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Mit dem Segen beauftragt – 4. Mose 6, 22-27

Predigt am Sonntag Trinitatis, 31. Mai 2026
Thomaskirche Krefeld

Segen im Konfirmandenunterricht
Es waren etwa 20 Jugendliche. 13, 14 Jahre alt. Manche sind schon in die Höhe geschossen, junge Männer und Frauen, fast schon ausgewachsen. Andere standen noch am Anfang der Entwicklung, fast Kinder noch, Knaben und Mädchen. Die Glocken haben geschlagen, kurz nach 18 Uhr, ein Mittwoch. Wir standen im Kreis zusammen, der Tag war lange gewesen. Sie sind erschöpft, aber keinesfalls am Ende. „Jetzt kommt der Schluss.“ Ich drehe mich zu meinem Nächsten nach rechts. Er öffnet die Hände, alles wird still. Ich lege meine Hände auf seine Hände. „Ich will dich segnen“, spreche ich ihm zu. Dann öffne ich meine Hände. Er legt seine Hände auf meine Hände. „Und Sie, äh, du sollst ein Segen sein“, sagt er mit klarer, fester Stimme. Dann wendet er sich nach rechts, zu seiner Nachbarin. Sieht ihr nicht in die Augen, das wäre doch zu nah, zu intim, in dieser großen Runde. Seine Haut im Gesicht bekommt etwas mehr Farbe. Behutsam legt er seine Hände auf ihre, es bleibt ein kleiner Abstand. Und doch springt der Funke über als er, jetzt mit leiserer Stimme, ihr den Segen zuspricht: „Ich segne dich gerne.“ Manche haben genau zugehört. Es kommt Bewegung in die Gruppe, die Spannung löst sich, ein kurzer Moment des Auflachens. Zum Glück löst sie auf: „Auch du darfst gerne ein Segen sein.“ Es folgt: eine kurze Unterbrechung. Getuschel, Gelächter. „Auf, kommt, wir wollen zu einem guten Ende kommen“, sage ich. Und dann geht es weiter. Mit Hochspannung. Am Ende, es sind nur einige Minuten, wenige Momente, drehe ich mich nach links. „Willst du noch einmal gesegnet werden?“, werde ich gefragt? „Kann nicht schaden!“, dann empfange ich den Segen, gebe ich weiter. Und schließe mit einem: „Jetzt geht. Aber geht mit Gott. Und kommt wieder. Bis dahin: seid ein Segen. Gott befohlen. Adieu.“

Die Jugendlichen haben alle, sichtbar, spürbar, hörbar, den Segen empfangen. Und weitergegeben. Segen als Zweibahnstraße. Ich werde gesegnet. Ich segne. Die Hand eines anderen wird Gottes Hand, meine Hand wird zu Gottes Hand. Wir haben diesen Schlusskreis fast jeden Mittwoch gemacht, ein ganzes Jahr lang. Mitten in spannenden Entwicklungen, die die jungen Menschen in dieser Zeit durchlaufen. In einer Phase, in der es viel um Nähe und Distanz geht, um Zuwendung zu den einen, Abwendung von den anderen. In der es wichtig ist, wo man ist, was man isst, wie man aussieht, was man anzieht, wie man andere anzieht oder auch abstößt. Gruppen bilden sich, ganz normal – wir bilden auch eine Gruppe, jeden Mittwoch. Eine Gruppe Heranwachsender, Kinder aus armen und reichen Familien, aus intakten oder gebrochen Beziehungen, aus allen Schularten, mit unterschiedlichen Begabungen. So bunt, so vielfältig kommt eine Gruppe fast nie wieder zusammen im Leben. Der Segen ebnet alle Unterschiede ein, zumindest für einen kurzen Moment. Jede und jeder gibt und empfängt. „Der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft, bewahrt Herzen und Sinne. In Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.“

Segen in der offenen Kirche
In den letzten Jahren ist die Alte Kirche geöffnet. Jeden Samstag. Ich bin präsent, in der Kirche, bin da, habe Zeit. Nehme mir Zeit. Für Begegnungen und Gespräche. Manches Mal geschieht erstaunliches. Vor einiger Zeit kommt ein Mann in der Lebensmitte in die Kirche. Ich kann ihn schlecht einschätzen. Er schleicht durch die Kirche, geht in den Raum der Stille, vielleicht zündet er eine Kerze an. Ich setze mich einfach irgendwo hin, er hat mich aus den Augenwinkeln im Blick. Beschleunigt, kommt auf mich zu. „Sind sie der Pfarrer?“, fragt er. Ich lächle ihn an, nicke. Dann schießt er los, noch im Stehen, setzt sich. „Bei der Taufe wurde mein Name falsch ausgesprochen. Deswegen wurde ich nicht richtig getauft. Das hängt mir mein ganzes Leben nach.“ Ich bin neugierig. Mich würde ja brennend interessieren, was ihm nachhängt, was ihm fehlt, warum ihm die Taufe auf seinen Namen so wichtig wäre. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein“, sagt er mit feierlicher Stimme. Da ist mein Taufspruch. Aber mein Name wurde gar nicht richtig gesprochen, also wurde ich nicht von Gott gerufen, also bin ich gar nicht sein Kind.“ Und bevor ich auch nur einen Atemzug machen kann, redet er hastig weiter. „Und sie müssen mir gar nicht erklären, dass die Taufe doch gilt, von wegen ‚Gott schreibt auch auf krummen Wegen gerade‘, oder so. Mein Leben ist doch der Beweis, dass der Segen nicht da ist. Taufen sie mich, einfach, bitte. Den Segen, mit Wasser und Kreuzzeichen, über dem Taufbecken.“ Der Wunsch nach Segen, hier ist er spürbar, greifbar, verbunden mit der Taufe – mein Name, Gottes Name, Gottes Zuspruch: Du bist mein!

Segen in der Familie
„Ich taufe dich auf den Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Mir fällt die Taufe von Sanna ein.
Nach den Worten, „ich taufe dich“, eine Pause, dann der Name, so wie die Eltern ihn bezeichnet haben. So wird diese Person nun auf den Namen Gottes getauft: Wasser auf den Kopf, ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Gott spricht: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. Geh deine Lebenswege im Namen des Herrn. So bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe ist die größte unter ihnen.
Ich erinnere mich, wie wir als junge Eltern dastanden, unsere Tochter im Taufkleid. Die Patentante hatte sie im Arm, ein wenig unbeholfen, dann wurde der Segen gesprochen.

Uns war das wichtig, dieser Segen am Anfang des Lebens. „Keinen Tag soll es geben, wo du sagen musst: Niemand ist da, der mir die Hände reicht. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mit mir Wege geht. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.“ Auf dem Kirchentag 1995 erklang dieses Lied mit dem Text von Uwe Seidel und Thomas Quast das erste Mal, rasend schnell fand es Verbreitung. Geht ins Ohr, bleibt im Kopf. Wacher Verstand, große Hoffnung, starke Liebe – der Friede Gottes, sein Segen.

Der Segen im Auftrag Gottes – an Aaron und seine Söhne
Der Segen schwankt so wunderbar zwischen dem besonderen, einmaligen, und dem alltäglichen, wiederkehrenden. Der Segen Gottes, als Zuspruch für den großen Lebensbogen und die kleinen Alltagswendungen. Der Segen Gottes war ursprünglich Priestern vorbehalten. Wir hören den Auftrag zu segnen, als übertragene Aufgabe das erste Mal in folgender Erzählung:

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Aaron und seine Söhne, das war eine Priesterfamilie. Segnen war ihr Lebensdienst, ihre Lebensaufgabe, ihr Beruf. Sie waren ausgesucht und abgesondert, exklusiv für diese Rolle, und sie sollten, ausgesucht und ganz besonders, die Israeliten, Gottes geliebtes, ausgewähltes Volk segnen. Beim Segnen sieht Gott dem Menschen in die Augen, von Angesicht zu Angesicht – und der Funke Gottes springt über. Gott behütet dich. Gott ist dir gnädig. Gott gibt dir Frieden.

Segen gegen den Augenschein – auf Hoffnung hin
In der Geschichte des Volkes Israel wird immer wieder deutlich, dass dieser Schutz Gottes, diese Gnade Gottes, dieser Friede Gottes nicht wirklich sichtbar und spürbar ist. Viele der biblischen Texte wurden niedergeschrieben in dunklen, finsteren Zeiten. In Zeiten des Krieges, der Vertreibung, der Zerschlagung, in denen Familien getrennt wurden, Städte niedergebrannt, die gesammelten Schätze geraubt waren, Friedhöfe zerstört. Wenig, nichts war geblieben, außer die Erinnerung an Gottes Zusage, an seinen Segen. Die Priesterfamilie Aarons, sie gab es nur noch in den Erzählungen. Aber geblieben war, immerhin, Gottes Auftrag zum Segen. Und so wurde gesegnet, auch in der Fremde, auch unter widrigen Bedingungen, auch von Menschen, die nicht zur Familie des Aaron abstammten, keine Priester waren. Es wurde gesegnet und gehofft. Auf Gnade. Auf Schutz. Auf Frieden. Ein Segen gegen allen Augenschein, auf Hoffnung hin.

Bis heute segnen wir, gegen allen Augenschein, auf Hoffnung hin. Zum Beispiel unsere Kinder. Wir bitten für sie um Gnade. Dass das Leben und die Menschen gnädig sind, auf allen Wegen. Durch Kindheit und Jugend, in Schule und Beruf, in Partnerschaft und in Freundschaft, zuhause und auf Reisen. Gott spricht: „Ich will dich tragen, bis du alt und grau wirst. Ich habe es getan und ich werde es tun. Ich will heben und tragen und erretten.“

Das ist mein Taufspruch. Die grauen Haare kommen, viele Jahre sind gegangen, der Segen bleibt. „Keinen Tag soll es geben“, doch es gab solche Tage. In manchen von diesen wurde mir der Segen und der Zuspruch in Erinnerung gerufen. Gott sei Dank.

Segen hält Gott die Tür offen – damit die Welt ein besserer Ort wird
Wir haben uns den so genannten aaronitischen Segen zu Eigen gemacht. Als Christinnen und Christen. Weil wir durch Jesus mit in diesen Segensraum hineingenommen wurden, der Gottes Volk gilt. Wir sind dazugekommen, in diesen Segensraum, empfangen den Segen, nehmen ihn auf, geben ihn weiter. Als Teil einer großen Hoffnungsgemeinschaft, die nicht aufhören will, diese Welt anders zu glauben, zu hoffen, zu lieben, als sie ist. Als sie noch ist. Der Segen Gottes hält Gott die Türe offen – damit die Welt ein besserer Ort wird. Mit Gott, durch uns. Durch den Segen. Der höher ist als menschliche Vernunft. Und unser Herz bewahrt, und unsere Sinne auch, in Jesus Christus, Gottes zu uns gesandtem Segen. Amen.

