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Autor: Falk Schöller

Ewig leben? Hab ich schon!

Feierabend komm! 27.03.2026

Begrüßung und Votum

Habt ihr dieses Licht gesehen?

Irgendwann einmal?

Dieses helle Licht, wo die Lebenstreppe in den Himmel übergeht, wo der Tunnel zu Ende ist, am Morgen nach einer furchtbaren Nacht?

Habt ihr dieses Licht gesehen?

Dieser Satz war auch einmal in einer Kirche zu hören, 

als das Licht auf eine dunkle Gestalt fiel, auf Jake Blues, gespielt von John Belushi,

der gerade erst nach den Tagen im Gefängnis die Freiheit gewonnen hatte.

Sehen wir heute dieses Licht, auch?

Ich hoffe es.

Wir hören aber heute auf jedem Fall von diesem Licht. 

Und wir riechen es.

Licht riechen?

Jetzt spinnt er?

Oder ist verrückt.

Ja, das gebe ich gerne zu.

Sonst könnte ich nicht glauben.

Und so vertrauen wir, dass wir diesen Feierabend miteinander feiern.

Im Namen des Vaters, des Sohnes, des Heiligen Geistes.

Amen. 

Schriftlesung – zwei Frauengeschichten

(1)

Und ich erzähle, wie er in Bethanien im Haus Simons, des Aussätzigen, war.

Er saß bei Tisch, und eine Frau mit einem Salbölfläschchen kam zu ihm, 

das gefüllt war mit reiner Narde und kostbarem Öl,

und öffnete das Fläschchen und goss es über ihn aus.

Doch viele, die mit Jesus am Tish saßen, ärgerten sich: 

Das kostbare Öl! Welche Verschwendung!

Dreihundert Dinare könnte es wert sein: was für eine Gelegenheit zum Verkauf.

Dreihundert Dinare für das Wohl armer Leute – vergeudet!

Und die wurden unwillig und murrten.

Aber Jesus sagte zu ihnen:

„Lasst die in Frieden: Sie hat mir Gutes getan.

Bettlern und armen Leuten könnt ihr helfen, wann ihr nur wollt,

denn ihr habt sie immer bei euch, mich aber nicht.

Diese Frau hat, vor der Zeit, getan, was getan werden musste, 

denn das Öl, das sie über mich goss, ist das Salböl des Todes.

Ich sage euch, und das ist wahr:

Überall wird die Botschaft verkündet werden: Er ist gestorben,

und in aller Welt wird man erzählen, was sie getan hat 

und wird ihrer gedenken.

(2)

Und ich erzähle: 

Als der Sabbath vergangen war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Jakobus‘ Mutter war, und Salome

duftendes Öl und kostbaren Balsam,

um zum Grab zu gehen und den Toten zu salben.

Es war sehr früh, noch Dämmerung, der erste Wochentag.

Als sie das Grab erreichten, ging die Sonne auf.

Sie dachten voller Sorge, wer den Stein wegwälzen könne, an ihrer Statt:

‚Wer wird stark genug sein?‘

Und sie schauten empor und sahen, 

dass der Stein, ein gewaltiger Felsbrocken,

schon fortgewälzt worden war,

und sie gingen hinein und sahen in der Grabeshöhle, zur Rechten, 

eine Gestalt sitzen, sehr jung, bekleidet mit einem langen Mantel, 

der hell war wie Schnee:

und die Frauen erschraken und fürchteten sich.

Er aber – ein Jüngling? Ein himmlischer Bote? – sagte zu ihnen:

„Habt keine Furcht!

Ihr, die ihr Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, sucht: 

Er ist auferweckt worden. 

Schaut – hier! – den Ort an, wo sie ihn hingelegt haben:

Er ist fort.

Rasch, darum! Sagt seinen Schülern und Petrus:

‚Er geht euch voran nach Galiläa.

Dort seht ihr ihn wieder, wie er’s euch versprochen hat.“

Und sie gingen hinaus, liefen so schnell sie konnten, 

fort! fort vom Grab!

Und zitterten und waren außer sich vor Angst,

und sagten niemandem ein Wort, denn sie fürchteten sich.

Lied: Wir stehen im Morgen, LHE 416

Impuls: Ewiges Leben? Hab ich schon!

Ihr Lieben,

habe ich euch eigentlich schon einmal gebeichtet, dass ich ein Feminist bin. Vielleicht nicht immer offensichtlich. Aber mal ehrlich: wer die Evangelien liest, kann doch eigentlich gar nicht anders. Denn diese Frauen, von denen zum Beispiel heute erzählt wird, sind so sympathisch, so herzerfrischend, so besonders, die muss man, mit einem oder zwei n, doch einfach ins Herz schließen. Nach einer dieser vier Frauen haben wir sogar eine unserer Töchter genannt, Salome. Vielleicht hätten wir sie auch nach einer anderen genannt. Aber Maria, das wäre für einen evangelischen Pfarrer vielleicht doch schwierig geworden. Und außer zwei Mal Maria und einmal Salome war nur einmal n.n., nomen nescio, den Namen kenne ich nicht, im Angebot.

Aber was ist denn das für eine besondere Frauengestalt?

Diese Frau hat den Durchblick. Sie sieht mehr und tiefer und weiter, als wir das jemals ahnen könnten. Sie ist hellsichtig, sie hat dieses Licht gesehen – und gibt dafür ein Vermögen aus.

Eine Flache Nardenöl, aus Alabaster. In Särge aus Alabaster hat man Könige und Pharaonen gelegt, mit Nardenöl Menschen gesalbt, die dann an Gottes statt die Welt regiert haben. Ein Vermögen, das Fläschchen kostet einen ganzen Jahreslohn eines Arbeiters, brutto so etwa 50.000 €. Und das gießt sie über ihn, den vermutlich ungewaschenen, verschwitzen Jesus, der mit seinen Jüngern bei Simon, dem Aussätzigen saß, einem, der mit dieser Krankheit nicht arbeiten durfte und keine Freunde hatte. Ich stelle mir diese Männerrunde als einen armseligen und lausigen Abend vor – ihr wisst schon.

Auf jeden Fall tritt in die düstere Stimmung – wir sind schließlich schon in der Passionszeit – diese unbenannte Frau. Sie öffnet ihr Täschchen, darin das Fläschchen mit dem teuren Wässerchen – und über Jesus ausgegossen. Ganz schön pomadig, denke ich – und tatsächlich erhebt sich der Sturm der Entrüstung. Liebe Männer, es geht euch aber nur ums Geld. Um das hier und jetzt. Um die Armen – ob die armen Schüler Jesu, alle ja irgendwie arbeitslos und obdachlos da nicht an sich selber denken? Ein Schelm….

Die Frau aber hat den Durchblick – und ist auf jeden Fall eine Stimmungskanone. Denn jetzt geht es ab. Sie schießt mit ihrer Aktion über das Ziel hinaus – über das Ziel des Evangeliums auf jeden Fall. Denn die Zielgeschichte, den Schlussstein des Markusevangeliums habe ich ja als zweiten Teil mitgebracht. Diese Frau sieht vor der Kreuzigung schon auf Ostern, von der Erde schon in den Himmel, durch den Tod hindurch ins Leben. Und so ist die Alabasterflasche ein Hinweis auf den Königssarg, in dem Jesus bald liegt, und das Nardenöl ein Hinweis auf die Krönungsmesse, die für Jesus in Gottes Reicht gelesen wird, wenn er von den Toten auferweckt und in den Himmel gefahren ist. Diese Frau ist so unendlich weise, sie weiß mehr über das, was kommen wird als das Evangelium, dass dieses Ende offen lässt.

