Reformationsfeier 2025 – Evangelische Friedenskirche Krefeld
Citypfarrer Falk Schöller
Michael Krüger, Rede des evangelischen Pfarrers
(lacht:)
Ach, wissen Sie,
auch ohne ihn
haben wir viel zu tun.
Manche in der Gemeinde
haben ihn schon vergessen.
Anderen fehlt er. Sehr.
War es besser mit ihm?
Der Trost drang tiefer,
und die Scham darüber,
geboren zu sein,
ließ sich leichter
verbergen.
Predigt – Einfach von Gott reden
1998 ist dieses Gedicht von Michael Krüger entstanden.
Als Dichter nimmt er wahr, was in den Kirchen der Reformation geschieht.
Und legt seine Beobachtungen und seine Wertungen einem Pfarrer in den Mund. Ein Pfarrer
redet. Über ihn. Mit Ihm?
Ich lege mir seine Worte einmal in den Mund – und möchte nachspüren:
Vergessen wir in unserem Alltag, nicht nur in der Kirche, sondern auch in den Schulen, in den
Familien, in der Öffentlichkeit etwas, jemand wesentliches, wenn wir vieles ohne ihn tun?
Haben wir ihn schon vergessen?
Ob Michael Krüger schon damals wusste, oder zumindest ahnte, wie viel wir heute in der Kirche
damit zu tun haben, uns selbst zu erhalten?
Wie sehr wir uns um unsere Strukturen, Gebäude, Personal kümmern,
weil die Finanzströme versiegen, Folge längst versiegter Ströme der Gläubigen?
So anders als nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs
als die vielen Zuflucht in den Kirchen und bei Gottes Wort suchten und fanden, und als wir
deswegen viele Kirchen und Gemeindehäuser bauten,
Gruppen und Kreise gründeten, Personal einstellten.
Wir hatten mehr als genug, damals. An Geld. Und an ihm.
Als wir mit unserem Latein am Ende waren,als alles in Trümmern lag,
auch viele Kirchen in unserer Stadt –
da erblühten Kirche und Gemeinden in großer Kraft,
vielleicht in vorher und nachher niemals dagewesener Fülle
an Gebäuden, Personal, Finanzen.
Es war, als wäre er wieder gekommen, um uns aufzubauen.
Und so bauten wir auf, bauten Kirche auf, bauten uns auf.
Als ob er uns gehörte, als ob er zu uns gehörte.
Aber vergessen wir nicht:
die Krise der Kirche in den neuen Zeiten, in der Moderne und in der Industrie,
sie ist älter, viel älter. Seit über 200 Jahren ist er in der Krise.
Und mit ihm die Kirche, ja die ganze Religion.
Diese Krise, von ihr schreibt schon Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher,
Reden über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern.1799!
Aber immer noch und immer wieder steht die Kirche, steht der Glaube, steht Gott auf.
So wie 1517. Auch da stand der Glaube, stand Gott neu auf.
War zu finden, in der Muttersprache: die Bibel auf Deutsch.
War zu finden, mitten im Leben: die Bilder des Alltags.
War zu finden, in den Melodien: Volksmelodien für Kirchenlieder.
Aber nicht nur 1517. Nicht nur 1799.
Auch 2025!
Wir sind aufgestanden. Wir sind losgelaufen. Wir sind hier.
Lebendig, in der Krise, trotz der Krise.
Das ist doch tröstlich, ihr Lieben!
Deswegen sollten wir auch nicht ängstlich in die Zukunft sehen,
von der wir doch wissen: Zukunft kommt auf uns zu,
anders, als wir denken, anders, weil wir glauben,
anders, wenn wir unser Vertrauen auf ihn setzen.
Die Zukunft von ihm erwarten, nicht einfach als Fortschreibung der Pläne von gestern und der
Wirklichkeit von heute. Sondern als etwas Neues, überraschend Neues.
Es ist besser mit ihm als ohne ihn.
Michael Krüger lässt den evangelischen Pfarrer sagen:
Anderen fehlt er. Sehr. Der Trost drang tiefer.
Das ist ganz einfach. Warum?
Weil es schon vor langem erzählt wurde: Es ist besser mit Gott.
Ich erinnere uns an Jakob, an seinen Kampf mit und um Gott.
Er will ihn mit sich haben. Segen ist sein Trost.
Ich lasse dich nicht, Gott, du segnest mich denn.
In dieser alten Geschichte, verworren und dunkel und düster,
kämpft Jakob auf der Flucht mit Gott.
An der Grenze. In der Nacht. Ihm auf den Fersen:
sein Bruder, Esau, der ihm nach dem Leben trachtet.
Was Jakob getan hatte, ist Unrecht, großes Unrecht.
Zu Recht sinnt der große Bruder nach Rache, muss der kleine Bruder fliehen.
Aber auch auf der Flucht lässt er nicht von seinem Gott ab,
sucht er nach Segen, nach Begleitung, nach Schutz, auf all seinen Wegen.
Und Gott segnet ihn.
Dieser Segen, auch auf der Flucht, in der Nacht, in der Einsamkeit,
wird Jakob zum Trost, zum Trost, der Zukunft schafft.
Dieser Trost dringt so tief, dass er sich, seine ganze Familie, sein ganzes Leben lang
gesegnet und getragen, behütet und beschützt weiß.
Gottes Segen ist der Trost, der Jakob trägt, und Israel. Ein ganzes Volk, seit Jahrtausenden.