Ich wäre gerne dabei gewesen – heute ist das erste Pfingsten: Predigt über Apostelgeschichte 2, 1-21

Schade, dass ich damals nicht dabei war.
An diesem ersten Pfingstfest.
Ich hätte das gerne erlebt.
Alle, die zu Jesus gehörten, sind zusammengekommen. Da gehöre ich auch dazu.
Ich bin dabei. Damals. Und heute.
Ein spanischer Maler war dabei. Mit einem Pinselstrich.
Er malt Menschen aus seiner Umgebung. Menschen, die er kennt.
Er zeichnet ihre Körper, ihre Kleidung, ihre Gesichter.
Er malt, was er sieht.
Und dann malt er, was er glaubt.
Jede und jeder bekommt auf seinen Kopf eine Flamme.
Allen, geht ein Licht auf.
Jede und jeder ist befeuert, oben, auf den Haaren,
aber niemand verbrennt, sondern alle brennen:
die Gesichter strahlen vor Freude,
die Herzen sind fröhlich,
das Miteinander selbstverständlich.
Alle verstehen sich.
Wer so malt, muss damals dabei gewesen sein.
In Jerusalem, der besetzen Stadt,
in Jerusalem, der Multikultistadt.
Aus aller Herren Länder sind sie gekommen,
viele geblieben, sie sprachen nicht eine Sprache,
hatten nicht einen Geist, nicht einen Glauben.
Nichts, gar nicht, hat sie miteinander verbunden,
außer dass sie zur selben Zeit am selben Ort waren.
Und dann geschieht das Außergewöhnliche:
Sie haben eine Sprache, einen Geist, einen Glauben.
Sie verstehen einander. Sie träumen gemeinsam. Sie hoffen gemeinsam.
Weil Gottes Geist unter sie gefahren ist.
Schade, dass ich damals nicht dabei war.
Welch ein Glück, dass der spanische Maler dabei war.
Was aber, ihr Lieben, unterscheidet mich von dem spanischen Maler?
Der Maler hat eine Vorstellungskraft. Der stellt sich vor, wie das wäre.
Wenn das Pfingstfest heute wäre.
Und er stellt sich vor, wie das wäre:
Wie es seine Mitmenschen auszeichnen würde,
wie sie verändert wären,
weil der Heilige Geist auf sie und über sie gekommen ist,
wie auf einmal eine lebendige Flamme über jeder und jedem lodert,
die Menschen so begeistert,
dass alles Schwere und Mühselige verflogen ist,
alles Trennende und Verletzende und Zersetzende keine Rolle mehr spielt,
alles Hässliche und aller Hass verschwunden wären, einfach so.
Und alles und alle nur noch strahlen.
Der Heilige Geist – seine weiche Kraft macht ihn so stark.
Der Maler tunkt seinen Pinsel wieder in die Farbe. Und zeichnet das Wirken des Heiligen Geistes auf die Gesichter der Menschen, die er vor Augen hat.
Auf das Gesicht seines Nachbarn. Der neben ihm wohnt.
Auf das Gesicht der Nachbarin. Die ihn im Laden bedient.
Auf das Gesicht der Lehrerin. Die ihn unterrichtet hat.
Auf das Gesicht des Polizisten. Der ihn letztens angehalten hat.
Der Maler tunkt seinen Pinsel wieder in die Farbe. Und zeichnet das Wirken des Heiligen Geistes. Nun aber zeichnet er dich. Das bist doch du. Es ist dein Körper. Deine Kleidung. Dein Gesicht. Das kannst doch nicht du sein. So viel Tatkraft und Lebensmut, so viel Liebe und Anmut, so viel Lachen und Freude! Das spürst du doch nicht.
Du nicht. Aber der Maler spürt es. Er zeichnet das, was wirklich ist, auch wenn du es nicht siehst.
Und er malt weiter. Immer weiter. Sein Bild ist niemals fertig. Denn Gottes Geist ist niemals fertig. Nicht mit der Welt, nicht mit den Menschen. Und so malt der Maler weiter. Bis heute.
Und weil er nicht gestorben ist, leben wir auch heute.
Mit Gottes Geist. Und einer Flamme auf dem Kopf.
Jetzt sehe ich sie.
Gottes Geist, höher als all unsere Vernunft,
begeistert unsere Herzen und Sinne.
In Jesus Christus. Unserem Herrn.
Amen!

Friede für euch: Atem und Hauch!

Pfingstpredigt 2026

Liebe Gemeinde,
manches Mal rate ich Menschen, in Klausur zu gehen. Die Türe hinter sich zuzumachen. Sich einzuschließen. Abzuschließen von all dem, was auf sie einschießt.

Manches Mal gilt dieser Rat nicht nur einer einzelnen Person, sondern einem ganzen Team. Eine Führungsmannschaft, eine Vorstandsrunde, ein Team von engagierten Haupt- und Ehrenamtlichen. „Macht einmal die Türen zu, die Einfallstüren, durch die so vieles auf euch einströmt, dass ihr gar keinen klaren Gedanken mehr fassen könnt. Lasst euch nicht stören und bleibt so lange beisammen, bis ihr euch einmal neu sortiert, neu orientiert, neu ausgerichtet habt.“

Ehrlicherweise ist ein solcher Rückzug, ein solches Sich-Wegschließen kein Vergnügen – oftmals ist ein Mensch, ein Team, eine Organisation in einer veritablen Krise. So wie es war, kann es nicht weitergehen – aber keiner weiß, wie es überhaupt weitergehen kann. „Wie geht es dir wirklich?“ – die Frage steht oft am Anfang. Wenn es gelingt, mit klaren Spielregeln und hohem Maß an Vertrauen, dann kommen schnell zentrale Botschaften: „Ich bin in großer Sorge. Ich bin überfordert. Ich habe auch keine Lösung. Ich weiß nicht ein noch aus. Mir wächst das alles über den Kopf.“ Das ist schwer auszuhalten, aber es braucht den Halt einer Klausur, eines Rückzugs, damit das einmal rauskann.

In einer solchen Runde werden dann auch Verletzungen spürbar. Menschen berichten, was sie hart getroffen hat. Und es werden Vernarbungen sichtbar. Manche zeigen, wie sehr sie schon früher verwundet wurden und jetzt alles tun, um das nicht noch einmal zu erleben. Obwohl alle wie gelähmt sind, kommt etwas in Bewegung. Alle reden, jeder sagt etwas. Leise. Behutsam. Vorsichtig. Und obwohl die Worte aus den Menschen sprudeln, sind die Wörter wohl gewählt, die Sätze klar und deutlich.

In einer solch schwierigen Lage, die ein Rückzug erfordert oder eine Klausur nahelegt, gibt es einen kritischen Moment: wenn die gegenwärtige Krise alles dominiert, überlagert von den früheren Krisenerfahrungen. Dann ist der Raum voller Lähmung, voller Furcht. Es droht, starr zu werden. Die Stimmung frostig. Gespräche drehen sich im Kreis. Verstummen. Rien ne va plus. Nichts geht mehr.

In meiner Praxis als Berater komme ich gelegentlich in solche Situationen. „Wenn Krise, dann Schöller.“ Aber auch in seelsorgerlichen Gesprächen gibt es solche Momente, bei denen Einzelne, Paare oder Familien in einer solchen Klausur sind, im gemeinsamen Rückzug, abgeschlossen von dem, was um sie herum vorgeht. „Was würden Sie jetzt tun? Worauf kommt es an? Was ist jetzt als Erstes wichtig?“

Hören wir noch einmal auf die österliche Pfingstgeschichte: Es ist Ostersonntagnacht – aber schnell wird es Pfingstmorgen. Hören Sie selbst.

Der Abend ging, es wurde Nacht; der Große Sabbath war nun vorüber, und die Osternacht brach an: Die Jüngerinnen und Jünger saßen beieinander und besprachen sich leise: Die Türen geschlossen, denn sie hatten Angst vor den Juden, den Feinden des Juden Jesus. Und auf einmal das Wunder! Die Riegel sprangen auf, die Türen öffneten sich, und Jesus stand unter ihnen, in ihrer Mitte, er war zu ihnen gekommen und sagte:
„Friede für euch!“, er zeigte die Hände, zeigte sein Herz und die Wunden.

So weit einmal. Hier wird uns eine genaue Handlungsanleitung überliefert für den Umgang mit Krisen. Der Weg aus der Krise beginnt mit einem Wunder. Ein Wunder ist etwas, das wir nicht bewirken können, nicht machen, herstellen, produzieren. Ein Wunder ereignet sich. Und das Wunder ist ein doppeltes: was eben noch alle verriegelt hat, gefangen genommen in der Krise, in den dunklen, düsteren Gedanken, immer im Ich-Modus verbleibend, wird aufgesprengt: Die Riegel sprangen auf. Das geht ohne Zauberwort, ohne Simsalabim. Aber es geht. Ein wahrlich befreiendes, entlastendes Gefühl: der Knoten ist zerschlagen, das Schloss springt auf. Mit einem Wort: Ostern! Doch das Wunder hat zwei Teile. Die Riegel sprangen auf! Die Türen öffneten sich!

Der Abend ging, es wurde Nacht; der Große Sabbath war nun vorüber, und die Osternacht brach an: Die Jüngerinnen und Jünger saßen beieinander und besprachen sich leise: Die Türen geschlossen, denn sie hatten Angst vor den Juden, den Feinden des Juden Jesus. Und auf einmal das Wunder! Die Riegel sprangen auf, die Türen öffneten sich, und Jesus stand unter ihnen, in ihrer Mitte, er war zu ihnen gekommen und sagte:
„Friede für euch!“, er zeigte die Hände, zeigte sein Herz und die Wunden.

So weit einmal. Hier wird uns eine genaue Handlungsanleitung überliefert für den Umgang mit Krisen. Der Weg aus der Krise beginnt mit einem Wunder. Ein Wunder ist etwas, das wir nicht bewirken können, nicht machen, herstellen, produzieren. Ein Wunder ereignet sich. Und das Wunder ist ein doppeltes: was eben noch alle verriegelt hat, gefangen genommen in der Krise, in den dunklen, düsteren Gedanken, immer im Ich-Modus verbleibend, wird aufgesprengt: Die Riegel sprangen auf. Das geht ohne Zauberwort, ohne Simsalabim. Aber es geht. Ein wahrlich befreiendes, entlastendes Gefühl: der Knoten ist zerschlagen, das Schloss springt auf. Mit einem Wort: Ostern! Doch das Wunder hat zwei Teile. Die Riegel sprangen auf! Die Türen öffneten sich!