Für uns ist die Frage, ob wir auch so hellsichtig, so weitblickend, so hoffnungsvoll sind wie diese Frau, die sich für nichts zu schade war und der nichts zu teuer war. Nur so konnte sie vor Karfreitag schon den Ostersonntag vorwegnehmen.

Verstehen kann das nur, wer nicht auf den Spuren der Männer bleibt, sondern sich mit den Frauen auf die Spurensuche macht. Und aus dieser Perspektive Hoffnungskraft gewinnt. Zumindest gilt das für die Frau, die keinen Namen hat. Sie lässt Platz für unseren Namen – und, ganz modern, können das auch weiblich gelesene Personen sein, selbst wenn sie biologisch Männer sind. Ich glaube, das ist Gott herzlich egal.

Nicht egal ist aber, was die beiden Marias und die eine Salome da so veranstalten. Denn die sagen es ja nicht weiter. Vielleicht ist das ja genau der Hinweis, wie man etwas möglichst breit weiter erzählt und verbreitet. „Es ist ein Geheimnis. Sag es nicht weiter!“

Und dann verbreitet sich die Botschaft wie ein Lauffeuer durch die Geschichte. Und bleibt lebendig. Mehr noch. Sie macht lebendig. Noch vor dem Tod schon das Leben.

Um in Anlehnung an einen aktuell oft geteilten Chuck-Norris-Witz zu schließen: Der Tod hatte eine Jesus Christus Erfahrung. Die können wir gerne teilen. Amen.

Impuls: Liebt den Teufel zu Tode!

Feierabend komm! 20. Februar 2026

Manchmal denke ich: du bist für mich gestorben.

Manchmal sage ich das auch, rate das sogar. Zu denken und zu sagen:

Du bist für mich gestorben.

Dann denke ich an die kleinen und großen Teufel, die mir das Leben schwer machen, die mich des Tags verfolgen, mit Anrufen, Mails, Briefen, die in Sitzungen sind, in denen ich dann nicht sein will, die dort sind, wo ich sie nicht haben will. Und sie verfolgen mich auch des Nachts, in meinen Träumen. Sie verhindern kühne Träume vom Leben, die freie Entfaltung der Gedanken. Sie fesseln mich auch des Nachts, lassen mich nicht zur Ruhe kommen und nicht wieder zur Ruhe finden. Sie treiben mir den Schweiß auf die Stirn, dabei läuft es mir doch eiskalt den Rücken runter, wenn ich nur an die denke.

Manchmal denke ich: du bist für mich gestorben. Manchmal sage ich das auch, rate das sogar. Zu denken und zu sagen: Du bist für mich gestorben.

Oft aber verbiete ich mir solche Gedanken, solche Finsternis in meinem Kopf, meinem Herz, meinem Mund. Doch diese dunkle Macht steckt mir in allen Gliedern, da kann ich einfach nicht aus meiner Haut.

„Kinder, lasst euch von niemand verführen!“

Ich habe einen Brief bekommen, nicht ich allein, sondern wir. Ein offener Brief, gedacht, dass wir ihn miteinander lesen und hören. Wenn es heute offene Briefe gibt, sind es oft intrigante Schreiben. Es geht nicht um eine Botschaft an den Betroffenen, sondern um eine Nachricht über den Betroffenen. Das ist eigentlich unanständig – aber manches Mal wohl notwendig, weil sich der Teufel nicht anders besiegen lässt. „Weiche zurück, Satan!“, so klingt es in scharfem Ton.

„Kinder, lasst euch von niemand verführen!“

Doch dieser Ton ist nicht scharf. Es ist eher weich, seelsorglich, will meine Seele streicheln. „Wer aus Gott geboren ist, tut keine Sünde.“ Das ist, so höre ich es, ein Zuspruch. Weil der Teufel bereits am Ende ist – auch der Teufel in einem selber. 

Es geht um eine neue Wirklichkeit, in der ich lebe. In einer Wirklichkeit, in der der Teufel für mich schon gestorben ist. Der Teufel, der mir aber in meiner realen Welt immer und immer wieder begegnet. Und auch der kleine Teufel, in mir drin. Auch dieser Teufel ist für mich schon gestorben.

Dass am Aschermittwoch alles vorbei ist, ist also nicht wirklich, und dennoch wahr. Es ist wahr, weil es für die Menschen, die aus Gott geboren sind, wahrhaftig so ist. Aber es ist nicht wirklich, weil im Alltag immer und immer wieder die kleinen und großen Teufel zu besiegen sind.  „Du bist für mich gestorben!“, das wäre also eine Aufforderung, die ich immer und immer wieder sagen muss, solange ich lebe. Sagen zu dem, was das Leben schwer macht und die Seele verfinstert. Zu dem, was und wer immer es ist. Manches Mal auch ich selber.

„Liebt euch untereinander!“, das ist leicht gedacht und schön gesagt, das ist noch nicht vollbracht. Gesagt, getan, heute fangen wir an.

Mit dem Aschekreuz auf der Stirn, für manche noch gar nicht so lange her. Mit dem Kreuzzeichen der Taufe auf der Stirn, für manche schon lange her. Auf jeden Fall: ans Kreuz wurden mit Jesus all die Teufel geschlagen, die uns das Leben schwer machen. Auf dass wir dann neu leben und neu lieben können.

 „Liebt euch untereinander!“, das ist leicht gedacht und schön gesagt, das ist noch nicht vollbracht. Gesagt, getan, heute fangen wir an. Wohlauf, wohlan. Zu diesem Gang. Von nun an, jederzeit. Amen.

Was leicht gedacht 

Text: Wilhelm Willms – Musik: Hans-Jörg Böckeler

Segen

nach diesem Winter

erste Amseln

die Stimme Gottes

zwitschert in höchsten Tönen

unter schmutzigen Schnee

hebt sich die Erde

Maulwurfshügel

Gebirgslandschaften

rauf runter

seit Tagen träumt 

der Himmel wieder grün

die Welt hat genug gefroren

„Das ist eine Offenbarung!“ – Predigt über Offenbarung 1, 9-18

1. Februar 2026, Alte Kirche Krefeld

„Das ist eine Offenbarung!“ Habe ich gedacht, als ich einmal sehr gut essen war. In Frankreich, an der Atlantikküste. Wir saßen am Fenster, der Blick ging aufs Meer, kleine Fischerboote landeten an und brachten frischen Fisch. Das Meer habt sich an dieser Stelle zwischen Ebbe und Flut über acht Meter, der Golfstrom bringt viele Nährstoffe vor die Küste. Viele Fischer angeln noch mit der Leine, morgens war der Fisch noch im klaren Meerwasser, jetzt liegt er vor mir. Es ist nur leicht angebraten, glasig, dazu gibt es ein paar Algen und Kräuter, aus dem Garten hinter dem Restaurant frisch geerntet, in wenig Butter, Salz, Pfeffer. Es ist einfach und perfekt zugleich. Das ist, nicht mehr, nicht weniger, als eine Offenbarung.