Vergisst Gott nicht. Israel ist nicht einfach irgendein Land,
es ist Gottes Land. Israel ist nicht einfach irgendein Volk, es ist unser Volk.
Auch wir sollten Gott nicht vergessen.
Nicht in unseren Gedanken. Nicht in unseren Worten. Nicht in unseren Melodien.
Michael Krügers Pfarrer sagt: Manchen fehlt er.
Ich sage das als Pfarrer: Mir fehlt er manchmal auch.
Wir sollten ihn nicht vergessen. Wir sind auf ihn angewiesen.
Im Leben und im Sterben. Was wir brauchen, mit einem Wort: Trost!
Aufrichtig sucht jemand Trost, bittet um Hilfe, mich.
Ich höre zu, ganz Ohr: Ihre Schwester, noch gar nicht alt, hat eine Diagnose.
Vermutlich keine gute Prognose. Nur noch wenig Zeit zu leben.
Sie stellt mir eine Frage: Hast du mir Trost?
Hast du mir ein Gedanken, ein Wort, eine Melodie,
die ich hören kann, die mir helfen kann, die mich hoffen lässt. Hast du mir Trost?
Ich sehe in meinen Taschen nach, in meinen Schubladen, im Handschuhfach meines Autos,
suche alle meine Dinge durch, die ich habe, suche im Netz nach etwas, das ich kaufen kann.
Aber ich finde nichts. Keinen Trost. Nur Trostpflaster. Aber die helfen nicht weiter.
Ich überlege. Erinnere mich: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?
Sie weiß nun die Prognose für ihre Schwester. Die Ärztin kennt die Diagnose, weiß, was zu tun ist.
Offen ist noch: Was darf sie hoffen? Darf sie hoffen? Gibt es Trost?
Ich suche, noch einmal, jetzt aber nicht in meinen Taschen, sondern in meinem Leben, meinem
Glauben, meinem Hoffen. Was ich da nicht hineingelegt habe, aber was dennoch da ist. Ich
suche ihn. Und finde ihn. Und sage ihn.Ganz einfach. Ich sage ihn zu. Seinen Trost. Seine
Hoffnung. Seinen Segen.
Sie darf Gott und seinen Segen hoffen. Trost findet sich. In der Hoffnung.
Auf das Leben. Mit Gott. In guten wie in schlechten Tagen. In diesem Leben und im ewigen
Leben. Glück und Seligkeit.
Wir haben es vorhin mit Worten Dietrich Bonhoeffers gesagt und bekannt:
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will,
wie wir brauchen.
Ich glaube ihn. Er ist doch da. Einfach so.
Allein auf Gott verlassen. Auf das, was er uns zukommen lässt.
Aus seiner Zukunft kommt er in unsere Gegenwart.
Er ist da. Mit dir. Mit deiner Schwester. Ihr seid nicht allein. Gott sei Dank.
Ich habe Trost gefunden. Nicht in den Dingen, sondern in den Worten.
In ganz einfachen Worten. Es bleibt der Glaube. Es bleibt die Hoffnung. Es bleibt die Liebe. Die
Liebe aber ist die größte unter ihnen.
Paulus hat uns diese Worte geschenkt. Gewonnen aus dem Vertrauen in Jesus Christus.
Der mit ihm durch das Leben gegangen ist und in den Tod und durch den Tod. Mit ihm.
Jesus leidet mit Menschen, heilt sie, an Leib und Seele, gibt Menschen Zukunft,
obwohl der Tod schon an ihnen nagt.
Die Bibel ist voll dieser Geschichten. Von Glauben. Von Hoffnung. Von Liebe.
Jesus begegnet Aussätzigen, hochansteckenden Leprakranken. Sie leben, isoliert von allen
anderen, ausgesetzt, einsam, trostlos, hoffnungslos.
Ohne Zukunft. Leben als Warten auf den Tod. Und das mitten im Leben.
Jesus lässt Menschen wie sie nicht allein. Er lässt auch uns nicht allein.
Wir sind mit ihm.
Der Trost dringt tief in die Welt, in die Menschen hinein. Der Trost dringt tiefer.
Das sollten wir nicht einfach vergessen. Wir sollten nicht verzagen.
Wir dürfen uns, den Menschen, der Welt Gott nicht versagen.
Wenn Gott fehlt, fehlt der Trost. Wenn Jesus nicht mehr erinnert wird, fehlt der Tröster.
Deswegen: Wir sollten einfach wieder von Gott reden, nicht ins Gerede kommen, sondern ins
Gespräch, und aus dem Gespräch auch ins Gebet, in dem wir Gott wieder hören.
Denn: Er fehlt. Wenn wir nicht wieder einfach von Gott reden, bleibt Gott außen vor.
Also: Weil wir alles so kompliziert machen, so verworren und verschoben,
müssen wir einfach von ihm reden, müssen wir von ihm einfach reden.
Sonst suchen Menschen andere, einfache Alternativen,
und manche bieten sogar andere, einfache Alternativen an,
doch sie haben keinen Trump, gar keinen Trumpf in der Hand, und schon gar keinen Trost.
Trost allein, der tiefe Trost, kommt von Jesus Christus, und seinem Wort.
Selig sind die Friedfertigen. Selig sind die Trauernden. Selig sind die Träumenden.
Selig bist du.
Ganz einfach. Gott fehlt nicht. Er kommt. Er ist da. Er kommt wieder.
Gott sei Dank. Amen.