Nun ist es möglich, dass jemand anderes hinzukommen kann. Jemand, der eine Problemlösungskompetenz hat. Jemand, der nicht in der Vergangenheit bleibt oder in der Gegenwart verharrt. Sondern jemand, der für ein Aufstehen, für einen Aufbruch steht. In diesem Fall: Jesus steht mitten unter ihnen. Er ist gekommen, von außen nach innen, ein einzelner Mensch in ein großes Team.

Das ist ein Wunder. Erst springen die Riegel auf, öffnen sich die Türen – und dann kommt da einer herein. Nicht irgendeiner, sondern Jesus. Der Christus. Der in diese beklemmende Situation Gesandte. In diesem Fall: der Weg, die Wahrheit, das Leben.

Sein erstes Wort: Friede für euch. Auf hebräisch, ein Wort: Schalom. Am Kreuz, sein letztes Wort: Vollbracht. Der Tod aber hat nicht das letzte Wort. Sondern Gott. Im österlichen Jesus: Schalom! Friede für euch.

Es ist nichts, was die in der Klausur sich verdient haben, oder was die gefordert haben. Es ist aber genau das, was sie in der Klausur verdienen, was sie brauchen. Frieden. Ein umfassender Frieden, in dem alles heil wird und heil ist, weil Jesus da gekommen ist. Hinzugekommen. In eine verfahrene, furchtbare Situation. Zu Menschen, die verletzt, verwundet, enttäuscht sind, die furchtbares erlebt haben und sich fürchten. Für Menschen, die einst auszogen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen, und sich jetzt zurückzogen, weil die Welt für sie ein schlechter Ort geworden ist.

Jesus ist gekommen. Aber wie! Er zeigt die Hände, zeigt sein Herz, zeigt die Wunden.
Zeigt die Hände, die das Brot gebrochen und geteilt haben, den Kelch gefüllt und gegeben. Zeigt sein Herz, seine Empathie, seine Sympathie, ganz herzlich. Und zeigt die Wunden. Seine eigene Verletzlichkeit, seine eigene Verwundung, die Vernarbung. Das ist entscheidend in dieser Situation: handgreiflich, herzlich, verwundbar und verwundet. So wird Jesus für die Jüngerinnen und Jünger glaubwürdig. Im wahrsten Sinn des Wortes. Jesus ist glaubwürdig, als ein gezeichneter Mensch, der das Dunkel kennt und es durchschritten hat. Jesus nach Ostern! Das macht ihn glaubwürdig. Als Weg, Wahrheit, Leben. Und so geht es weiter!

Freude und Jubel kehrte ein unter den Jüngerinnen und Jüngern: Unser Herr ist gekommen! Er aber sagte noch einmal: Friede für euch!

Welch eine Verwandlung, welch eine Transformation, eine Metamorphose. Welch ein Stimmungsumschwung. Freude und Jubel. Eine Momentaufnahme. Doch Jesus will mehr: er will, dass diese österliche Freude und dieser nachösterliche Jubel bleiben. „Das Wort Gottes bleibe in Ewigkeit – verbum die manet in aeternum.“ Deswegen noch einmal: Friede für euch! Schalom. Wenn sich Freudenjubel auf Dauer stellt, haben wir dafür im Deutschen ein ganz besonderes Wort: Glückseligkeit. Glück und Seligkeit so eng verbunden, dass ein Wort daraus wird. Ein Wort, das wirkt.

Ich sende euch aus, so wie mich der Vater gesandt hat. Er redete mit ihnen, schaute sie an, und dann – Atem und Hauch! -: „Nehmt hin und empfangt den Heiligen Geist! Gekommen ist eure Stunde!

Jetzt ist, auf einmal, Pfingsten da. Nah an Ostern. Und doch ganz anders. Denn jetzt kommt es darauf an, dass die Klausurzeit zu Ende ist. Dass der Blick nicht zurück geht und nicht stehen bleibt. Sondern: Die Zeit ist jetzt! Gekommen ist eure Stunde! Ich sende euch aus, so wie mich der Vater gesandt hat. Jetzt werden aus den Jüngerinnen und Jüngern Christen. Jetzt sind sie selber Nachfolger von Jesus, Stellvertreter Christi auf Erden. Ab jetzt beginnt das Christentum sich rasant auszubreiten, über die ganze Erde und über alle Zeiten hinweg. Bis zu uns. Jetzt geht es los. Und zwar völlig unspektakulär: Mit Atem und Hauch.

Wer seine Bibel kennt, weiß, dass damit eine neue Schöpfung gemeint ist. Bei der ersten Schöpfung hat Gott dem Menschen das Leben eingehaucht. Jetzt haucht der auferstandene Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern das neue Leben ein. Atem und Hauch. Das Leben beginnt, noch einmal, neu. Mit diesem Pfingstfest kann die Kirche nicht mehr bei sich selber bleiben, sie muss über sich hinauswachsen. Jede und jeder wird, so verwundet und verletzt und vernarbt er auch sein mag, von Jesus selbst in die wunderbare Nachfolge gestellt. Mit voller Macht ausgestattet:

„Wem ihr die Sünden nehmt, der sei von Sünde frei. Doch wenn ihr sagt: sie sind nicht vergeben, die Sünden, du musst sie behalten, dann werden sie bleiben.“

Seit dem Pfingstfest sind wir nun im wahren Sinn angehaucht, neu beatmet und völlig begeistert. Und haben eine große Kraft verliehen bekommen. Um von nun an im Sinne Jesu zu handeln. Gott sei Dank ist Pfingsten auch heute. Nehmt den Heiligen Geist. Lasst euch neu beatmen. Friede für euch. Friede für die Menschen. Den Menschen eures Wohlgefallens. Amen.

Manchmal hilft nur noch beten – stimmt das?


Skizze einer Himmelfahrtspredigt unter freiem Himmel und weitem Horizont.