„Das ist eine Offenbarung!“ Habe ich gedacht, als ich einmal einer jungen Ausnahmeharfinistin bei einem kleinen Privatkonzert lauschen durfte. Ihre Finger glitten über die Saiten, sie zupfte die Saiten im Takt, wiegte die Harfe in ihren Armen. Ich schloss die Augen, es war wie im Himmel. An den Tönen und Melodien konnte ich mich nicht satthören, als ich meine Augen aufschlug, sah ich das engelsgleiche Wesen, wie sie den Schlussakkord in die Ewigkeit hinein ausklingen ließ. Es war einfach und wunderbar. Das ist, nicht mehr, nicht weniger, als eine Offenbarung.

Der heutige Sonntag hält auch eine Offenbarung für uns bereit. Eine Offenbarung, die einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Mit dem heutigen Sonntag endet eine wunderbare Epoche: Gott offenbart sich mitten unter uns. Seit Weihnachten spüren wie dieser Offenbarung Sonntag für Sonntag nach. Und bevor dann die Passionszeit beginnt, in der Gott selbst mit der harten Realität des Lebens konfrontiert wird, ist noch einmal Zeit zu träumen.

Normalerweise ist ein Traum ja etwas, das jeder nur für sich kann. Wir träumen an der Grenze von Schlaf und Erwachen, von Nacht und Tag, von wirklichen Ereignissen und surrealen Geschichten. Eine Offenbarung aber ist wie ein gemeinsamer Traum und bezieht sich auf etwas, dass wir hören, sehen, schmecken, fühlen können. Was offenbar wird, bezieht sich auf alle Sinne. Und so ist es gut, wenn wir jetzt einmal alle Sinne schärfen, wenn Sie wollen, schließen Sie die Augen. Denn: es kommt eine Offenbarung. Nicht meine, keine Sorge. Sondern die eines Mitchristen, es ist eine Sonntagsoffenbarung:

Am Tag des Herrn wurde ich vom Geist Gottes ergriffen. Und ich hörte eine mächtige Stimme hinter mir, die war laut wie eine Trompete. Ich drehte mich um, um zu sehen, wessen Stimme da mit mir redete. Und als ich mich umdrehte, sah ich sieben goldene Leuchter. Mitten zwischen den Leuchtern sah ich jemanden, der aussah, wie ein Menschensohn. Er hatte ein langes Gewand an und trug ein goldenes Band um die Brust. Sein Kopf und seine Haare waren weiß wie weiße Wolle, ja wie Schnee. Seine Augen glichen lodernden Flammen. Seine Füße glänzten wie Golderz, das im Schmelzofen glüht. Seine Stimme klang wie das Tosen von Wasserassen. In seiner rechten Hand hatte er sieben Sterne und aus seinem Mund kam ein doppelschneidiges scharfes Schwert. Sein Gesicht leuchtete wie die Sonne zur Mittagszeit.

Als ich ihn sah, brach ich wie tot vor ihm zusammen. Er legte seine rechte Hand auf mich und sagte: „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, doch siehe: Ich lebe für immer und ewig und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Ich horche auf: Ich wurde vom Geist Gottes ergriffen. An einem Sonntag. Und auf einmal breche ich zusammen, liege auf dem Boden, wie tot. Das ist da Gegenteil von dem, was ich eigentlich erwartet hätte. Das mich etwas umhaut, mir den Boden unter den Füßen wegzieht, den klaren Verstand raubt, mir alle Kräfte entzieht. Ich habe das nicht erwartet, von einer Offenbarung. Und auch nicht, vom Geist Gottes. Schwarz vor Augen, alles dreht sich. Das kann nicht wahr sein. Doch vielleicht ist das wahr, muss wahr sein: Gott offenbart sich im Dunkel, in der Todesnacht, genau dann. Zumindest diesem Ich, das uns seine Offenbarung aufschreibt. Ich, Johannes, habe Gottes Wort verkündet und war Zeuge für Jesus. Deswegen bin ich auf die Insel Patmos verbannt worden. Wegen Jesus bin ich in Bedrängnis.

Johannes, ein ganz gewöhnlicher Name, damals wie heute, wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Aus seiner Heimat ausgeschlossen, von Freunden und Familien entfernt, isoliert. In dieser Einsamkeit könnte es dunkel werden – aber um Johannes wird es licht und hell. In dieser Einsamkeit könnte es still werden – aber um Johannes wird es laut. In seiner Einsamkeit könnte Johannes verzweifeln, den Tod herbeisehnen, weil das Leben nichtmehr lebenswert erscheint. Aber da legt einer ihm die Hand auf: Fürchte dich nicht!

Ich spüre in diesen drei Worten die gute Botschaft, und in der Bewegung, die Hand auf die Schulter, den Segen. Das machen wir auch einmal: Legen unsere rechte Hand auf die linke Schulter. Und sprechen, so laut, dass wir es hören, und so intensiv, dass wir es glauben: Fürchte dich nicht. Vielleicht ist es gut, wir schließen einmal die Augen und hören uns noch einmal selber sagen: Fürchte dich nicht. Jetzt lassen sie die Hand auf der Schulter liegen. Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige! Ich war tot, doch schau her: Ich lebe für immer und ewig, und ich habe die Schlüssel zum Tod und zum Totenreich.

Ich kann es hören und spüren, wie ich etwas zugesagt, zugesprochen bekomme, was ich mir nicht selber sagen kann. Es ist keine Einrede, sondern ein Zuspruch. Eine Offenbarung: es gibt eine Person, die das Dunkel durchschritten, den Tod überlebt hat. Und die mir das Tor aufschließt, wenn ich wie tot am Boden liegen, wenn mir der Energiestecker gezogen wurde. Das ist eine Offenbarung! 

Johannes, auf Patmos, einsam und auf den Boden geworfen, hat eine solche Offenbarung gehabt. Und den Auftrag, diese aufzuschreiben. Er sollte seine Offenbarung weitergeben, überliefern. Damit sie weitergetragen und weitergegeben wird. An alle, die auf dem Boden liegen, denen der Energiestecker gezogen wurde, denen es schwarz vor Augen wurde, denen der Tod vor Augen steht.

Ich heiße nun Falk, nicht Johannes. Und doch wünsche ich mir manches Mal, diese Offenbarung würde auch ich hören und glauben und weitersagen und weitergeben. Meine rechte Hand auf die Schulter eines Menschen legen, der am Boden ist. Meine Worte so wählen, wie sie an die Ohren des Johannes gedrungen sind, etwas so aufschreiben, dass es für andere zur Offenbarung wird. Fürchte dich nicht! Seht, hört, schmeckt – wie freundlich es Gott mit euch meint. Leben in seiner ganzen Fülle – ja, für dich. Nichts soll dich ängstgen.

Die Gemeinden, die Johannes kannten, haben von seiner Offenbarung gelesen – und sie sich zu eigen gemacht. Übersetzt und weitergetragen. Am Tag des Herrn trafen sie sich. Und hörten diese Offenbarung, immer wieder. Fürchte dich nicht.

