
Friede für euch: Atem und Hauch!
Pfingstpredigt 2026
Liebe Gemeinde,
manches Mal rate ich Menschen, in Klausur zu gehen. Die Türe hinter sich zuzumachen. Sich einzuschließen. Abzuschließen von all dem, was auf sie einschießt.
Manches Mal gilt dieser Rat nicht nur einer einzelnen Person, sondern einem ganzen Team. Eine Führungsmannschaft, eine Vorstandsrunde, ein Team von engagierten Haupt- und Ehrenamtlichen. „Macht einmal die Türen zu, die Einfallstüren, durch die so vieles auf euch einströmt, dass ihr gar keinen klaren Gedanken mehr fassen könnt. Lasst euch nicht stören und bleibt so lange beisammen, bis ihr euch einmal neu sortiert, neu orientiert, neu ausgerichtet habt.“
Ehrlicherweise ist ein solcher Rückzug, ein solches Sich-Wegschließen kein Vergnügen – oftmals ist ein Mensch, ein Team, eine Organisation in einer veritablen Krise. So wie es war, kann es nicht weitergehen – aber keiner weiß, wie es überhaupt weitergehen kann. „Wie geht es dir wirklich?“ – die Frage steht oft am Anfang. Wenn es gelingt, mit klaren Spielregeln und hohem Maß an Vertrauen, dann kommen schnell zentrale Botschaften: „Ich bin in großer Sorge. Ich bin überfordert. Ich habe auch keine Lösung. Ich weiß nicht ein noch aus. Mir wächst das alles über den Kopf.“ Das ist schwer auszuhalten, aber es braucht den Halt einer Klausur, eines Rückzugs, damit das einmal rauskann.
In einer solchen Runde werden dann auch Verletzungen spürbar. Menschen berichten, was sie hart getroffen hat. Und es werden Vernarbungen sichtbar. Manche zeigen, wie sehr sie schon früher verwundet wurden und jetzt alles tun, um das nicht noch einmal zu erleben. Obwohl alle wie gelähmt sind, kommt etwas in Bewegung. Alle reden, jeder sagt etwas. Leise. Behutsam. Vorsichtig. Und obwohl die Worte aus den Menschen sprudeln, sind die Wörter wohl gewählt, die Sätze klar und deutlich.
In einer solch schwierigen Lage, die ein Rückzug erfordert oder eine Klausur nahelegt, gibt es einen kritischen Moment: wenn die gegenwärtige Krise alles dominiert, überlagert von den früheren Krisenerfahrungen. Dann ist der Raum voller Lähmung, voller Furcht. Es droht, starr zu werden. Die Stimmung frostig. Gespräche drehen sich im Kreis. Verstummen. Rien ne va plus. Nichts geht mehr.
In meiner Praxis als Berater komme ich gelegentlich in solche Situationen. „Wenn Krise, dann Schöller.“ Aber auch in seelsorgerlichen Gesprächen gibt es solche Momente, bei denen Einzelne, Paare oder Familien in einer solchen Klausur sind, im gemeinsamen Rückzug, abgeschlossen von dem, was um sie herum vorgeht. „Was würden Sie jetzt tun? Worauf kommt es an? Was ist jetzt als Erstes wichtig?“
Hören wir noch einmal auf die österliche Pfingstgeschichte: Es ist Ostersonntagnacht – aber schnell wird es Pfingstmorgen. Hören Sie selbst.
Der Abend ging, es wurde Nacht; der Große Sabbath war nun vorüber, und die Osternacht brach an: Die Jüngerinnen und Jünger saßen beieinander und besprachen sich leise: Die Türen geschlossen, denn sie hatten Angst vor den Juden, den Feinden des Juden Jesus. Und auf einmal das Wunder! Die Riegel sprangen auf, die Türen öffneten sich, und Jesus stand unter ihnen, in ihrer Mitte, er war zu ihnen gekommen und sagte:
„Friede für euch!“, er zeigte die Hände, zeigte sein Herz und die Wunden.