Beten hilft
Manchmal, liebe Gemeinde, hilft nur noch beten.
Ich weiß nicht, ob sie mir da zustimmen.
Aber manchmal kommen Menschen zu mir.
Sie sind überzeugt: Jetzt hilft nur noch beten.
Manchmal hilft nur noch beten.
Ich erinnere mich an zwei Eltern.
Verzweifelt. Mit ihrer Hoffnung, ihrem Mut, ihrem Glauben am Ende.
Sie haben alles versucht. Alle Möglichkeiten ausgeschöpft.
Es geht nicht um sie. Es geht um ihre Tochter.
Jetzt kann nur noch beten helfen.
Und weil sie selber nicht geübt sind,
sich nicht einmal fürs Beten gut genug fühlen,
sind sie nun da.
Damit ein anderer für sie und mit ihnen betet.
Ihr eigenes gering geachtetes Beten verdoppelt und verstärkt.
Damit das Gebet auch ankommt.
Ich hätte ja gewiss einen guten Draht nach oben.
Manchmal hilft nur noch beten.
In diesem Fall: nicht für sich selbst, sonder für ihre Tochter.
Deren Leben zu entgleiten droht.
Sie hat Magersucht, ausgeprägt.
Erst wollte sie nichts mehr essen.
Jetzt kann sie nichts mehr essen.
Die Kräfte schwinden.
Der Lebensmut auch.
Sie scheint das Leben geradezu auszuhauchen.
Die Kräfte der Eltern schwinden ebenso.
Auch ihr Lebensmut.
Mit dem Leben der Tochter scheint ihnen auch ihr eigenes Leben zu entgleiten.
Alles ist nur noch Magersucht.
Es gibt kein anderes Thema mehr.
Es ist paradox: die Magersucht frisst alles auf.
Jetzt hilft nur noch beten. Meinen sie.
Was meinen Sie?
Manchmal hilft nur noch beten.
Eine Frau kommt, in der Lebensmitte.
Sie sieht fertig aus, mit ihren Kräften, ihren Nerven am Ende.
Sie erzählt, wie sie zuhause ihre Eltern pflegt.
Die Pflege wächst ihr über den Kopf, es wird zunehmend kritischer.
Der Ton wird rauer – nichts, was sie tut, ist gut genug.
Und umgekehrt: was immer die Eltern tun, ist nicht gut, nicht gut genug.
Die Liste ist lang, der Dinge, die sie tun muss, die die Eltern tun müssen.
So wie es ist, ist es einfach zu viel, ist alles zu viel.
Waschen, Anziehen, Essen, Arztbesuche.
Kontakte zu Familie und Freunden.
Abends werden Kerzen nicht gelöscht.
Tagsüber wird das Wasser nicht abgestellt, der Herd auch nicht.
Immer ist die Hygiene mangelhaft.
Die ganze Situation, die ganze Konstellation – alles stinkt zum Himmel.
Mir klingeln die Ohren.
Ich kann und will all das nicht hören.
Ich kann es nicht auffangen, nicht ertragen.
Jetzt hilft nur noch beten.
Der liebe Gott, möge er doch ein Einsehen haben und eingreifen.
So kann es doch nicht weitergehen.
Alle sind mit ihrem Latein und ihrer Kraft am Ende.
Jetzt hilft nur noch beten. Meine ich.
Was meinen Sie?
Zwei Alltagsgeschichten.
Aus dem Leben eines Pfarrers.
Eines Berufsbeters, gewissermaßen.
Hilft mein Gebet? Mein guter Draht nach oben?
Fahren meine Gebete zum Himmel auf,
wie auf einer Wolke,
verhallt mein Gebet nicht auch einfach?
Hilft mein Beten, hilft unser Beten?
Handeln hilft – und beten
Manchmal hilft auch Handeln.
„Die Hände, die zum Beten ruhn,
die macht er stark zur Tat.
Und was der Beter Hände tun,
geschieht nach seinem Rat.“
So hat Jochen Klepper Beten und Handeln verbunden.
Ora et labora.
Beten und Tun.
Handgreiflich werden, in doppeltem Sinn.
Beten führt ins Handeln
Beten ersetzt kein Handeln, beten führt zum Handeln.
Wer betet, weil er zur Tat, zum Handeln, zum Eingreifen nicht mutig, nicht kräftig, nicht klug genug ist, der kann sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Deswegen ist immer gut zu prüfen:
Hilft wirklich nur noch beten?
Hilft nicht auch entschlossenes, mutiges, kluges Handeln?
Es ist immer gut zu prüfen, ob und welche Handlungsspielräume da sind –
damit Hand falten und Hand anlegen zusammenkommen,
Hand in Hand gehen.
Wir haben wirklich schon alles versucht!
Ich habe schon alles Mögliche unternommen!
Das Menschen mögliche ist vorbei, jetzt geht es um das Gott mögliche!
Ich höre das, aber kann und will ich das glauben?
Prüfet alles! Was gut ist, haltet daran fest.
Wie ist das mit der Magersucht, die alles in sich hineinfrisst und doch niemals satt wird? Welche Hilfe haben die Eltern gesucht, gefunden, angenommen?
Welche Sehnsucht liegt bei der Tochter hinter der Sucht?
Wer hat sich auf die Suche gemacht?
Wer hat was erreicht?
Wo gab es hoffnungsvolle Pfade?
Was hat andere Menschen in vergleichbarer Lage am Leben gehalten?
In wessen Hände haben andere die Tochter gegeben?
Was kann gemeinsam getragen werden, was mit Lehrern, was mit Freunden?
Doppelte Dimension des Betens – Himmel und Horizont
Beten heißt:
nicht nur den Himmel zu öffnen,
sondern auch den Horizont zu weiten.
So verstanden, hilft sicher auch beten.
Beten hat eine himmlische Dimension, mit Blick von unten nach oben,
Beten hat eine irdische Dimension, mit Blick nach links und rechts.
Das gilt auch für die Frau, die ihre Eltern pflegt.
Die Situation ist untragbar – wie soll sie da diese Situation tragen?
Das übersteigt nicht nur ihre Kräfte, sondern auch ihre Kompetenz,
ihre zeitlichen und körperlichen und psychischen Möglichkeiten.
Gibt es wirklich keine Alternativen?
Können beide Eltern noch zuhause gepflegt werden?
Muss die Tochter wirklich alles alleine machen?
Waschen, kochen, putzen, pflegen.
Kommdienst. Fahrdienst.
Alltagsdienst. Notdienst.
Tagdienst. Nachtdienst.
Sich von allen gute Ratschläge anhören,
aber keine tatkräftige Hilfe bekommen.
Ich spüre Zorn und Wut in mir aufsteigen,
das Ohnmachtskartell kann doch zerschlagen werden.
Bevor es zum Notfall kommt.
Beten heißt, nicht nur auf den lieben Gott zu vertrauen,
sondern auch auf liebevolle Fachkräfte zu setzen,
liebenswerte Unterstützung durch andere zuzulassen,
auf lieb zu gewinnende Entlastungen zu setzen,
auf Tagespflege, Kurzzeitpflege, Essen auf Rädern.
Manchmal kommt der liebe Gott auf leisen Sohlen daher.
So verstanden, hilft sicher auch beten.
Das Gebet Jesu
Von solchem Beten und Handeln Jesu hören wir an diesem Himmelfahrtstag.
Der Tag, an dem Jesus uns verlässt und uns noch nicht alleine lässt.
Er verweist uns als Gemeinde, als Gemeinschaft aufeinander
– als Menschen, die miteinander einen guten Geist haben.
Seinen guten Geist!
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
Ich bitte für die, welche durch ihr Wort an mich glauben,
dass sie alle eins seien,
so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin,
dass auch sie in uns seien,
damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben,
damit sie eins seien wie wir eins sind:
ich in ihnen und du in mir,
damit sie vollendet seien in eins,
damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt
und sie geliebt hast,
wie du mich geliebt hast.
Fehlende und notwendige Einheit
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
In all unserem Streit, unserer Zerrissenheit,
unser Sehnsucht nach Einheit und nach Liebe,
in all unserem Zweifel, unserer Not,
unserer Sehnsucht nach Anerkennung, nach heilem, erfüllten Leben.
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
Und falten die Hände, stimmen ein in sein Gebet.
Und öffnen die Hände, sind tatkräftig in der Nachfolge.
Und suchen die Hände der anderen, gemeinsam sind wir stark.
Jesu beten ist ein Dreischritt.
Nicht nur ora et labora, oder labora et ora,
beten und arbeiten, arbeiten und beten,
sondern beten, handeln, gemeinsam.
Dreifach: Beten, Handeln, Gemeinschaft
Manchmal hilft nur beten.
Im Sinne Jesu:
Das Gebet führt zum Handeln, das Handeln gelingt in der Gemeinschaft.
Und all das im Vertrauen darauf,
dass Beten wirklich wirkt, wirklich hilft, wirklich stärkt.
Im Beten wächst der Glaube über sich hinaus,
auf Gott hin,
auf den Nächsten hin,
auf die Gemeinde hin.
Beten ist eine wunderbare Himmelfahrt.
Beten ist eine wundervolle Erdenfahrt.
Der Himmel geht über allen auf,
auf alle über, über allen auf.
Die Eltern ins Gebet nehmen,
die Tochter ins Gebet nehmen,
die Freunde, die Ärzte, die Therapeuten ins Gebet nehmen,
die Lebensgeister wecken,
das Leben kehrt zurück,
langsam, zaghaft, nicht ohne Rückschläge, Narben, Verletzungen.
Von Gott geliebtes Kind.
In seiner Liebe bleiben.
Manchmal hilft einfach beten.
Manchmal hilft beten einfach.
Die Frau ins Gebet nehmen,
ihre Eltern mit ins Gebet nehmen,
viele andere ins Gebet nehmen und ins Boot holen,
gemeinsam anpacken, Lösungen suchen,
Schritt für Schritt.
Das Leben ist endlich. Schmerzhafte Erfahrung, bittere Einsicht.
Doch die Liebe ist unendlich.
Und die Hoffnung.
Und der Glaube.
Der Glaube, das Beten hilft.
Nicht nur manchmal.
Nicht nur als letzte Möglichkeit.
Öffnen wir Gott den Himmel,
hat er es leichter,
unseren Horizont zu öffnen.
Denn Gottes Friede ist höher als alle menschliche Vernunft.
Und Gott bewahrt uns, unsere Herzen und Sinne.
In und durch Jesus, unserem Herrn.
Amen.

Manchmal hilft nur noch beten – stimmt das?

Skizze einer Himmelfahrtspredigt unter freiem Himmel und weitem Horizont.