Wir haben heute diese Offenbarung noch einmal gehört. Auf dass sie uns nicht mehr aus dem Kopf geht. Und wir spüren können, wie eine rechte Hand auf unserer Schulter lag. Und dann hören konnten, was aus dem Dunkel ins Licht hilft. Fürchte dich nicht!Mehr als das, braucht es für eine Offenbarung nicht. So ist der Friede Gottes. Übersteigt alle menschliche Vernunft. Und bewahrt uns, Herzen und Sinne, in Jesus Christus. Er ist Herr, über Leben und Tod, über Lebende und Tote. Gott sei Dank

Jesus hinterherziehen – Eine Predigt über Lukas 9, 57-62

Friedenskirche Krefeld, Okuli, 8. März 2026

Lied: Heute hier, morgen dort (Hannes Wader)

Ihr Lieben, ein Vagabund zu sein, einfach aufbrechen, einfach ausbrechen, immer an neuen Orten mit neuen Menschen sein Glück zu versuchen, von dieser Sehnsucht hat Hannes Wader einst gesungen. Zu einer Zeit, als vieles erstarrt schien. Zu einer Zeit, als die Lebensentwürfe der Alten nicht mehr trugen. Zu einer Zeit, in der die Sehnsucht nach etwas Neuem groß war. Es war Aufbruchstimmung. Damals 1972. 

Viele hatten das Lied auf den Lippen, die Sehnsucht im Herzen, und machten sich auf. Mit dem Mut, auszubrechen, mit der Kraft, aufzubrechen, mit der Hoffnung, dass der Bruch mit den traditionellen Lebensentwürfen in die Weite, ins Offene führt. Der Himmel auf Erden, es gibt ihn. Am Ende des Regenbogens, ein Schatz. Auf geht’s! 

Hannes Wader knüpft an die Wandervogelbewegung an. 1896 in einem Gymnasium in Stegnitz in Berlin zog Karl Fischer los. Ihm folgten viele Schüler und Studenten. Sie lösten sich von den Vorgaben des schulischen und gesellschaftlichen Lebens. Sie wollten der allgegenwärtigen Industrialisierung etwas entgegensetzen. Nicht rein in die Stadt, sondern raus aufs Land. Sie führten ein neues Leben, Mädchen und Frauen blieben ausgeschlossen, der Genuss von Alkohol war verboten. Es ging um ein neues Leben, in der Einheit von Leib und Seele, Dynamik und Kreativität. Und es ging auch hoch in die Berge: Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen, steigen dem Gipfelkreuz zu. In unsern Herzen brennt eine Sehnsucht, die lässt uns nimmermehr in Ruh. Herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir, herrliche Berge, sonnige Höhen, Bergvagabunden sind wir.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen, wie es Euch geht, mit dieser Sehnsucht nach einem anderen Leben als dem, was wir gerade führen. Ich weiß nicht, ob ihr diese Sehnsucht kennt, loszulassen, die Leinen loszumachen, und einfach draufloszufahren. „Irgendwie fängt irgendwann irgendwo die Zukunft an, ich warte nicht mehr lang. Liebe wird aus Mut gemacht, denk nicht lange nach : Wir fahr’n auf Feuerrädern Richtung Zukunft durch die Nacht: Gib mir die Hand, ich bau dir ein Schloss aus Sand: irgendwie, irgendwo, irgendwann. Die Zeit ist reif für ein bißchen Zärtlichkeit: irgendwie, irgendwo, irgendwann.“

Die Zeit ist reif! die Zeit ist jetzt! Worauf noch warten, warum nicht starten?

Menschen, die sich aufmachen, machen sich nicht in der Regel alleine auf. Das wäre zu anstrengend, dieses neue Leben ganz alleine zu gestalten. Es geht um einen gemeinschaftlichen Aufbruch, der hinter sich lässt, was einen mürbe und müde macht. „Für einen solchen Aufbruch ist es nie zu spät“, sagen sich manche – die Wandervögel von heute scheinen oft graue Haare zu haben. 

Ich frage mich, und ich frage euch: Wie sieht es mit Deiner Sehnsucht aus, ganz tief in dir drinnen? Wie sieht es mit deinem Mut aus, ganz tief in die drinnen? Wie ist es um deine Kraft bestellt? Heute hier, morgen dort.

All diese Bewegungen, die sich seit der Sturm- und Drangzeit immer wieder wie ein roter Faden durch die Moderne ziehen, finden sich schon im Neuen Testament wieder. Die Gruppe um Jesus seien Wanderradikale gewesen, meint Gerd Theißen, zumindest Lukas, der Evangelist beschreibt sie so. Vielleicht könnte man das so ausdrücken: zur DNA der Jesusbewegung gehören von Anfang an Aufbrüche aus dem Alten dazu, mutige Suchbewegungen nach dem Neuen. Wer Jesus nachfolgt, tritt ein in eine Wandergruppe, die Gottes neuen Geist nicht in der Tradition, nicht in den Strukturen, nicht in den alten Formen sucht. Ecclesia semper reformanda! 

Ist diese Art, unbekümmert alles stehen und liegen zu bleiben, die Zelte hinter sich abzubrechen, Familie und Freunde zurückzulassen, nicht nur, oder zumindest eher Männern vorbehalten? Kann – unter diesen Voraussetzungen – die christliche Bewegung nicht zwangsläufig eine Männerdomäne sein, bei der Frauen nur die Randfiguren sind? Vielleicht ist es, gerade heute, am Weltfrauentag, wichtig, einmal auch auf diese Seite zu schauen. Ist das wirklich so – Ihr Männer und Frauen? Wie ist das mit männlichen und weiblichen Bildern von der Jesusnachfolge – auch in unseren Herzen und unseren Köpfen?

Mir ist diese Frage auch wichtig, wenn wir gleich einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium hören. Drei Menschen kommen mit Jesus ins Gespräch: Jemand, ein anderer und wieder ein anderer. Wenn ich gleich ein paar Verse lese, dann überlegen sie mal: Sind es Männer oder Frauen, die vor ihrem inneren Auge auftauchen? Und: bei welchem der drei Menschen spürst du deine Sehnsucht, dein Mut und deine Kraft am ehesten? Wer könntest Du sein?

Unterwegs sagte Jemand zu Jesus:

»Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«

Jesus antwortete:

»Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest.

Aber der Menschensohn hat keinen Ort, an dem er sich ausruhen kann

Der oder die erste, jemand. Offen: Folgt dieser Mensch wirklich – ist Jesu Antwort attraktiv, anziehend? Würde sie mich zum Mitgehen, zur Nachfolge locken? Heute hier. Morgen dort. Ruhelos. Rastlos. Für einen Mann? Für eine Frau? Egal? Gehe ich mit – ins Risiko?

Nach dem Jemand, ein Anderer. Jesus spricht zuerst:

Einen Anderen forderte Jesus auf: »Folge mir!«

Aber der sagte: »Herr, erlaube mir, zuerst noch einmal nach Hause zu gehen

und meinen Vater zu begraben.«

Aber Jesus antwortete:

Ȇberlass es den Toten, ihre Toten zu begraben.

Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!«

Ein Anderer. Eine Andere? Wird angesprochen, mehr noch: aufgefordert. Folge mir. Komm mit. Geh los. Verkünde: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, es ist angebrochen, es ist schon da. Du kannst es erleben. Mach dich los. Und wenn dein Herz voll ist, läuft dein Mund über.

Und: geht sie los, geht er los? Auf diese Aufforderung Jesu hin? Wie groß ist meine Sehnsucht, wie ausgeprägt mein Mut, wie viel Kraft habe ich? Spüre ich das Reich Gottes, den offenen Himmel, die göttliche Weite? Habe ich Worte für meine Gefühle, bin ich so überzeugt, dass ich andere überzeuge? Was meint ihr: Ist es attraktiv, auf diesen Ruf hin aufzubrechen? Und wie ist es mit dem Preis, nicht einmal den eigenen Vater zu begraben?

