurde sie gebracht, die Schuld, das Versagen, das Vergehen, die Fehltritte.
Und während die einen die Trümmersteine und die Bruchsteinchen aus der Stadt
wegschafften, warteten die anderen auf Nachrichten von denen, die verloren und
verschollen waren, vielleicht verstorben irgendwo im nirgendwo.
Wenn ein Mensch stirbt ist es aus mit ihm. Wenn er ums Leben kommt, wo ist er dann?
Schau weg, Gott, lass uns in Ruhe.
Am Ende dieser Tage, nach dem Krieg, da gab es zu viel Arbeit und zu wenig Leben.
Am Ende jedes Tages, die Ernüchterung und Erschöpfung:
Rien ne va plus, nichts geht mehr.
Doch die Fragen stellen sich, unaufhörlich:
Was ist der Mensch?
Das Leben ist kurz. Voller Unruhe.
Wie eine Blume blüht er auf und wird abgeschnitten.
Wie ein Schatten flieht er und bleibt nicht hier.
Dringend nötig wäre eine Atempause. Ein Innehalten. Ein Aufatmen.
Denn morgen ist ein neuer Tag.
Der Schuttsteine und Schuldscheine sind viele.
Wenn die Sonne aufgeht, wird das Ausmaß der Zerstörung nur umso sichtbarer.
Wenn sich die Stimmen erheben, werden die Fragen nach der Verantwortung und der
Schuld, nach dem Zweifel und der Verzweiflung nur umso lauter.
Ist es nicht besser, wenn es dunkel bleibt – und stumm?
Ist es nicht besser, wenn alles, wirklich alles, ausgeblendet wird,
keine Atempause, sondern eine Unterbrechung.
Mehr als nur Stunden und Tage,
vielleicht Wochen oder Monate oder Jahre.
Bis der Spuk vorüber ist.
Ach, wenn ich mir doch wünschen könnte,
dass du mich eine Weile in der Unterwelt versteckst.
Halte mich verborgen, bis dein Zorn vorbei ist.
Es ist eine Sehnsucht nach einem Leben,
in dem der Beutel mit den Schuldsteinen verschlossen und verborgen ist.
Eine Sehnsucht nach einem Leben,
in dem der Zorn und die Gewalt und die Strafe nicht mehr regieren.
Eine verständliche Sehnsucht.
Denn die Frage steht im Raum:
Ist das zerstörte Leben, der Schutthaufen, in dem wir unser Dasein fristen,
nicht Ausdruck von Gottes Zorn, von seiner gerechten Strafe?
Die uns ereilt hat, uns deutsches Volk.
Mit großem Schmerz sagen wir:
Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden.
Am 18./19. Oktober 1945 wird inmitten der Stuttgarter Trümmerhaufen und Bruchsteine
dieser Satz des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland gegenüber Vertretern des
Ökumenischen Rats der Kirchen als Teil des Stuttgarter Schuldbekenntnisses formuliert.
Sie bekennen:
„Nun soll in den Kirchen ein neuer Anfang gemacht werden. (…)
Wir hoffen zu Gott, dass durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen
dem Geist der Gewalt und der Vergeltung,
der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde
und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme,
in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.“
Von einem solchen Neuanfang – in einer Hoffnung zu Gott:
Von einem solchen Neuanfang hoffte eins auch Hiob.
Hiob, ein Name. Der Verfolgte. Der Gehasste.
Sein Name, sein Schicksal, teilt er:
Er, der gequälte und geschundene Mensch.
Er, der immer nach den großen Steinen und kleinen Steinchen sucht,
die ihm deutlich machen:
es ist eine gerechte Strafe.
Denn keiner ist rein, auch nicht einer.
Und doch ringt er,
mit der Schwere der Strafe,
mit der Härte des Zorns,
mit der Unverhältnismäßigkeit des Elends.
Es ist mehr, als er tragen kann.
Und es ist mehr, als er verdient hat.
Ich frage mich an diesem Volkstrauertag:
Ob meine Großeltern mehr ertragen mussten, als sie tragen konnten?
Ob meine Großeltern mehr erleiden mussten, als sie verdient haben?
Ob wir in Stuttgart, wir in Krefeld, wir als Deutsche,
mehr von Gottes Strafe und Gottes Zorn und Gottes Gericht erfahren haben,
als gerecht und angemessen gewesen wäre?
Was hätten sie Hiob entgegnet – den Verfolgten, den Gehassten?