Beten hilft
Manchmal, liebe Gemeinde, hilft nur noch beten.
Ich weiß nicht, ob sie mir da zustimmen.
Aber manchmal kommen Menschen zu mir.
Sie sind überzeugt: Jetzt hilft nur noch beten.
Manchmal hilft nur noch beten.
Ich erinnere mich an zwei Eltern.
Verzweifelt. Mit ihrer Hoffnung, ihrem Mut, ihrem Glauben am Ende.
Sie haben alles versucht. Alle Möglichkeiten ausgeschöpft.
Es geht nicht um sie. Es geht um ihre Tochter.
Jetzt kann nur noch beten helfen.
Und weil sie selber nicht geübt sind,
sich nicht einmal fürs Beten gut genug fühlen,
sind sie nun da.
Damit ein anderer für sie und mit ihnen betet.
Ihr eigenes gering geachtetes Beten verdoppelt und verstärkt.
Damit das Gebet auch ankommt.
Ich hätte ja gewiss einen guten Draht nach oben.
Manchmal hilft nur noch beten.
In diesem Fall: nicht für sich selbst, sonder für ihre Tochter.
Deren Leben zu entgleiten droht.
Sie hat Magersucht, ausgeprägt.
Erst wollte sie nichts mehr essen.
Jetzt kann sie nichts mehr essen.
Die Kräfte schwinden.
Der Lebensmut auch.
Sie scheint das Leben geradezu auszuhauchen.
Die Kräfte der Eltern schwinden ebenso.
Auch ihr Lebensmut.
Mit dem Leben der Tochter scheint ihnen auch ihr eigenes Leben zu entgleiten.
Alles ist nur noch Magersucht.
Es gibt kein anderes Thema mehr.
Es ist paradox: die Magersucht frisst alles auf.
Jetzt hilft nur noch beten. Meinen sie.
Was meinen Sie?
Manchmal hilft nur noch beten.
Eine Frau kommt, in der Lebensmitte.
Sie sieht fertig aus, mit ihren Kräften, ihren Nerven am Ende.
Sie erzählt, wie sie zuhause ihre Eltern pflegt.
Die Pflege wächst ihr über den Kopf, es wird zunehmend kritischer.
Der Ton wird rauer – nichts, was sie tut, ist gut genug.
Und umgekehrt: was immer die Eltern tun, ist nicht gut, nicht gut genug.
Die Liste ist lang, der Dinge, die sie tun muss, die die Eltern tun müssen.
So wie es ist, ist es einfach zu viel, ist alles zu viel.
Waschen, Anziehen, Essen, Arztbesuche.
Kontakte zu Familie und Freunden.
Abends werden Kerzen nicht gelöscht.
Tagsüber wird das Wasser nicht abgestellt, der Herd auch nicht.
Immer ist die Hygiene mangelhaft.
Die ganze Situation, die ganze Konstellation – alles stinkt zum Himmel.
Mir klingeln die Ohren.
Ich kann und will all das nicht hören.
Ich kann es nicht auffangen, nicht ertragen.
Jetzt hilft nur noch beten.
Der liebe Gott, möge er doch ein Einsehen haben und eingreifen.
So kann es doch nicht weitergehen.
Alle sind mit ihrem Latein und ihrer Kraft am Ende.
Jetzt hilft nur noch beten. Meine ich.
Was meinen Sie?
Zwei Alltagsgeschichten.
Aus dem Leben eines Pfarrers.
Eines Berufsbeters, gewissermaßen.
Hilft mein Gebet? Mein guter Draht nach oben?
Fahren meine Gebete zum Himmel auf,
wie auf einer Wolke,
verhallt mein Gebet nicht auch einfach?
Hilft mein Beten, hilft unser Beten?
Handeln hilft – und beten
Manchmal hilft auch Handeln.
„Die Hände, die zum Beten ruhn,
die macht er stark zur Tat.
Und was der Beter Hände tun,
geschieht nach seinem Rat.“
So hat Jochen Klepper Beten und Handeln verbunden.
Ora et labora.
Beten und Tun.
Handgreiflich werden, in doppeltem Sinn.
Beten führt ins Handeln
Beten ersetzt kein Handeln, beten führt zum Handeln.
Wer betet, weil er zur Tat, zum Handeln, zum Eingreifen nicht mutig, nicht kräftig, nicht klug genug ist, der kann sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Deswegen ist immer gut zu prüfen:
Hilft wirklich nur noch beten?
Hilft nicht auch entschlossenes, mutiges, kluges Handeln?
Es ist immer gut zu prüfen, ob und welche Handlungsspielräume da sind –
damit Hand falten und Hand anlegen zusammenkommen,
Hand in Hand gehen.
Wir haben wirklich schon alles versucht!
Ich habe schon alles Mögliche unternommen!
Das Menschen mögliche ist vorbei, jetzt geht es um das Gott mögliche!
Ich höre das, aber kann und will ich das glauben?
Prüfet alles! Was gut ist, haltet daran fest.
Wie ist das mit der Magersucht, die alles in sich hineinfrisst und doch niemals satt wird? Welche Hilfe haben die Eltern gesucht, gefunden, angenommen?
Welche Sehnsucht liegt bei der Tochter hinter der Sucht?
Wer hat sich auf die Suche gemacht?
Wer hat was erreicht?
Wo gab es hoffnungsvolle Pfade?
Was hat andere Menschen in vergleichbarer Lage am Leben gehalten?
In wessen Hände haben andere die Tochter gegeben?
Was kann gemeinsam getragen werden, was mit Lehrern, was mit Freunden?
Doppelte Dimension des Betens – Himmel und Horizont
Beten heißt:
nicht nur den Himmel zu öffnen,
sondern auch den Horizont zu weiten.
So verstanden, hilft sicher auch beten.
Beten hat eine himmlische Dimension, mit Blick von unten nach oben,
Beten hat eine irdische Dimension, mit Blick nach links und rechts.
Das gilt auch für die Frau, die ihre Eltern pflegt.
Die Situation ist untragbar – wie soll sie da diese Situation tragen?
Das übersteigt nicht nur ihre Kräfte, sondern auch ihre Kompetenz,
ihre zeitlichen und körperlichen und psychischen Möglichkeiten.
Gibt es wirklich keine Alternativen?
Können beide Eltern noch zuhause gepflegt werden?
Muss die Tochter wirklich alles alleine machen?
Waschen, kochen, putzen, pflegen.
Kommdienst. Fahrdienst.
Alltagsdienst. Notdienst.
Tagdienst. Nachtdienst.
Sich von allen gute Ratschläge anhören,
aber keine tatkräftige Hilfe bekommen.
Ich spüre Zorn und Wut in mir aufsteigen,
das Ohnmachtskartell kann doch zerschlagen werden.
Bevor es zum Notfall kommt.
Beten heißt, nicht nur auf den lieben Gott zu vertrauen,
sondern auch auf liebevolle Fachkräfte zu setzen,
liebenswerte Unterstützung durch andere zuzulassen,
auf lieb zu gewinnende Entlastungen zu setzen,
auf Tagespflege, Kurzzeitpflege, Essen auf Rädern.
Manchmal kommt der liebe Gott auf leisen Sohlen daher.
So verstanden, hilft sicher auch beten.
Das Gebet Jesu
Von solchem Beten und Handeln Jesu hören wir an diesem Himmelfahrtstag.
Der Tag, an dem Jesus uns verlässt und uns noch nicht alleine lässt.
Er verweist uns als Gemeinde, als Gemeinschaft aufeinander
– als Menschen, die miteinander einen guten Geist haben.
Seinen guten Geist!
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
Ich bitte für die, welche durch ihr Wort an mich glauben,
dass sie alle eins seien,
so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin,
dass auch sie in uns seien,
damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben,
damit sie eins seien wie wir eins sind:
ich in ihnen und du in mir,
damit sie vollendet seien in eins,
damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt
und sie geliebt hast,
wie du mich geliebt hast.
Fehlende und notwendige Einheit
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
In all unserem Streit, unserer Zerrissenheit,
unser Sehnsucht nach Einheit und nach Liebe,
in all unserem Zweifel, unserer Not,
unserer Sehnsucht nach Anerkennung, nach heilem, erfüllten Leben.
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
Und falten die Hände, stimmen ein in sein Gebet.
Und öffnen die Hände, sind tatkräftig in der Nachfolge.
Und suchen die Hände der anderen, gemeinsam sind wir stark.
Jesu beten ist ein Dreischritt.
Nicht nur ora et labora, oder labora et ora,
beten und arbeiten, arbeiten und beten,
sondern beten, handeln, gemeinsam.
Dreifach: Beten, Handeln, Gemeinschaft
Manchmal hilft nur beten.
Im Sinne Jesu:
Das Gebet führt zum Handeln, das Handeln gelingt in der Gemeinschaft.
Und all das im Vertrauen darauf,
dass Beten wirklich wirkt, wirklich hilft, wirklich stärkt.
Im Beten wächst der Glaube über sich hinaus,
auf Gott hin,
auf den Nächsten hin,
auf die Gemeinde hin.
Beten ist eine wunderbare Himmelfahrt.
Beten ist eine wundervolle Erdenfahrt.
Der Himmel geht über allen auf,
auf alle über, über allen auf.
Die Eltern ins Gebet nehmen,
die Tochter ins Gebet nehmen,
die Freunde, die Ärzte, die Therapeuten ins Gebet nehmen,
die Lebensgeister wecken,
das Leben kehrt zurück,
langsam, zaghaft, nicht ohne Rückschläge, Narben, Verletzungen.
Von Gott geliebtes Kind.
In seiner Liebe bleiben.
Manchmal hilft einfach beten.
Manchmal hilft beten einfach.
Die Frau ins Gebet nehmen,
ihre Eltern mit ins Gebet nehmen,
viele andere ins Gebet nehmen und ins Boot holen,
gemeinsam anpacken, Lösungen suchen,
Schritt für Schritt.
Das Leben ist endlich. Schmerzhafte Erfahrung, bittere Einsicht.
Doch die Liebe ist unendlich.
Und die Hoffnung.
Und der Glaube.
Der Glaube, das Beten hilft.
Nicht nur manchmal.
Nicht nur als letzte Möglichkeit.
Öffnen wir Gott den Himmel,
hat er es leichter,
unseren Horizont zu öffnen.
Denn Gottes Friede ist höher als alle menschliche Vernunft.
Und Gott bewahrt uns, unsere Herzen und Sinne.
In und durch Jesus, unserem Herrn.
Amen.

Hirten damals und heute

Predigt am Sonntag Misericordias Domini, Hirten damals und heute

[11.05.26, 09:50:40] Falk Schöller: Liebe Gemeinde,
Anfang dieser Woche habe ich die Texte für den heutigen Sonntag gelesen. Um Hirten und Schafe geht es, vielfältig. Und mehrdeutig. Ein langes Kapitel aus dem Prophetenbuch Ezechiel haben wir gehört. Hier sind Hirten Menschen in Verantwortung für das Große und Ganze. Es sind Menschen mit Zugang zu Macht, zu Geld, zu Gewalt.
Gott ist mit der menschlichen Regierung damals unzufrieden – er kritisiert scharf. Aber Gott belässt es nicht bei der Kritik – er übernimmt Verantwortung. Nicht nur für das Große und Ganze, sondern für das Kleine und den Einzelnen. Gott sucht den Verirrten, sammelt die Verstreuten ein, verbindet Verletzte, macht Kranke stark. Das ist sein Sofortprogramm als Regierungschef. Und dann, danach, wenn es im Kleinen wieder stimmt und für den Einzelnen wieder passt, dann setzt Gott einen ein für das Große und Ganze: David, Gottes Knecht. Auch als weltlicher Regierungschef bleibt er ein göttlicher Diener – und Gott entfernt sich nicht, im Gegenteil: Ich lasse zur richtigen Zeit Regen fallen und der Regen wird Segen bringen.
Liebe Gemeinde,
das ist schön, sehr schön. Vielleicht zu schön, um wahr zu sein, vielleicht aber auch nur zu schön, um schon wahr zu sein. Obwohl: Hirten sind heute immer noch zu kritisieren, die da oben, weil sie eine seltsame Art haben, sich um das Große und Ganze zu kümmern. Und je größer ihre Aufgabe, desto seltsamer scheinen sie zu sein.
Ich habe mich diese Woche einmal umgesehen, ob ich denn heute Hirten sehe. Nicht auf dem Land, sondern in der Stadt. Ich bin durch Krefeld gelaufen – und habe mich auf Hirtensuche gemacht. Wer sind denn heute die Menschen in Verantwortung für das Große und Ganze? Wo sind denn Menschen mit Zugang zu Macht, zu Geld, zu Gewalt? Wer kümmert sich nicht nur um das Große und Ganze, sondern auch um das Kleine und Einzelne?
Mir ist der KOD aufgefallen, der kommunale Ordnungsdienst. Dienst steht auf den Jacken, ein Dienst für die Gemeinschaft, das Große und Ganze, aber auch ein Dienst im Kleinen und für den Einzelnen. Ich habe sie ein wenig beobachtet, bin ihnen nachgegangen, habe mich auf dem Neumarkt in ein Café gesetzt. „Menschen werden in Ruhe und Frieden leben. Niemand wird sie erschrecken. Sie stärken Schwache, sorgen für Hilfe für die Kranken. Wer sich verirrt, bekommt Orientierungshilfe.“ Mir ist aufgegangen, was diese Menschen alles tun, als Dienstleistung. In einer alles andere als perfekten Welt. Sie tun etwas, oft im Zusammenspiel mit anderen. Mit den Rettungsdiensten und Streetworkern, mit der Polizei und mit hilfsbereiten, wachen Stadtmenschen. Der KOD als Hirte unserer Tage.
Da zur Zeit Ezechiels Staat und Religion auf das engste verflochten waren, habe ich mich gefragt, ob es denn heute auch einen KOD, einen kirchlichen Ordnungsdienst gibt. Menschen, die Verantwortung dafür übernehmen, dass es im Großen und Ganzen, und im Kleinen und für jeden Einzelnen eine gute Ordnung, eine lebensdienliche Unterstützung gibt. Der Küsterordnungsdienst ist mir aufgefallen, auch der Kantorinnenordnungsdienst. Und das Engagement der vielen Ehrenamtlichen. Der kirchliche Ordnungsdienst ist weniger gut zu erkennen – diese Menschen tragen keine Uniform. Und doch machen sie einen Hirtendienst – auch die Pastoren, die Hirten für die Gemeinde. Unser evangelischer KOD ist vielfältig: am Montag haben wir uns mit dem Kernteam Tanzkirche getroffen, am Dienstag bin ich mit einem Ehrenamtlichen aus der Hospizarbeit zusammengesessen, am Mittwoch habe ich Ludger Firneburg, Geschäftsführer der Diakonie getroffen, am Donnerstag war Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Krefeld, am Freitag war ich im Kinder- und Jugendheim Bruckhausen, am Samstag habe ich viele engagierte Menschen erst beim Friedensgebet, dann beim Bikergottesdienst und schließlich beim Vortreffen für die Wander- und Einkehrtage. Im Rückblick auf diese Woche: großartig, wie heute der evangelische Hirtendienst, der kirchliche Ordnungsdienst funktioniert.
Und doch: ist das genug? Ist uns das gut genug?
An dieser Stelle rückt uns ein Abschnitt aus dem ersten Petrusbrief zurecht:
Christus hat euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt.
Er hat keine Sünden begangen
und keine Lüge kam aus seinem Mund.
Er wurde beschimpft, aber er gab es nicht zurück.
Er litt, aber er drohte nicht mit Vergeltung.
Vielmehr übergab er seine Sache dem gerechten Richter.
Christus selbst hat unsere Sünden
mit seinem eigenen Leib hinaufgetragen an das Holz.
Dadurch sind wir für die Sünde tot
und können für die Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden.
Ihr wart wie Schafe, die sich verirrt hatten.
Aber jetzt seid ihr zurückgekehrt zu eurem Hirten,
der euch beschützt.