Mir ist in den Nachrichten ein junger Mann begegnet. Er ist aufgebrochen, nicht nach Seeland, sondern nach Neuseeland. Ans andere Ende der Welt. Dann starb sein Vater, er will nach Hause, noch einmal, wieder einmal, seinen Vater zu begraben. Doch er sitzt jetzt in Dubai fest. Wie es ihm wohl geht, wenn er heute dies Worte Jesu hören würde? Dieser Andere – würde er ins Alte Land zurück – oder doch wieder ins Neue Land ziehen? Jetzt ist er mittendrin, es geht nicht vorwärts und nicht rückwärts. Vielleicht kennen wir das auch!

Doch nach dem Jemand und der Anderen noch eine Person:

Wieder ein anderer sagte zu Jesus:

»Ich will dir folgen, Herr!

Doch erlaube mir, zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.«

Aber Jesus antwortete:

»Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut,

der eignet sich nicht für das Reich Gottes.«

Bei diesen Worten höre ich im Hintergrund leise die Stimme von Udo Jürgens. Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals wirklich frei. Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehn.

Vor sechs Jahren waren diese drei kleinen Begegnungen Jesu schon einmal Predigttext. Kurz nach Beginn der Coronapandemie. An diese Zeit erinnerten wir uns diese Woche an einem Abend in Tirol. Ein Münchner DJ erzählte, wie er damals schnell aus St. Anton ins Engadin aufbrach, mit einer Skitourenausrüstung, zwei Mal Wechelwäsche. Nur weg von den Zwängen, den Regeln, all den Verboten – die Schweiz schien ein freieres Land zu sein. Für ein paar Tage, bis der Spuk vorbei ist, haben sie eine Ferienwohnung gemietet. Sich nicht verabschiedet, nicht abgemeldet. Bei Nacht und Nebel über die Grenze. Es wurden dann drei lange Monate, so erzählte er, jetzt in der Rückschau. Damals schaute er nicht zurück, sondern nach vorne. Er folgte einem inneren Ruf in die Freiheit. Damals.

Doch in welche Freiheit führt Jesus eigentlich? Was gibt es zu gewinnen, wenn ich mich auf ihn einlasse? Und ist mir das möglich – ist mir das heute möglich? Verkünde von einem Gottesreich. Begib dich schon heute dorthin. Auf direktem Weg. „Somewhere, over the rainbow, way up high, and the dreams that you dreamed of once in a lullaby,“

Die Nachrichten der letzten Wochen und die Stimmung der letzten Monate und das Gefühl der Krise, aus der wir nicht herauskommen – sie lassen, zumindest bei mir – die Sehnsucht steigen, einem zu folgen, der das Reich Gottes radikal in den Mittelpunkt seines Lebens stellt. Das Reich Gottes ist nicht hier oder dort – siehe, es ist inwendig in euch. So sagt es Jesus an anderer Stelle.

Und in dieses innere Zentrum führt auch ein Lied des Liedermachers Siegfried Fietz, 1987 entstanden. 

Alles beginnt mit der Sehnsucht, am Anfang steht immer ein Traum.

Aus manchem kleinen Samenkorn, wird später ein großer schöner Baum. 

1)Wo bleibst Du mit deiner Sehnsucht. Nach Liebe und Geborgenheit?

Halt Sie fest. Halt Sie fest. Halt Sie fest.

Glaube das es Liebe gibt trotz Hass und tausendfachem Leid.

Vetrau, dass Gott uns alle liebt und sei zum Leben selbst bereit.

Halt die Sehnsucht fest.

2) Wo bleibst Du mit deiner Sehnsucht. Nach Frieden und Gerechtigkeit?

Halt Sie fest. Halt Sie fest. Halt Sie fest.

Glaube, dass es Hoffnung gibt für alle Schwachen in der Welt.

Hoffnung die die Menschen liebt und sich an Gottes Hoffnung hält.

Halt die Sehnsucht fest.

3)Wo bleibst Du mit deiner Sehnsucht. Nach Flügeln für dein kleines Herz?

Halt Sie fest. Halt Sie fest. Halt Sie fest.

Glaube das Gott Flügel schenkt für jeden der durchs Leben kriecht,

Dass Gott an deine Sehnsucht denkt, weil Ihm an deiner Zukunft liegt.

Halt die Sehnsucht fest.

Wo bleibst du, mit deiner Sehnsucht? Halt die Sehnsucht fest! 

  • Vertraue, dass Gott und alle liebt und sei zum Leben selbst bereit!
  • Glaube, dass es Hoffnung gibt für alle Schwachen in der Welt, Hoffnung, die sich an Gottes Hoffnung hält!
  • Glaube das Gott Flügel schenkt für jeden der durchs Leben kriecht,

dass Gott an deine Sehnsucht denkt, weil Ihm an deiner Zukunft liegt.

Vertraue, hoffe, glaube – auf Gott, der in Jesus vorangeht, mit seiner Sehnsucht nach dem neuen Leben. Ein innerer Aufbruch, dem ein äußerer Aufbruch folgen kann. So verstanden, ist es egal, ob der Jemand, und die Andere und noch einmal jemand Anderes Frauen oder Männer sind. Egal ist es aber nicht, ob ich es bin. Der mit seiner Sehnsucht in Jesus einen findet, dem man nachfolgen kann. Die Zeit der Frauen, im Lukasevangelium ist sie schon da. Mit den starken Frauen vor Jesu Geburt, mit den starken Frauen nach Jesu Tod. Frauen fallen bei Lukas aus dem Rahmen – Gott sei Dank! Jesu Nachfolge ist offen für Männer und Frauen.

Alle drei Begegnungen Jesu enden offen. Niemand ist festgelegt am Ende. Weder Jemand, noch ein Anderer, nicht einmal noch eine Andere: So kann ich mich entscheiden, ob ich nicht dazu gehören möchte. Zu denen, die der Sehnsucht nachfolgen, aufzubrechen, sich aufzumachen, sich zu lösen von dem, was mich bindet und festhält. Nicht um meinetwillen, sondern um des Reiches Gottes willen. 

Aber was genau ist dieses Reich Gottes, das in mir und durch mich schon anfangen soll? Welche Worte brauche ich, um dieses zu verkünden, weiter zu sagen, welche Geschichten fallen mir ein?

Ehrlicherweise fallen mir viele ein. Ganz kleine, alltägliche Geschichten. In denen auf einmal etwas sichtbar und hörbar wird von einer anderen Welt, einem anderen Frieden, einer besonderen Zufriedenheit. Vielleicht nur eine, eine kleine. 

Vergangenen Freitag war wieder Tanzkirche. Die Alte Kirche war voll, nach fast zwei Stunden wurde Hannas Beat weniger, aus dem Ausdruckstanz wurden eindrückliche, stille Momente. Niemand war mehr außer sich, alle bei sich. Dann kamen alle zusammen, zu einem großen Kreis. Und Katrin Meinhard sprach ein Segenswort, uns zu, auf den Weg. Zwei Stunden war die Welt außen vor geblieben, aber jeder einzelne Mensch war ganz da. Und am Ende, da war sie spürbar: diese Sehnsucht nach einem Leben, dass von Gottes Geist getragen ist. Erzähle, wie Gott sich dir heute ereignet hat – und trage es hinaus in die Welt.