So weit einmal. Hier wird uns eine genaue Handlungsanleitung überliefert für den Umgang mit Krisen. Der Weg aus der Krise beginnt mit einem Wunder. Ein Wunder ist etwas, das wir nicht bewirken können, nicht machen, herstellen, produzieren. Ein Wunder ereignet sich. Und das Wunder ist ein doppeltes: was eben noch alle verriegelt hat, gefangen genommen in der Krise, in den dunklen, düsteren Gedanken, immer im Ich-Modus verbleibend, wird aufgesprengt: Die Riegel sprangen auf. Das geht ohne Zauberwort, ohne Simsalabim. Aber es geht. Ein wahrlich befreiendes, entlastendes Gefühl: der Knoten ist zerschlagen, das Schloss springt auf. Mit einem Wort: Ostern! Doch das Wunder hat zwei Teile. Die Riegel sprangen auf! Die Türen öffneten sich!
Der Abend ging, es wurde Nacht; der Große Sabbath war nun vorüber, und die Osternacht brach an: Die Jüngerinnen und Jünger saßen beieinander und besprachen sich leise: Die Türen geschlossen, denn sie hatten Angst vor den Juden, den Feinden des Juden Jesus. Und auf einmal das Wunder! Die Riegel sprangen auf, die Türen öffneten sich, und Jesus stand unter ihnen, in ihrer Mitte, er war zu ihnen gekommen und sagte:
„Friede für euch!“, er zeigte die Hände, zeigte sein Herz und die Wunden.
So weit einmal. Hier wird uns eine genaue Handlungsanleitung überliefert für den Umgang mit Krisen. Der Weg aus der Krise beginnt mit einem Wunder. Ein Wunder ist etwas, das wir nicht bewirken können, nicht machen, herstellen, produzieren. Ein Wunder ereignet sich. Und das Wunder ist ein doppeltes: was eben noch alle verriegelt hat, gefangen genommen in der Krise, in den dunklen, düsteren Gedanken, immer im Ich-Modus verbleibend, wird aufgesprengt: Die Riegel sprangen auf. Das geht ohne Zauberwort, ohne Simsalabim. Aber es geht. Ein wahrlich befreiendes, entlastendes Gefühl: der Knoten ist zerschlagen, das Schloss springt auf. Mit einem Wort: Ostern! Doch das Wunder hat zwei Teile. Die Riegel sprangen auf! Die Türen öffneten sich!
Nun ist es möglich, dass jemand anderes hinzukommen kann. Jemand, der eine Problemlösungskompetenz hat. Jemand, der nicht in der Vergangenheit bleibt oder in der Gegenwart verharrt. Sondern jemand, der für ein Aufstehen, für einen Aufbruch steht. In diesem Fall: Jesus steht mitten unter ihnen. Er ist gekommen, von außen nach innen, ein einzelner Mensch in ein großes Team.
Das ist ein Wunder. Erst springen die Riegel auf, öffnen sich die Türen – und dann kommt da einer herein. Nicht irgendeiner, sondern Jesus. Der Christus. Der in diese beklemmende Situation Gesandte. In diesem Fall: der Weg, die Wahrheit, das Leben.
Sein erstes Wort: Friede für euch. Auf hebräisch, ein Wort: Schalom. Am Kreuz, sein letztes Wort: Vollbracht. Der Tod aber hat nicht das letzte Wort. Sondern Gott. Im österlichen Jesus: Schalom! Friede für euch.
Es ist nichts, was die in der Klausur sich verdient haben, oder was die gefordert haben. Es ist aber genau das, was sie in der Klausur verdienen, was sie brauchen. Frieden. Ein umfassender Frieden, in dem alles heil wird und heil ist, weil Jesus da gekommen ist. Hinzugekommen. In eine verfahrene, furchtbare Situation. Zu Menschen, die verletzt, verwundet, enttäuscht sind, die furchtbares erlebt haben und sich fürchten. Für Menschen, die einst auszogen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und sich jetzt zurückzogen, weil die Welt für sie ein schlechter Ort geworden ist.
Jesus ist gekommen. Aber wie! Er zeigt die Hände, zeigt sein Herz, zeigt die Wunden.