Unsere Arbeit im kirchlichen Ordnungsdienst, in Gottes Hirtendienst, ist ein anstrengender, mühseliger – wenn wir uns auf unsere eigene Kraft, auf unsere eigene Leistung, auf unsere eigene Power verlassen. Was wir haben – ist Gottes Zusage. Unser Hirte zu sein, der uns beschützt. Der Letztverantwortliche für den Kirchlichen Ordnungsdienst zu sein. Am Ende für Heil und Heilung zu sorgen.
Das ist viel, Ihr Lieben. Viel mehr, als wir oft glauben. Aber doch das, war wir glauben und hoffen dürfen: Im Blick auf das Große und Ganze, im Blick auf das Kleine, auf jede und jeden Einzelnen, ist es Gott, der uns leitet, der uns stärkt, der uns trägt und der uns tröstet. Er hat uns seinen Hirtendienst angeboten – wir dürfen ihn auch heute annehmen. Nicht weil wir dumme Schafe sind, sondern weil wir in unserer eigenen Hirten- und Leitungsaufgabe im kirchlichen Ordnungsdienst immer angewiesen sind auf Gott, der uns sendet und der und begleitet. In Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Predigt zum Sonntag Jubilate 26.04.2026

Den Rhein, an den Obstgärten und Weinbergen vorbei, links die Pfalz, rechts Rheinhessen, dann am Ende der Rheinebene bergauf in Richtung nahe.
Ich hatte, irgendwie, alle Zeit der Welt, dann tauchte auf der rechten Seite das Dorsheimer Goldloch auf, eine der berühmtesten Rieslingweinlagen, das Weingut Diel macht da Spitzenweise – also bin ich einmal abgefahren. In Dorsheim hatten die Weingüter zu, aber hinter Dorsheim geht es Richtung Laubenheim in wunderschöne Weinberge. Ich wollte eine Pause machen, vielleicht sogar ein wenig Wein kaufen – der Kofferraum war fast leer. Und es wäre doch schade, wenn das Auto so leer geblieben wäre. Also stehenbleiben, Handy raus, kurz mal googeln. „Sascha Montigny ist so etwas wie der Rotweinpapst der Nahe.“ Auf der Webseite fand ich, dass sein Weingut offen hat. Und: er hat einen Wein, Laubenheimer Krone Frühburgunder. Zu dem heißt es: „Die Weine aus der edelsten roten Burgundersorte zeigen aufgrund der frühe Reife im Sommer besonders weiche Tannine und eine fast ölige Mundfülle.
Frühburgunder. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Den ersten Frühburgunder hatte ich Anfang der 1990er Jahre in Württemberg probiert, bei Graf Adelmann, Kleinbottwar. Brüssele Spitze. Ich erinnere mich. Später dann im Rheingau, in Assmanshausen. Auch dort eine Lage, die Krone heißt. Und jetzt: Sascha Montigny, Weinpapst, Frühburgunder. Ein Zeichen!
Also bin ich hingefahren, habe geläutet. Aber Sascha Montigny war im Weingut. Schade. Doch halt, ein Mitarbeiter sei da, der könne mir helfen – vorausgesetzt ich wisse, was ich will. Und ob, dachte ich.
Kurz darauf war ich im Weinkeller. Es ging um Gott und die Welt – aber vor allem um Frühburgunder. Diese Rebsorte wird früher reif als andere. Klingt nicht schlecht, ist aber ein Problem. Denn wenn die Trauben reif sind, duften sie, locken Insekten und Bienen an. Die berauschen sich am Saft der Trauben, stechen in die Haut. Und dann fangen de Beeren an zu schimmeln. Das mindert den Ertrag und zwingt den Winzer zum Handeln. Viele haben deswegen aufgegeben – es gibt kaum noch Frühburgunder. Doch hier, hier gab es noch welchen, sie erinnern sich: weiche Tannine, eine fast ölige Mundfülle.
Diese Woche war es ja noch kalt, aber hier war der Sommer im Glas. Die Bienen in der Luft, der Geruch nach Kirschen, Brombeeren, Holunder, nach Kräutern und Gräsern, und ein wenig nach Holz. Wunderbar.
Der Winzermeister erzählte von dem schwierigen Jahrgang 2022. Weil es warm und feucht war, mussten sie handeln. Sie ernteten die Weinberge, viele Trauben waren schon angefressen, manche der Trauben hatten Schimmel. Damit die Trauben nicht zerplatzen, hatten sie nur kleine Gebinde, immer wieder liefen sie, die Weinberge hoch und runter. Manche Biene nahm ihnen ihre Arbeit übel. Am Ende lagen die Trauben da, mit einer Schere haben sie die faulen Beeren rausgeschnitten. Nur 400 kg gesundes Traubengut war übrig, zuckersüß die Trauben, alkoholreich der Wein. 14%, liebe Gemeinde, eine Wucht. Aber zum Dahinschmelzen. Wir standen vor dem Haus, blickten auf die Weinberge und die Rheinebene, auf die Rebblüte, auf manch gerodeten Weinberg, auf manch gepflegten Weinberg, auf manche ungepflegten. Dann kam Sascha Montigny in den Hof – ein wunderbarer Morgen. Wer hätte das gedacht.
So wie ich zufällig diesen Winzer, diesen Weinberg, die Trauben, diesen Wein entdeckt habe und jetzt drüber spreche, so hat auch Jesus über Winzer, Weinberge, Trauben, Wein gesprochen. Und diese Bilder, die ihm so eindrücklich vor Augen lagen, mit Gott und mit dem Glauben verbunden. Es ist so naheliegend, damals, und da ich an der Nahe war, liegt es für mich auch nahe. Hören wir einmal:
(Joh 15, 1-8)
Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner.
Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg,
und jede, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringe.
Ihr seid schon rein aufgrund des Wortes, das ich zu euch geredet habe.
Bleibt in mir, und ich in euch!
Wie die Rebe nicht aus sich selbst heraus Frucht bringen kann,
wenn sie nicht am Weinstock bleibt,
so auch nicht ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht,
denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Wenn jemand nicht in mir bleibt, wird er hinausgeworfen wie die Rebe,
und wird ausgetrocknet werden,
und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennt.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben,
werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch geschehen.
Darin ist mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Zur Zeit Jesu hat man den Wein nicht auf Flaschen gefüllt, nicht im Holzfass gelagert, sondern in Tonkrügen. Vielleicht ist Jesus mit seinen Jüngern durch einen Weinberg gelaufen, haben den Winzer getroffen, sind stehengeblieben, ins Gespräch gekommen. Dann, bei einem Glas Wein, ergreift Jesus das Wort. Und er spricht ergreifende Worte, leicht zu begreifen.
Sieben mal spricht Jesus vom Bleiben. Bei Gott bleiben. Am Rebstock bleiben. Gesund bleiben. Um dann Frucht zu bringen. Um sein Potenzial, seine Gaben, seine Fülle auszuschöpfen. „Qualität entsteht im Weinberg“, hat Sascha Montigny am Mittwoch gesagt – im Bild Jesu: die Qualität unseres geistlichen Lebens entsteht dann, wenn wir bleiben: Bei Gott bleiben, der uns mit allem versorgt, was nötig ist. Am Rebstock bleiben: sich nicht abkoppeln, verschließen, entziehen. Den Kontakt mit anderen suchen, nahe beieinander bleiben. Als Rebe gut geschützt sein, sich gut entwickeln. So ist viel Frucht möglich. Und dann gesund bleiben. Sich geistlich gesund halten – und sich geistlich gut pflegen lassen.
Bei Gott bleiben, am Rebstock bleiben, gesund bleiben. Ein Dreiklang. Jesus geht davon aus, dass jede und jeder für sich übersetzen übertragen, verstehen kann, was das im eigenen Leben konkret heißt. Die zwölf, die mit ihm waren, die kamen sicher ins Gespräch: wie geht das konkret: bei Gott bleiben? Wie mache ich das: am Rebstock bleiben? Wie kann ich gesund bleiben, genug Sonne abbekommen, genug Regen, geschützt sein vor geistlichen Krankheiten?
Jesu Bild vom Weingärtner, vom Rebstock, von den Reben: es ist eine Einladung zum Gespräch unter denen, die seine Worte hören. Zieht den Glauben in euer Leben! Macht es konkret! Wie sieht es aus mit eurer Gottesbeziehung? Wie sorgt ihr Tag für Tag für geistliche Gesundheit? Was macht ihr, auch miteinander, damit ihr auch wesentliche Fragen des Glaubenslebens miteinander besprecht? Bleibt dran, ihr Lieben!
Um dann, so das zweite, prägende Bild, Frucht zu bringen: als Traubensaft, unvergoren, vergoren. In neuer Form, ein neues Leben, verwandelt. Eine neue Schöpfung, eine neue Kreatur. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Ich stelle mir Jesus vor, in der Hand ein Glas Wein. Frühburgunder, vielleicht. Aus der Lage Krone. Von einem Winzer, der sein Handwerk versteht. Weiche Tannine, fast ölige Mundfülle.
Die erste Schöpfung im Weinberg. Die zweite Schöpfung im Weinkeller. Das Alte, die Trauben, sind vergangen. Neues, der Wein, ist geworden. Ihr habt gute Frucht gebracht, weil ihr geblieben seid. Ihr bringt gute Frucht, wenn ihr bleibt.
Ich muss noch weiterfahren. Also nur einen kleinen Schluck, 2022 Frühburgunder, Krone, an diesem Mittwochvormittag, dazu einen Bissen Brot. Das reicht, wahrlich.
Ich nehme ein paar Flaschen mit, damit ich nicht leer nach Krefeld fahre. Aber ich habe noch viel mehr im Gepäck. Es ist viel geblieben, von diesem kurzen Abstecher an die Nahe.
Der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft, und liegt doch so nahe, öffnet Augen, Ohren, Herz und Sinne. Wenn wir bleiben. In Jesus Christus, unserem Herrn.
Denn siehe: das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Wer in mir bleibt und ich in ihm, bringt viel Frucht. So ist es. Gott sei Dank. Amen.

Ewig leben? Hab ich schon!

Feierabend komm! 27.03.2026

Begrüßung und Votum

Habt ihr dieses Licht gesehen?

Irgendwann einmal?