Vielleicht ist es mit der Nachfolge ja doch einfach: So leise zu sein, dass wir Gottes Ruf hören können. So sehnsüchtig zu sein, dass wir Gottes Ruf hören wollen. So mutig zu sein, dass klar ist: Gott meint dich. Du musst und du darfst: Folge mir nach! Amen.

Predigt Christmette: In das Weihnachtswunder von Eintauchen damals

Nicht irgendwo im Zentrum der Welt, nicht mit irgendwelchen Mächtigen, Einflussreichen, Wohlgeborenen und Hochgebildeten, nicht irgendwann an einem Wendepunkt der Geschichte geschieht es, sondern in der Nähe der Kleinstadt Bethlehem beginnt die Geschichte des Christentums mit der Geburt Jesu. 

Bethlehem, etwa eintausend Menschen wohnen dort. Ein wenig Handel, ein wenig Ackerbau, ein wenig Viehzucht. Zehn Kilometer vor den Toren Jerusalems, etwa 150 Kilometer von Nazareth entfernt. Die Häuser und Gehöfte liegen verstreut. Der Himmel ist sternenklar, einige wenige Feuerstellen brennen die ganze Nacht, geben Licht und Wärme, ansonsten ist es, wahrlich, kuhnacht.

Ein wenig vor der Kleinstadt sind auf den Feldern Hirten, oft Heranwachsende, manchmal auch Taugenichtse. Sie sind nicht in ihren Betten, sie müssen draußen ihren Dienst tun, das Vieh vor tierischen und menschlichen Feinden schützen. Nachtwachende Arbeiter, müde und erschöpft, wachsam und angespannt. Hören sie etwas? Sehen sie etwas? Droht Gefahr?

Ein Engel taucht in der Nacht aus dem Nichts auf, ein Mensch, der im Dunkeln leuchtet. Jetzt aber auf! Achtung! Mit großer Angst geht es los. Furcht liegt in der Luft. Den Angstschweiß kann man fast riechen.

Wir müssen uns die soziale Dimension klar vor Augen stellen, wenn wir die Weihnachtsgeschichte des Lukas hören. Das ist alles andere als romantisch, es ist ein dramatisches Trauerspiel, das sich in dieser Nacht ereignet. Hier, vor den Toren einer Kleinstadt, fernab von so vielen. 

Die Botschaft ist klar: Gottes Wirken ist nicht abhängig von Bildung, Reichtum, Status, Macht. Sie beginnt bei Hirten, ungebildeten Landarbeitern, die ungeschützt draußen ihren Dienst tun. Ein finsteres Szenario, in jedem Fall. Hirten-romantik ist eine spätere Erfindung. Gott trifft Nachtarbeiter! Gott kommt in den Angstschweiß einer dunklen Nacht!

Die Botschaft, die der himmlische Engel den irdischen Hirten bringt, ist realistisch. Die Engel verkündigen keinen Umsturz aller Verhältnisse. Sie wissen: auf der Erde ist Gottes Macht begrenzt. Sie ist unbegrenzt nur in den Himmeln. Aber die gute Nachricht ist: Gottes Kommen ist stets verbunden mit Licht, Herrlichkeit, Freude. Die Botschaft der Engel in dieser Nacht geht einher mit dem Verschwinden von Angst und Furcht. Die dunkle Nacht wird hell. Der Angstschweiß verwandelt sich in Freudentränen. Einsame Landarbeiter rücken ins Zentrum: sie sind Gott wichtig. Mit ihnen beginnt Gottes Geschichte noch einmal ganz neu. Heilige Nacht! 

Die helle Erscheinung bewirkt einen Aufbruch. Die Hirten können nicht einfach bleiben, wo sie sind, wie sie sind, was sie sind. Sie brechen auf, sie brechen aus. Aus ihrer kleinen Rolle auf einer Nebenbühne in die Hauptrolle auf der Weltbühne. Kleiner Mann ganz groß!

Diese Botschaft Gottes, verkündet durch einen, der einfach so neben nachtarbeitende und nachtwachende Menschen tritt, setzt Menschen in Bewegung. Unmittelbar: „Kommt, wir wollen gehen und sehen!“

Für diese Bewegung, diese Veränderung braucht es keinen Engel und keine himmlischen Heerscharen mehr. Nachdem die Engel verschwunden waren, die Hirten wieder ganz auf sich alleine gestellt sind, trauen sie dieser wundersamen nächtlichen Begegnung. Zumindest so weit, dass sie sich aufmachen und starten. Vom Feld ins Dorf, von den Schafen zu den Kühen: Gehen, um zu sehen! Ohne Vertrauen kein Aufbruch. Und so laufen sie los. Mitten in der dunklen Nacht.

Was aber genau wollen und sollen sie eigentlich sehen? Was genau ist ihnen versprochen und uns verheißen? 

„Auf der Erde: Gottes Frieden! Frieden allen, die er liebt!“

Und so gilt es, seit damals, bis heute: Der Friede Gottes, nicht gebunden an irgendeine Vernunft, bewahrt uns, unsere Herzen und Sinne, macht aus Angstschweiß Freudentränen, in Jesus, dem Christus, dem Retter der hoffnungslosen Welt. Amen.

Predigt zur Eröffnung der Allianz-Gebetswoche Krefeld 2026

Citykirchenpfarrer Falk Schöller, Pauluskirche, 11. Januar 2026

Ihr Lieben, Schwestern und Brüder in Christus, unserem Herrn!

Woran erkenne ich eigentlich, dass Gott treu ist, dass Gott mir treu ist?

Darum wird es gleich gehen. Um eine Spurensuche nach einem treuen, zuverlässigen, zugewandten Gott, der mir, meinen Mitmenschen, meiner Gemeinde, meiner Kirche, meiner Stadt, meiner Welt, meiner Zeit die Treue hält. Wir sind gleich wie Detektive, die Spuren suchen und Spuren lesen, Gottes Spuren in unserem Leben. Ich hoffe, wir werden gute und erfolgreiche Detektive sein!

Wir sind beileibe nicht die Ersten, die solche Spurensuche betreiben. Seit Jahrtausenden gibt es Expertinnen und Experten. Und das Beste: was sie herausgefunden haben, das haben sie uns aufgeschrieben, mehr noch, sogar, wie wir bei der Spurensuche vorgehen sollen. 

Wir fangen also nicht bei Adam und Eva an – Gott sei Dank. 

Wir fangen an bei Menschen, die uns das Ergebnis ihrer Suche in ein Stammbuch geschrieben haben – zum fröhlichen Gebrauch. 

Hören wir aus dem Stammbuch der Bibel, aus den Psalmen, ihre Entdeckungen. Ihre Spuren präsentieren sie allerdings – Achtung! –  nicht uns, sondern Gott selber. Denn Gott beauftragt Menschen mit der Spurensuche nach ihm – und hört gerne auch von den Entdeckungen und Erkundungen. So heißt es im 119. Psalm, der diese Entdeckung von A bis Z durchbuchstabiert, 8 Antworten pro Buchstabe, bei 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets also 22 mal 8, also in 176 Versen, wie folgt: 

HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht;

deine Wahrheit währet für und für. 

Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen.  

Welch eine Antwort, Ihr Lieben! Und das in diesen Tagen, wo nicht mehr klar ist, ob man sich noch auf Absprachen, Regeln, Vereinbarungen, Grenzen verlassen kann. Wo nicht klar ist, was wir als Menschen alles ins Wanken bringen können. Jetzt dieses klare und eindeutige Ergebnis: Herr, dein Wort bleibt ewiglich. So weit der Himmel reicht. Herr, du bleibst wahrhaftig, für und für, immer und immer wieder. Herr, du hast die Erde fest gegründet, sie bleibt stehen. Wir schaffen es nicht, die Erde zu zerstören und die Fundamente ins Wanken zu bringen.

Das ist ein uraltes Bekenntnis, eine uralte Gewissheit, eine uralte Einsicht: Gott hat uns sein Wort gegeben: Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Diese Spurensuche richtet sich auf das, was vor Augen liegt, vor aller Augen liegt. Was fest bleibt trotz allem, was ins Wanken gerät, ins Rutschen gekommen ist. Das ist ein guter, ein wunderbarer Ausgangspunkt. Dass wir auf der Erde leben, die Gott geschaffen hat, ist schon das erste Ergebnis unserer Spurensuche nach Gottes Treue. „Ich glaube an Gott den Schöpfer des Himmels und der Erden.“

Aber das ist ja das Sichtbare und Greifbare, das Augenscheinliche. Ich würde gerne noch einen Schritt weiter mit euch gehen, liebe Schwestern und Brüder. Mit euch nach dem suchen, was nicht äuglich, sondern herzlich ist, was nicht so offensichtlich und begreifbar ist. Mit euch als evangelisches Detektivteam Krefelds nachsuchen, forschen und entdecken. Wir wiederholen nicht einfach die alten Antworten anderer, sondern suchen nach neuen Antworten von uns heute.

Woran erkenne ich, dass Gott treu ist, mir treu ist? Woran erkennen wir, dass Gott treu, uns treu ist? Uns als evangelischen Christinnen und Christen in Krefeld? Was sind Gottes Spuren in unserem Leben, in unserem Miteinander, in unserer Arbeit?

Wir werden nachher noch drei beeindruckende Ergebnisse solcher Spurensuche hören: aus der Arbeit mit jungen Menschen, aus der Arbeit mit kranken Menschen, aus der Arbeit mit alten Menschen. Wir haben drei Spurensucherinnen und Spurensucher gefragt, sie werden nachher berichten – ich bin sehr gespannt. Doch zu ihnen später. Jetzt zu uns.

Aber: Halt! Noch eines vorab. Es geht heute einmal nicht um unsere Treue, um unsere Treueschwüre. Die oft auf tönernen Füßen stehen. Die deswegen auch schwach sind, weil wir schwache, fehlbare Menschen sind: „Wir sind allzumal Sünder.“ Es geht nicht um menschliche Treue, es geht präzise um Gottes Treue. Wo erlebe ich verbindlich und verbindend, verlässlich und tragfähig, dass Gott mir treu ist?

Die Antwort: Wir finden den wichtigsten Hinweis in seinem Wort. Ja – aber: wann habe ich Gottes Wort als Zusage zu seiner Treue mir gegenüber gehört?

„Ich taufe dich auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Damit sind wir, so sagt es Paulus, mit Christus begraben und mit ihm auferstanden. Wir haben Christus angezogen. Wir stecken also im Anzug Jesu. Du hast jetzt seinen Namen: Christus ist bei, mit, in dir. Die Suche nach Gottes Treue beginnt bei, mit, in dir – und bei, mit in der Taufe.

Die Spurensuche nach Gottes Treue beginnt bei uns. Bei der Frage, ob wir es eigentlich richtig verstanden haben, was es heißt, getauft zu sein. Unser Leben und Sterben ist durch die Taufe untrennbar mit Gott verbunden. „Wir müssen täglich in unsere Taufe hineinkriechen“, so hat es Martin Luther uns für unsere Spurensuche aufgegeben. Gottes Treue findet sich, indem wir verstehen und ausleuchten, was es heißt, getauft zu sein. In der Taufe kommen Wort und Zeichen zusammen, Gottes Zusage „du bist mein“ wird mit Wasser bekräftigt, wie ein Hineintauchen in den Tod und ein Auftauchen in die Auferstehung, das ewige Leben. Jetzt schon gestorben, jetzt schon auferstanden. Wer sich auf diese Spurensuche macht, der findet gewiss nicht nur Spurenelemente, homöopathische Dosen, sondern der findet den ganzen Menschen. Ein ganzer Mensch, dank – der Taufe! In der Taufe wird aufgedeckt, was ich als Mensch in Wahrheit bin: Gottes Eigentum. Und deutlich ist: Gott erhebt seinen Besitzanspruch auf mich! Er macht mir deutlich: Weil ich dich getauft habe, ist ein für alle mal klar: Du gehörst zu mir, mein Name ist an deiner Lebenstür. Du bist ein Christ, weil ich, Gott, es so will. Und deine Aufgabe wird nur, ein Leben lang, sein, dein Christsein zu entdecken und zu entfalten. 

Wir sollten das ernst nehmen, liebe Geschwister im Glauben. Menschen zu taufen ist die erste missionarische Kernaufgabe. Und dann: Getaufte Menschen in der Spurensuche zu begleiten, was es denn heißt, getauft zu sein, ist die zweite missionarische Kernaufgabe. „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ „Ich will euch tragen, bis ins hohe Alter, bis ihr grau seid. Ich habe es getan und ich werde es tun. Ich will heben und tragen und erretten.“ „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“

Wenn wir so neu und immer wieder uns auf die Spurensuche nach Gottes Treue machen, werden wir neu und immer wieder bei der Taufe landen. Jeder Sonntag ist eine Tauferinnerung. Denn an jedem Sonntag, an jedem Beginn der neuen Woche, feiern wir Gottes heiligen Tag. Den Tag, an dem er selber den Tod durchschritten hat und aus dem Tod auferstanden ist – da geht uns Gottes Sonne auf, Sonntag. Jeder Sonntag ist ein Tag für uns, ein Tauffeiertag. 

Wir werden diese Tauffeiertage in den Gemeinden sehr unterschiedlich leben und gestalten. Aber eines verbindet uns als Christenmenschen: Die Spurensuche nach Gottes Treue führt immer und immer wieder zur Taufe. „Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.“ – anders gefasst: „Ich glaube an die Gemeinschaft der Getauften.“  Das ist unser gemeinsames Bekenntnis. Und es ist wahrlich eine große Aufgabe, die Spuren, die die Taufe hinterlässt, freizulegen, die Kraft, die aus der Taufe kommt, freizusetzen.  

Weil aber diese Taufe ein Ereignis ist, dass leider scheinbar immer weiter wegrückt, je länger die Taufe her ist, hat Jesus selbst uns noch eine zweite Spur seiner Treue gelegt. Gott arbeitet gewissermaßen gegen unsere menschliche Vergesslichkeit, gegen die Taufdemenz! 