Zeigt die Hände, die das Brot gebrochen und geteilt haben, den Kelch gefüllt und gegeben. Zeigt sein Herz, seine Empathie, seine Sympathie, ganz herzlich. Und zeigt die Wunden. Seine eigene Verletzlichkeit, seine eigene Verwundung, die Vernarbung. Das ist entscheidend in dieser Situation: handgreiflich, herzlich, verwundbar und verwundet. So wird Jesus für die Jüngerinnen und Jünger glaubwürdig. Im wahrsten Sinn des Wortes. Jesus ist glaubwürdig, als ein gezeichneter Mensch, der das Dunkel kennt und es durchschritten hat. Jesus nach Ostern! Das macht ihn glaubwürdig. Als Weg, Wahrheit, Leben. Und so geht es weiter!
Freude und Jubel kehrte ein unter den Jüngerinnen und Jüngern: Unser Herr ist gekommen! Er aber sagte noch einmal: Friede für euch!
Welch eine Verwandlung, welch eine Transformation, eine Metamorphose. Welch ein Stimmungsumschwung. Freude und Jubel. Eine Momentaufnahme. Doch Jesus will mehr: er will, dass diese österliche Freude und dieser nachösterliche Jubel bleiben. „Das Wort Gottes bleibe in Ewigkeit – verbum die manet in aeternum.“ Deswegen noch einmal: Friede für euch! Schalom. Wenn sich Freudenjubel auf Dauer stellt, haben wir dafür im Deutschen ein ganz besonderes Wort: Glückseligkeit. Glück und Seligkeit so eng verbunden, dass ein Wort daraus wird. Ein Wort, das wirkt.
Ich sende euch aus, so wie mich der Vater gesandt hat. Er redete mit ihnen, schaute sie an, und dann – Atem und Hauch! -: „Nehmt hin und empfangt den Heiligen Geist! Gekommen ist eure Stunde!
Jetzt ist, auf einmal, Pfingsten da. Nah an Ostern. Und doch ganz anders. Denn jetzt kommt es darauf an, dass die Klausurzeit zu Ende ist. Dass der Blick nicht zurück geht und nicht stehen bleibt. Sondern: Die Zeit ist jetzt! Gekommen ist eure Stunde! Ich sende euch aus, so wie mich der Vater gesandt hat. Jetzt werden aus den Jüngerinnen und Jüngern Christen. Jetzt sind sie selber Nachfolger von Jesus, Stellvertreter Christi auf Erden. Ab jetzt beginnt das Christentum sich rasant auszubreiten, über die ganze Erde und über alle Zeiten hinweg. Bis zu uns. Jetzt geht es los. Und zwar völlig unspektakulär: Mit Atem und Hauch.
Wer seine Bibel kennt, weiß, dass damit eine neue Schöpfung gemeint ist. Bei der ersten Schöpfung hat Gott dem Menschen das Leben eingehaucht. Jetzt haucht der auferstandene Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern das neue Leben ein. Atem und Hauch. Das Leben beginnt, noch einmal, neu. Mit diesem Pfingstfest kann die Kirche nicht mehr bei sich selber bleiben, sie muss über sich hinauswachsen. Jede und jeder wird, so verwundet und verletzt und vernarbt er auch sein mag, von Jesus selbst in die wunderbare Nachfolge gestellt. Mit voller Macht ausgestattet:
„Wem ihr die Sünden nehmt, der sei von Sünde frei. Doch wenn ihr sagt: sie sind nicht vergeben, die Sünden, du musst sie behalten, dann werden sie bleiben.“
Seit dem Pfingstfest sind wir nun im wahren Sinn angehaucht, neu beatmet und völlig begeistert. Und haben eine große Kraft verliehen bekommen. Um von nun an im Sinne Jesu zu handeln. Gott sei Dank ist Pfingsten auch heute. Nehmt den Heiligen Geist. Lasst euch neu beatmen. Friede für euch. Friede für die Menschen. Den Menschen eures Wohlgefallens. Amen.