Dieses helle Licht, wo die Lebenstreppe in den Himmel übergeht, wo der Tunnel zu Ende ist, am Morgen nach einer furchtbaren Nacht?

Habt ihr dieses Licht gesehen?

Dieser Satz war auch einmal in einer Kirche zu hören, 

als das Licht auf eine dunkle Gestalt fiel, auf Jake Blues, gespielt von John Belushi,

der gerade erst nach den Tagen im Gefängnis die Freiheit gewonnen hatte.

Sehen wir heute dieses Licht, auch?

Ich hoffe es.

Wir hören aber heute auf jedem Fall von diesem Licht. 

Und wir riechen es.

Licht riechen?

Jetzt spinnt er?

Oder ist verrückt.

Ja, das gebe ich gerne zu.

Sonst könnte ich nicht glauben.

Und so vertrauen wir, dass wir diesen Feierabend miteinander feiern.

Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes.

Amen. 

Schriftlesung – zwei Frauengeschichten

(1)

Und ich erzähle, wie er in Bethanien im Haus Simons, des Aussätzigen, war.

Er saß bei Tisch, und eine Frau mit einem Salbölfläschchen kam zu ihm, 

das gefüllt war mit reiner Narde und kostbarem Öl,

und öffnete das Fläschchen und goss es über ihn aus.

Doch viele, die mit Jesus am Tish saßen, ärgerten sich: 

Das kostbare Öl! Welche Verschwendung!

Dreihundert Dinare könnte es wert sein: was für eine Gelegenheit zum Verkauf.

Dreihundert Dinare für das Wohl armer Leute – vergeudet!

Und die wurden unwillig und murrten.

Aber Jesus sagte zu ihnen:

„Lasst die in Frieden: Sie hat mir Gutes getan.

Bettlern und armen Leuten könnt ihr helfen, wann ihr nur wollt,

denn ihr habt sie immer bei euch, mich aber nicht.

Diese Frau hat, vor der Zeit, getan, was getan werden musste, 

denn das Öl, das sie über mich goss, ist das Salböl des Todes.

Ich sage euch, und das ist wahr:

Überall wird die Botschaft verkündet werden: Er ist gestorben,

und in aller Welt wird man erzählen, was sie getan hat 

und wird ihrer gedenken.

(2)

Und ich erzähle: 

Als der Sabbath vergangen war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Jakobus‘ Mutter war, und Salome

duftendes Öl und kostbaren Balsam,

um zum Grab zu gehen und den Toten zu salben.

Es war sehr früh, noch Dämmerung, der erste Wochentag.

Als sie das Grab erreichten, ging die Sonne auf.

Sie dachten voller Sorge, wer den Stein wegwälzen könne, an ihrer Statt:

‚Wer wird stark genug sein?‘

Und sie schauten empor und sahen, 

dass der Stein, ein gewaltiger Felsbrocken,

schon fortgewälzt worden war,

und sie gingen hinein und sahen in der Grabeshöhle, zur Rechten, 

eine Gestalt sitzen, sehr jung, bekleidet mit einem langen Mantel, 

der hell war wie Schnee:

und die Frauen erschraken und fürchteten sich.

Er aber – ein Jüngling? Ein himmlischer Bote? – sagte zu ihnen:

„Habt keine Furcht!

Ihr, die ihr Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, sucht: 

Er ist auferweckt worden. 

Schaut – hier! – den Ort an, wo sie ihn hingelegt haben:

Er ist fort.

Rasch, darum! Sagt seinen Schülern und Petrus:

‚Er geht euch voran nach Galiläa.

Dort seht ihr ihn wieder, wie er’s euch versprochen hat.“

Und sie gingen hinaus, liefen so schnell sie konnten, 

fort! fort vom Grab!

Und zitterten und waren außer sich vor Angst,

und sagten niemandem ein Wort, denn sie fürchteten sich.

Lied: Wir stehen im Morgen, LHE 416

Impuls: Ewiges Leben? Hab ich schon!

Ihr Lieben,

habe ich euch eigentlich schon einmal gebeichtet, dass ich ein Feminist bin. Vielleicht nicht immer offensichtlich. Aber mal ehrlich: wer die Evangelien liest, kann doch eigentlich gar nicht anders. Denn diese Frauen, von denen zum Beispiel heute erzählt wird, sind so sympathisch, so herzerfrischend, so besonders, die muss man, mit einem oder zwei n, doch einfach ins Herz schließen. Nach einer dieser vier Frauen haben wir sogar eine unserer Töchter genannt, Salome. Vielleicht hätten wir sie auch nach einer anderen genannt. Aber Maria, das wäre für einen evangelischen Pfarrer vielleicht doch schwierig geworden. Und außer zwei Mal Maria und einmal Salome war nur einmal n.n., nomen nescio, den Namen kenne ich nicht, im Angebot.

Aber was ist denn das für eine besondere Frauengestalt?

Diese Frau hat den Durchblick. Sie sieht mehr und tiefer und weiter, als wir das jemals ahnen könnten. Sie ist hellsichtig, sie hat dieses Licht gesehen – und gibt dafür ein Vermögen aus.

Eine Flache Nardenöl, aus Alabaster. In Särge aus Alabaster hat man Könige und Pharaonen gelegt, mit Nardenöl Menschen gesalbt, die dann an Gottes statt die Welt regiert haben. Ein Vermögen, das Fläschchen kostet einen ganzen Jahreslohn eines Arbeiters, brutto so etwa 50.000 €. Und das gießt sie über ihn, den vermutlich ungewaschenen, verschwitzen Jesus, der mit seinen Jüngern bei Simon, dem Aussätzigen saß, einem, der mit dieser Krankheit nicht arbeiten durfte und keine Freunde hatte. Ich stelle mir diese Männerrunde als einen armseligen und lausigen Abend vor – ihr wisst schon.

Auf jeden Fall tritt in die düstere Stimmung – wir sind schließlich schon in der Passionszeit – diese unbenannte Frau. Sie öffnet ihr Täschchen, darin das Fläschchen mit dem teuren Wässerchen – und über Jesus ausgegossen. Ganz schön pomadig, denke ich – und tatsächlich erhebt sich der Sturm der Entrüstung. Liebe Männer, es geht euch aber nur ums Geld. Um das hier und jetzt. Um die Armen – ob die armen Schüler Jesu, alle ja irgendwie arbeitslos und obdachlos da nicht an sich selber denken? Ein Schelm….

Die Frau aber hat den Durchblick – und ist auf jeden Fall eine Stimmungskanone. Denn jetzt geht es ab. Sie schießt mit ihrer Aktion über das Ziel hinaus – über das Ziel des Evangeliums auf jeden Fall. Denn die Zielgeschichte, den Schlussstein des Markusevangeliums habe ich ja als zweiten Teil mitgebracht. Diese Frau sieht vor der Kreuzigung schon auf Ostern, von der Erde schon in den Himmel, durch den Tod hindurch ins Leben. Und so ist die Alabasterflasche ein Hinweis auf den Königssarg, in dem Jesus bald liegt, und das Nardenöl ein Hinweis auf die Krönungsmesse, die für Jesus in Gottes Reicht gelesen wird, wenn er von den Toten auferweckt und in den Himmel gefahren ist. Diese Frau ist so unendlich weise, sie weiß mehr über das, was kommen wird als das Evangelium, dass dieses Ende offen lässt.

Für uns ist die Frage, ob wir auch so hellsichtig, so weitblickend, so hoffnungsvoll sind wie diese Frau, die sich für nichts zu schade war und der nichts zu teuer war. Nur so konnte sie vor Karfreitag schon den Ostersonntag vorwegnehmen.

Verstehen kann das nur, wer nicht auf den Spuren der Männer bleibt, sondern sich mit den Frauen auf die Spurensuche macht. Und aus dieser Perspektive Hoffnungskraft gewinnt. Zumindest gilt das für die Frau, die keinen Namen hat. Sie lässt Platz für unseren Namen – und, ganz modern, können das auch weiblich gelesene Personen sein, selbst wenn sie biologisch Männer sind. Ich glaube, das ist Gott herzlich egal.

Nicht egal ist aber, was die beiden Marias und die eine Salome da so veranstalten. Denn die sagen es ja nicht weiter. Vielleicht ist das ja genau der Hinweis, wie man etwas möglichst breit weiter erzählt und verbreitet. „Es ist ein Geheimnis. Sag es nicht weiter!“

Und dann verbreitet sich die Botschaft wie ein Lauffeuer durch die Geschichte. Und bleibt lebendig. Mehr noch. Sie macht lebendig. Noch vor dem Tod schon das Leben.

Um in Anlehnung an einen aktuell oft geteilten Chuck-Norris-Witz zu schließen: Der Tod hatte eine Jesus Christus Erfahrung. Die können wir gerne teilen. Amen.

Impuls: Liebt den Teufel zu Tode!

Feierabend komm! 20. Februar 2026

Manchmal denke ich: du bist für mich gestorben.

Manchmal sage ich das auch, rate das sogar. Zu denken und zu sagen:

Du bist für mich gestorben.

Dann denke ich an die kleinen und großen Teufel, die mir das Leben schwer machen, die mich des Tags verfolgen, mit Anrufen, Mails, Briefen, die in Sitzungen sind, in denen ich dann nicht sein will, die dort sind, wo ich sie nicht haben will. Und sie verfolgen mich auch des Nachts, in meinen Träumen. Sie verhindern kühne Träume vom Leben, die freie Entfaltung der Gedanken. Sie fesseln mich auch des Nachts, lassen mich nicht zur Ruhe kommen und nicht wieder zur Ruhe finden. Sie treiben mir den Schweiß auf die Stirn, dabei läuft es mir doch eiskalt den Rücken runter, wenn ich nur an die denke.

Manchmal denke ich: du bist für mich gestorben. Manchmal sage ich das auch, rate das sogar. Zu denken und zu sagen: Du bist für mich gestorben.

Oft aber verbiete ich mir solche Gedanken, solche Finsternis in meinem Kopf, meinem Herz, meinem Mund. Doch diese dunkle Macht steckt mir in allen Gliedern, da kann ich einfach nicht aus meiner Haut.

„Kinder, lasst euch von niemand verführen!“

Ich habe einen Brief bekommen, nicht ich allein, sondern wir. Ein offener Brief, gedacht, dass wir ihn miteinander lesen und hören. Wenn es heute offene Briefe gibt, sind es oft intrigante Schreiben. Es geht nicht um eine Botschaft an den Betroffenen, sondern um eine Nachricht über den Betroffenen. Das ist eigentlich unanständig – aber manches Mal wohl notwendig, weil sich der Teufel nicht anders besiegen lässt. „Weiche zurück, Satan!“, so klingt es in scharfem Ton.