Haben sie selber verfolgt und gehasst, werden sie jetzt verfolgt und gehasst?
Ich weiß zu wenig, nicht gebug.
So frage ich uns an diesem Volkstrauertag:
Ob sie sich auch in die Unterwelt gewünscht hätten,
an den Ort, an dem kein Licht auf die Trümmer des Lebens,
auf die Steine der Schuld, auf die Last des Alltags fällt?
Eine Zeit ohne Gott und ohne Welt, ohne Atem und ohne Arbeit.
Abtauchen und untertauchen. Verborgen.
In eine Weile ohne drängende und bohrende Fragen.
Ohne das Gedankenkarussell um das Leben,
das eigene und das der anderen,
der Opfer und der Täter.
Ohne die Bilder von dem, was aus dem Himmel kommt,
Bombenhagel, Kanonendonner?
Es ist aus. Und vorbei.
Wir sind nun, einen Moment, mit Hiob in der Unterwelt.
Wir sind nicht selber hinabgestiegen,
sondern Gott hat uns hier versteckt,
hält uns hier verborgen.
Ist mit uns in die Tiefe gegangen.
An den Ort, an dem kein Leben herrscht.
Aber besser kein Leben als ein feindliches Leben.
Besser kein Zorn als Gottes Zorn.
Hier bleiben – bis der Zorn vorüber ist.
Wenn es so weit ist, denk wieder an mich.
Gottes Zorn kann nur durch Gottes Gnade selbst überwunden werden.
Gott ruft, wieder neu, ins Leben.
In ein Leben, das durch den Tod hindurch gegangen ist.
Jetzt, jetzt ist die Freude wieder da.
Eine ganz neue, unverhoffte, unverdiente, unvermittelte Freude.
Es ist eine Umkehr erforderlich, ihr Lieben, eine Umkehr Gottes.
Gott besinnt sich, ein Freund des Lebens zu sein.
In Gottes Hand ist ein Beutel.
Ein Beutel voller Steinchen.
Ein schwerer Beutel.
Voll mit unserer Schuld, unserem Versagen.
Doch dieser Beutel ist verschlossen, verkittet, versteckt, verborgen.
Ich stelle mir vor, dieser Beutel ist auf dem Monte Scherbelino,
unter all den anderen Trümmersteinen, auf dem großen Schutt- und Scherbenhaufen.
Da ist er, ich ahne ihn dort, aber ich sehe ihn nicht.
Denn trotz all der Schuldsteinbeutel,
von denen, weiß Gott, jede und jeder einen besitzt,
ist das Leben auf einmal wieder möglich.
Auf dem Birkenkopf, dem Monte Scherbelino,
errichtete Pfarrer Hilmar Schieber im Frühjahr 1953 mit einer Jungschar ein Holzkreuz.
Das Kreuz steht, noch bevor in den Folgejahren 40 Meter hoch sich 1,5 Millionen
Kubikmeter Schutt bis 1957 dort gesammelt wurden.
Das Kreuz steht schon, als ein Zeichen.
Nach dem furchtbaren Ende des Krieges wird wieder neues Leben möglich.
Das Kreuz steht – bis heute.
Das Kreuz ist ein Symbol für Gottes Gnade, für seine Liebe zu den Menschen.
Das Kreuz wiegt schwerer als unsere Schuldsteinbeutel.
Denn das Kreuz steht für Gottes Durchgang durch die Unterwelt.
Es steht dafür, dass diese Unterwelt nicht der letzte Ort ist.
Sondern dass Gott dem Leben eine neue Chance gibt.
Unsere Schuldsteine sind bei Gott gut aufgehoben.
Mehr noch: Wir sind wir bei Gott gut aufgehoben.
In seiner Liebe, in seiner Gnade.
Heute sieht man von diesem Kreuz auf eine Stadt,
in der das Leben blüht:
Menschen aller Nationen prägen das Stadtbild,
friedlich ihr Miteinander.
Niemand wird mehr vertrieben, aufgrund seiner Rasse, seines Glaubens, seiner
Nationalität. Die Bomben schweigen schon lange. Und zu essen gibt es für alle genug.
Gott sei Dank.
Es hat unter uns aufgerichtet das Kreuz der Versöhnung.
Durch Jesus Christus, unseren Herrn.
Und der Friede Gottes ist höher als all unsere Vernunft,
bewahrt Herzen und Sinne.
Von nun an bis in Ewigkeit.
Amen.