Mit dem Segen beauftragt – 4. Mose 6, 22-27
Predigt am Sonntag Trinitatis, 31. Mai 2026
Thomaskirche Krefeld
Segen im Konfirmandenunterricht
Es waren etwa 20 Jugendliche. 13, 14 Jahre alt. Manche sind schon in die Höhe geschossen, junge Männer und Frauen, fast schon ausgewachsen. Andere standen noch am Anfang der Entwicklung, fast Kinder noch, Knaben und Mädchen. Die Glocken haben geschlagen, kurz nach 18 Uhr, ein Mittwoch. Wir standen im Kreis zusammen, der Tag war lange gewesen. Sie sind erschöpft, aber keinesfalls am Ende. „Jetzt kommt der Schluss.“ Ich drehe mich zu meinem Nächsten nach rechts. Er öffnet die Hände, alles wird still. Ich lege meine Hände auf seine Hände. „Ich will dich segnen“, spreche ich ihm zu. Dann öffne ich meine Hände. Er legt seine Hände auf meine Hände. „Und Sie, äh, du sollst ein Segen sein“, sagt er mit klarer, fester Stimme. Dann wendet er sich nach rechts, zu seiner Nachbarin. Sieht ihr nicht in die Augen, das wäre doch zu nah, zu intim, in dieser großen Runde. Seine Haut im Gesicht bekommt etwas mehr Farbe. Behutsam legt er seine Hände auf ihre, es bleibt ein kleiner Abstand. Und doch springt der Funke über als er, jetzt mit leiserer Stimme, ihr den Segen zuspricht: „Ich segne dich gerne.“ Manche haben genau zugehört. Es kommt Bewegung in die Gruppe, die Spannung löst sich, ein kurzer Moment des Auflachens. Zum Glück löst sie auf: „Auch du darfst gerne ein Segen sein.“ Es folgt: eine kurze Unterbrechung. Getuschel, Gelächter. „Auf, kommt, wir wollen zu einem guten Ende kommen“, sage ich. Und dann geht es weiter. Mit Hochspannung. Am Ende, es sind nur einige Minuten, wenige Momente, drehe ich mich nach links. „Willst du noch einmal gesegnet werden?“, werde ich gefragt? „Kann nicht schaden!“, dann empfange ich den Segen, gebe ich weiter. Und schließe mit einem: „Jetzt geht. Aber geht mit Gott. Und kommt wieder. Bis dahin: seid ein Segen. Gott befohlen. Adieu.“
Die Jugendlichen haben alle, sichtbar, spürbar, hörbar, den Segen empfangen. Und weitergegeben. Segen als Zweibahnstraße. Ich werde gesegnet. Ich segne. Die Hand eines anderen wird Gottes Hand, meine Hand wird zu Gottes Hand. Wir haben diesen Schlusskreis fast jeden Mittwoch gemacht, ein ganzes Jahr lang. Mitten in spannenden Entwicklungen, die die jungen Menschen in dieser Zeit durchlaufen. In einer Phase, in der es viel um Nähe und Distanz geht, um Zuwendung zu den einen, Abwendung von den anderen. In der es wichtig ist, wo man ist, was man isst, wie man aussieht, was man anzieht, wie man andere anzieht oder auch abstößt. Gruppen bilden sich, ganz normal – wir bilden auch eine Gruppe, jeden Mittwoch. Eine Gruppe Heranwachsender, Kinder aus armen und reichen Familien, aus intakten oder gebrochen Beziehungen, aus allen Schularten, mit unterschiedlichen Begabungen. So bunt, so vielfältig kommt eine Gruppe fast nie wieder zusammen im Leben. Der Segen ebnet alle Unterschiede ein, zumindest für einen kurzen Moment. Jede und jeder gibt und empfängt. „Der Friede Gottes, höher als alle menschliche Vernunft, bewahrt Herzen und Sinne. In Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.“
Segen in der offenen Kirche
In den letzten Jahren ist die Alte Kirche geöffnet. Jeden Samstag. Ich bin präsent, in der Kirche, bin da, habe Zeit. Nehme mir Zeit. Für Begegnungen und Gespräche. Manches Mal geschieht erstaunliches. Vor einiger Zeit kommt ein Mann in der Lebensmitte in die Kirche. Ich kann ihn schlecht einschätzen. Er schleicht durch die Kirche, geht in den Raum der Stille, vielleicht zündet er eine Kerze an. Ich setze mich einfach irgendwo hin, er hat mich aus den Augenwinkeln im Blick. Beschleunigt, kommt auf mich zu. „Sind sie der Pfarrer?“, fragt er. Ich lächle ihn an, nicke. Dann schießt er los, noch im Stehen, setzt sich. „Bei der Taufe wurde mein Name falsch ausgesprochen. Deswegen wurde ich nicht richtig getauft. Das hängt mir mein ganzes Leben nach.“ Ich bin neugierig. Mich würde ja brennend interessieren, was ihm nachhängt, was ihm fehlt, warum ihm die Taufe auf seinen Namen so wichtig wäre. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein“, sagt er mit feierlicher Stimme. Da ist mein Taufspruch. Aber mein Name wurde gar nicht richtig gesprochen, also wurde ich nicht von Gott gerufen, also bin ich gar nicht sein Kind.“ Und bevor ich auch nur einen Atemzug machen kann, redet er hastig weiter. „Und sie müssen mir gar nicht erklären, dass die Taufe doch gilt, von wegen ‚Gott schreibt auch auf krummen Wegen gerade‘, oder so. Mein Leben ist doch der Beweis, dass der Segen nicht da ist. Taufen sie mich, einfach, bitte. Den Segen, mit Wasser und Kreuzzeichen, über dem Taufbecken.“ Der Wunsch nach Segen, hier ist er spürbar, greifbar, verbunden mit der Taufe – mein Name, Gottes Name, Gottes Zuspruch: Du bist mein!