„Kinder, lasst euch von niemand verführen!“

Doch dieser Ton ist nicht scharf. Es ist eher weich, seelsorglich, will meine Seele streicheln. „Wer aus Gott geboren ist, tut keine Sünde.“ Das ist, so höre ich es, ein Zuspruch. Weil der Teufel bereits am Ende ist – auch der Teufel in einem selber. 

Es geht um eine neue Wirklichkeit, in der ich lebe. In einer Wirklichkeit, in der der Teufel für mich schon gestorben ist. Der Teufel, der mir aber in meiner realen Welt immer und immer wieder begegnet. Und auch der kleine Teufel, in mir drin. Auch dieser Teufel ist für mich schon gestorben.

Dass am Aschermittwoch alles vorbei ist, ist also nicht wirklich, und dennoch wahr. Es ist wahr, weil es für die Menschen, die aus Gott geboren sind, wahrhaftig so ist. Aber es ist nicht wirklich, weil im Alltag immer und immer wieder die kleinen und großen Teufel zu besiegen sind.  „Du bist für mich gestorben!“, das wäre also eine Aufforderung, die ich immer und immer wieder sagen muss, solange ich lebe. Sagen zu dem, was das Leben schwer macht und die Seele verfinstert. Zu dem, was und wer immer es ist. Manches Mal auch ich selber.

„Liebt euch untereinander!“, das ist leicht gedacht und schön gesagt, das ist noch nicht vollbracht. Gesagt, getan, heute fangen wir an.

Mit dem Aschekreuz auf der Stirn, für manche noch gar nicht so lange her. Mit dem Kreuzzeichen der Taufe auf der Stirn, für manche schon lange her. Auf jeden Fall: ans Kreuz wurden mit Jesus all die Teufel geschlagen, die uns das Leben schwer machen. Auf dass wir dann neu leben und neu lieben können.

 „Liebt euch untereinander!“, das ist leicht gedacht und schön gesagt, das ist noch nicht vollbracht. Gesagt, getan, heute fangen wir an. Wohlauf, wohlan. Zu diesem Gang. Von nun an, jederzeit. Amen.

Was leicht gedacht 

Text: Wilhelm Willms – Musik: Hans-Jörg Böckeler

Segen

nach diesem Winter

erste Amseln

die Stimme Gottes

zwitschert in höchsten Tönen

unter schmutzigen Schnee

hebt sich die Erde

Maulwurfshügel

Gebirgslandschaften

rauf runter

seit Tagen träumt 

der Himmel wieder grün

die Welt hat genug gefroren

„Das ist eine Offenbarung!“ – Predigt über Offenbarung 1, 9-18

1. Februar 2026, Alte Kirche Krefeld

„Das ist eine Offenbarung!“ Habe ich gedacht, als ich einmal sehr gut essen war. In Frankreich, an der Atlantikküste. Wir saßen am Fenster, der Blick ging aufs Meer, kleine Fischerboote landeten an und brachten frischen Fisch. Das Meer habt sich an dieser Stelle zwischen Ebbe und Flut über acht Meter, der Golfstrom bringt viele Nährstoffe vor die Küste. Viele Fischer angeln noch mit der Leine, morgens war der Fisch noch im klaren Meerwasser, jetzt liegt er vor mir. Es ist nur leicht angebraten, glasig, dazu gibt es ein paar Algen und Kräuter, aus dem Garten hinter dem Restaurant frisch geerntet, in wenig Butter, Salz, Pfeffer. Es ist einfach und perfekt zugleich. Das ist, nicht mehr, nicht weniger, als eine Offenbarung.

„Das ist eine Offenbarung!“ Habe ich gedacht, als ich einmal einer jungen Ausnahmeharfinistin bei einem kleinen Privatkonzert lauschen durfte. Ihre Finger glitten über die Saiten, sie zupfte die Saiten im Takt, wiegte die Harfe in ihren Armen. Ich schloss die Augen, es war wie im Himmel. An den Tönen und Melodien konnte ich mich nicht satthören, als ich meine Augen aufschlug, sah ich das engelsgleiche Wesen, wie sie den Schlussakkord in die Ewigkeit hinein ausklingen ließ. Es war einfach und wunderbar. Das ist, nicht mehr, nicht weniger, als eine Offenbarung.

Der heutige Sonntag hält auch eine Offenbarung für uns bereit. Eine Offenbarung, die einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Mit dem heutigen Sonntag endet eine wunderbare Epoche: Gott offenbart sich mitten unter uns. Seit Weihnachten spüren wie dieser Offenbarung Sonntag für Sonntag nach. Und bevor dann die Passionszeit beginnt, in der Gott selbst mit der harten Realität des Lebens konfrontiert wird, ist noch einmal Zeit zu träumen.

Normalerweise ist ein Traum ja etwas, das jeder nur für sich kann. Wir träumen an der Grenze von Schlaf und Erwachen, von Nacht und Tag, von wirklichen Ereignissen und surrealen Geschichten. Eine Offenbarung aber ist wie ein gemeinsamer Traum und bezieht sich auf etwas, dass wir hören, sehen, schmecken, fühlen können. Was offenbar wird, bezieht sich auf alle Sinne. Und so ist es gut, wenn wir jetzt einmal alle Sinne schärfen, wenn Sie wollen, schließen Sie die Augen. Denn: es kommt eine Offenbarung. Nicht meine, keine Sorge. Sondern die eines Mitchristen, es ist eine Sonntagsoffenbarung:

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Und ich hörte eine mächtige Stimme hinter mir, die war laut wie eine Trompete. Ich drehte mich um, um zu sehen, wessen Stimme da mit mir redete. Und als ich mich umdrehte, sah ich sieben goldene Leuchter. Mitten zwischen den Leuchtern sah ich jemanden, der aussah, wie ein Menschensohn. Er hatte ein langes Gewand an und trug ein goldenes Band um die Brust. Sein Kopf und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, ja wie Schnee. Seine Augen glichen lodernden Flammen. Seine Füße glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht. Seine Stimme klang wie das Tosen von Wasserassen. In seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein doppelschneidiges scharfes Schwert. Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne zur Mittagszeit.

Als ich ihn sah, brach ich wie tot vor ihm zusammen. Er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe: Ich lebe für immer und ewig und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Ich horche auf: Ich wurde vom Geist Gottes ergriffen. An einem Sonntag. Und auf einmal breche ich zusammen, liege auf dem Boden, wie tot. Das ist da Gegenteil von dem, was ich eigentlich erwartet hätte. Das mich etwas umhaut, mir den Boden unter den Füßen wegzieht, den klaren Verstand raubt, mir alle Kräfte entzieht. Ich habe das nicht erwartet, von einer Offenbarung. Und auch nicht, vom Geist Gottes. Schwarz vor Augen, alles dreht sich. Das kann nicht wahr sein. Doch vielleicht ist das wahr, muss wahr sein: Gott offenbart sich im Dunkel, in der Todesnacht, genau dann. Zumindest diesem Ich, das uns seine Offenbarung aufschreibt. Ich, Johannes, habe Gottes Wort verkündet und war Zeuge für Jesus. Deswegen bin ich auf die Insel Patmos verbannt worden. Wegen Jesus bin ich in Bedrängnis.

Johannes, ein ganz gewöhnlicher Name, damals wie heute, wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Aus seiner Heimat ausgeschlossen, von Freunden und Familien entfernt, isoliert. In dieser Einsamkeit könnte es dunkel werden – aber um Johannes wird es licht und hell. In dieser Einsamkeit könnte es still werden – aber um Johannes wird es laut. In seiner Einsamkeit könnte Johannes verzweifeln, den Tod herbeisehnen, weil das Leben nichtmehr lebenswert erscheint. Aber da legt einer ihm die Hand auf: Fürchte dich nicht!

Ich spüre in diesen drei Worten die gute Botschaft, und in der Bewegung, die Hand auf die Schulter, den Segen. Das machen wir auch einmal: Legen unsere rechte Hand auf die linke Schulter. Und sprechen, so laut, dass wir es hören, und so intensiv, dass wir es glauben: Fürchte dich nicht. Vielleicht ist es gut, wir schließen einmal die Augen und hören uns noch einmal selber sagen: Fürchte dich nicht. Jetzt lassen sie die Hand auf der Schulter liegen. Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige! Ich war tot, doch schau her: Ich lebe für immer und ewig, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Ich kann es hören und spüren, wie ich etwas zugesagt, zugesprochen bekomme, was ich mir nicht selber sagen kann. Es ist keine Einrede, sondern ein Zuspruch. Eine Offenbarung: es gibt eine Person, die das Dunkel durchschritten, den Tod überlebt hat. Und die mir das Tor aufschließt, wenn ich wie tot am Boden liegen, wenn mir der Energiestecker gezogen wurde. Das ist eine Offenbarung! 

Johannes, auf Patmos, einsam und auf den Boden geworfen, hat eine solche Offenbarung gehabt. Und den Auftrag, diese aufzuschreiben. Er sollte seine Offenbarung weitergeben, überliefern. Damit sie weitergetragen und weitergegeben wird. An alle, die auf dem Boden liegen, denen der Energiestecker gezogen wurde, denen es schwarz vor Augen wurde, denen der Tod vor Augen steht.

Ich heiße nun Falk, nicht Johannes. Und doch wünsche ich mir manches Mal, diese Offenbarung würde auch ich hören und glauben und weitersagen und weitergeben. Meine rechte Hand auf die Schulter eines Menschen legen, der am Boden ist. Meine Worte so wählen, wie sie an die Ohren des Johannes gedrungen sind, etwas so aufschreiben, dass es für andere zur Offenbarung wird. Fürchte dich nicht! Seht, hört, schmeckt – wie freundlich es Gott mit euch meint. Leben in seiner ganzen Fülle – ja, für dich. Nichts soll dich ängstgen.

Die Gemeinden, die Johannes kannten, haben von seiner Offenbarung gelesen – und sie sich zu eigen gemacht. Übersetzt und weitergetragen. Am Tag des Herrn trafen sie sich. Und hörten diese Offenbarung, immer wieder. Fürchte dich nicht.

Wir haben heute diese Offenbarung noch einmal gehört. Auf dass sie uns nicht mehr aus dem Kopf geht. Und wir spüren können, wie eine rechte Hand auf unserer Schulter lag. Und dann hören konnten, was aus dem Dunkel ins Licht hilft. Fürchte dich nicht!Mehr als das, braucht es für eine Offenbarung nicht. So ist der Friede Gottes. Übersteigt alle menschliche Vernunft. Und bewahrt uns, Herzen und Sinne, in Jesus Christus. Er ist Herr, über Leben und Tod, über Lebende und Tote. Gott sei Dank