Segen in der Familie
„Ich taufe dich auf den Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“
Mir fällt die Taufe von Sanna ein.
Nach den Worten, „ich taufe dich“, eine Pause, dann der Name, so wie die Eltern ihn bezeichnet haben. So wird diese Person nun auf den Namen Gottes getauft: Wasser auf den Kopf, ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Gott spricht: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein. Geh deine Lebenswege im Namen des Herrn. So bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe. Die Liebe ist die größte unter ihnen.
Ich erinnere mich, wie wir als junge Eltern dastanden, unsere Tochter im Taufkleid. Die Patentante hatte sie im Arm, ein wenig unbeholfen, dann wurde der Segen gesprochen.
Uns war das wichtig, dieser Segen am Anfang des Lebens. „Keinen Tag soll es geben, wo du sagen musst: Niemand ist da, der mir die Hände reicht. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst: Niemand ist da, der mit mir Wege geht. Und der Friede Gottes, der höher ist als unsre Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsre Hoffnung groß und stärke unsre Liebe.“ Auf dem Kirchentag 1995 erklang dieses Lied mit dem Text von Uwe Seidel und Thomas Quast das erste Mal, rasend schnell fand es Verbreitung. Geht ins Ohr, bleibt im Kopf. Wacher Verstand, große Hoffnung, starke Liebe – der Friede Gottes, sein Segen.
Der Segen im Auftrag Gottes – an Aaron und seine Söhne
Der Segen schwankt so wunderbar zwischen dem besonderen, einmaligen, und dem alltäglichen, wiederkehrenden. Der Segen Gottes, als Zuspruch für den großen Lebensbogen und die kleinen Alltagswendungen. Der Segen Gottes war ursprünglich Priestern vorbehalten. Wir hören den Auftrag zu segnen, als übertragene Aufgabe das erste Mal in folgender Erzählung:
Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.
Aaron und seine Söhne, das war eine Priesterfamilie. Segnen war ihr Lebensdienst, ihre Lebensaufgabe, ihr Beruf. Sie waren ausgesucht und abgesondert, exklusiv für diese Rolle, und sie sollten, ausgesucht und ganz besonders, die Israeliten, Gottes geliebtes, ausgewähltes Volk segnen. Beim Segnen sieht Gott dem Menschen in die Augen, von Angesicht zu Angesicht – und der Funke Gottes springt über. Gott behütet dich. Gott ist dir gnädig. Gott gibt dir Frieden.
Segen gegen den Augenschein – auf Hoffnung hin
In der Geschichte des Volkes Israel wird immer wieder deutlich, dass dieser Schutz Gottes, diese Gnade Gottes, dieser Friede Gottes nicht wirklich sichtbar und spürbar ist. Viele der biblischen Texte wurden niedergeschrieben in dunklen, finsteren Zeiten. In Zeiten des Krieges, der Vertreibung, der Zerschlagung, in denen Familien getrennt wurden, Städte niedergebrannt, die gesammelten Schätze geraubt waren, Friedhöfe zerstört. Wenig, nichts war geblieben, außer die Erinnerung an Gottes Zusage, an seinen Segen. Die Priesterfamilie Aarons, sie gab es nur noch in den Erzählungen. Aber geblieben war, immerhin, Gottes Auftrag zum Segen. Und so wurde gesegnet, auch in der Fremde, auch unter widrigen Bedingungen, auch von Menschen, die nicht zur Familie des Aaron abstammten, keine Priester waren. Es wurde gesegnet und gehofft. Auf Gnade. Auf Schutz. Auf Frieden. Ein Segen gegen allen Augenschein, auf Hoffnung hin.
Bis heute segnen wir, gegen allen Augenschein, auf Hoffnung hin. Zum Beispiel unsere Kinder. Wir bitten für sie um Gnade. Dass das Leben und die Menschen gnädig sind, auf allen Wegen. Durch Kindheit und Jugend, in Schule und Beruf, in Partnerschaft und in Freundschaft, zuhause und auf Reisen. Gott spricht: „Ich will dich tragen, bis du alt und grau wirst. Ich habe es getan und ich werde es tun. Ich will heben und tragen und erretten.“
Das ist mein Taufspruch. Die grauen Haare kommen, viele Jahre sind gegangen, der Segen bleibt. „Keinen Tag soll es geben“, doch es gab solche Tage. In manchen von diesen wurde mir der Segen und der Zuspruch in Erinnerung gerufen. Gott sei Dank.
Segen hält Gott die Tür offen – damit die Welt ein besserer Ort wird
Wir haben uns den so genannten aaronitischen Segen zu Eigen gemacht. Als Christinnen und Christen. Weil wir durch Jesus mit in diesen Segensraum hineingenommen wurden, der Gottes Volk gilt. Wir sind dazugekommen, in diesen Segensraum, empfangen den Segen, nehmen ihn auf, geben ihn weiter. Als Teil einer großen Hoffnungsgemeinschaft, die nicht aufhören will, diese Welt anders zu glauben, zu hoffen, zu lieben, als sie ist. Als sie noch ist. Der Segen Gottes hält Gott die Türe offen – damit die Welt ein besserer Ort wird. Mit Gott, durch uns. Durch den Segen. Der höher ist als menschliche Vernunft. Und unser Herz bewahrt, und unsere Sinne auch, in Jesus Christus, Gottes zu uns gesandtem Segen. Amen.