Es gibt eine zweite Spur – in unserem Leben als Einzelne und in unserem Leben als Gemeinde. Es gibt noch eine zweite Spur hin zu Gottes Treue. Wieder haben wir ein Wort, sein Wort, wieder haben wir ein Zeichen, sein Zeichen. „Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als Menschen ihn verraten haben, hat uns seine Treue gezeigt: Er nahm das Brot. Er nahm den Kelch. Mein Bund, meine Treue. „Mein Leib – für dich gegeben. Mein Blut – für dich gegeben. Seht. Schmeckt. Freundlich ist Gott zu euch.“

Jedes Abendmahl ist ein sichtbares, schmackhaftes, fühlbares Zeichen von Gottes Treue. Es ist Jesu Wort und Zeichen an seine Jüngerinnen und Jünger, es ist unsere Wortfindung und Zeichenhandlung, die uns verbindet. Miteinander als Christinnen und Christen, vor allem aber mit Christus. Wer das Abendmahl empfängt, mit dem verbindet sich Christus untrennbar.

Gott legt im Abendmahl seine Spur in unser Leben, immer wieder neu. Das ist eine gute Nachricht: Wir dürfen immer wieder uns vergewissern, dass Gott uns treu ist, wenn wir ein Stück Brot und ein Schluck Wein mit seinen Worten zusammenbringen. Wir suchen nicht nur Spuren, wir legen sie selber!

Während die Taufe das Einmalige ist, die unüberbietbare Zusage Gottes, dass ich von nun an Gottes sichtbare Spur in dieser Welt bin, ist das Abendmahl das mehrmalige, wiederholbare Zeichen: es ist wirklich wahr! Gott hat seinen Bund mit mir geschlossen, Jesus ist für mich gestorben und für mich auferstanden. Das gilt, heute und alle Tage, hier und überall. So weit der Himmel reicht, der wahrlich unseren Horizont überschreitet. Jesus geht mit uns, neben uns – manchmal trägt er uns sogar. Im Sand könnten wir mal zwei, mal eine Spur sehen, immer aber ist Gott mit uns.

Wir haben nun die entscheidenden Spuren gelegt, damit wir als Kirchen und Gemeinden, als Christinnen und Christen verschiedener Glaubensrichtung uns auf die eine gemeinsame, verbindende Spurensuche nach Gottes Treue machen. Diese Spuren Gottes in unserem Leben tragen uns auch in und durch Krisen. Diese gab es, diese gibt es. Für Einzelne und für Gemeinden. 

‚Den glimmenden Docht wird Gott nicht verlöschen, das geknickte Rohr wird er nicht brechen.‘ Für mich ist das ein Trostwort. Es hilft mir auf, wenn mir begegnet, dass ein einstmals helles Feuer in Gemeinden fast erloschen scheint. Es gibt Hoffnung, wenn einstmals gefestigte Menschen wahrlich geknickt sind. Ein Trostwort, nicht aufzugeben, nichts und niemanden aufzugeben. Ein Trostwort, das uns auch gerade dorthin weist, wo nur noch wenig Lebenswille vorhanden und wenig Lebenskraft zu spüren ist. Ein Trostwort, das uns auch zu den Geknickten und Gebrochenen führt. 

„Kirche ist immer Kirche für andere“ – hat Dietrich Bonhoeffer dies auf den Punkt gebracht. Und wir hören gleich einmal, wie dies konkret wird. Bei jungen Menschen, die in diesen bedrohlichen Zeiten ihren Platz im Leben finden müssen. In der Klinik, wo das menschliche Leben von Krankheit bedroht ist. Bei alten Menschen, denen der Tod vor Augen steht und die sich nicht mehr auf die eigene Kraft verlassen können. All das gleich, ich bin gespannt auf Antje Wenzel-Kassmer, auf Christiane Kimpfel, auf Jörg Lauterbach.

Doch davor, zum Abschluss, die Zusage, dass Gott uns treu ist!

Der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft. 

Gott begleitet uns, unsere Herzen und Sinne, ein Leben lang,

in Jesus Christus, unserem Herrn,

in Jesus Christus, dem Herrn der Welt und dem Herrn unseres Lebens. 

Gott ist treu. 

Das ist wahrhaftig wahr. 

Amen. 

Neues Spiel – neues Glück!

In Bad Dürkheim gibt es ein Spielcasino. Eines Abends konnte ich nicht widerstehen. Türe auf und rein. Ich musste etwas Geld umtauschen, dann durfte ich mitspielen. Roulette. Die Kugel dreht sich. Bitte setzen Sie, jetzt. Dann: Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Gespannt beobachte ich die anderen, gebannt schaue ich auf die Kugel. Sie legt sich fest. Es gibt Gewinner und Verlierer. Dann: das nächste Spiel. Neues Glück? Vielleicht, eher aber nicht. Am Ende habe ich gewonnen, kein Geld, aber Erfahrung.

Neues Jahr 2026. Neues Glück? Zur Zeit sieht es nicht danach aus. Es ist in vielerlei Hinsicht ein frostiger Auftakt für das Jahr. Umso mehr frage ich mich nach dem, was kommt, was auf mich zukommt. „Siehe, ich mache alles neu!“ Das ist der Bibelspruch, der für dieses Jahr als Motto, als Losung ausgewählt wurde. Er stammt aus dem letzten Buch der Bibel – und ist eine Offenbarung! Es ist eine Zusage Gottes, dass am Ende der Zeiten und am Ende unseres Lebens nicht einfach alles aus ist. Im Gegenteil: Gott macht alles neu. Gott macht auch uns neu. Und dieses Neue, das wird dann in wunderbaren Bildern beschrieben. Ein neuer Himmel, eine neue Erde. Kein Leid, kein Geschrei, keine Tränen. Unser Einsatz ist gefragt: kann ich das glauben, habe ich so viel Vertrauen, lasse ich mir diesen Zuspruch gefallen? Mehr braucht es nicht als den Mut zur Hoffnung auf Jesus Christus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

Mir ist dabei wichtig: das Alte wird dabei nicht entwertet, sondern aufgewertet. Damit ist unser Spiel des Lebens nicht umsonst, sondern aufgehoben bei einem, der uns tragen kann und will. Bei dem, der uns auf den Kopf zusagt und in unser Herz schreibt: „Siehe ich mache alles neu!“ So wünsche ich Ihnen ein gutes, gesegnetes, hoffnungsvolles Jahr, das Jahr 2026 nach Christi Geburt.

Falk Schöller, Citykirchenpfarrer Krefeld

FRAGIL – Kunst als Lebensdeutung

Freitag, 5. Dezember, 19 Uhr, Alte Kirche

Künstlergespräch und Podiumsdiskussion

Die Künstlerin Wally Althof, wap-art, zeigt in der Alten Kirche Krefeld bis zum 19. Dezember 2025 Bilder und Werke unter dem Motto „FRAGIL“. „Unser Leben ist ein vergängliches, von Rissen gezeichnetes Dasein in der Welt – und doch gibt es ein Hoffen und Sehnen, dass das Leben gehalten und getragen wird“, ist Citypfarrer Falk Schöller überzeugt, der die Künstlerin zur Ausstellung in die Kirche eingeladen hat. „Kunst und Kirche, Materie und Geist, Mensch und Gott treten in eine besondere Beziehung, die die Besucher*innen entdecken und erleben können.“

Bei einem Künstlergespräch mit anschließender Podiumsdiskussion wird diese Beziehung am Freitag, 5. Dezember, 19 Uhr, in der Alten Kirche ausgeleuchtet. Susanne Rademacher, Rheinische Post, setzt einen ersten Impuls, Wally Althoff nimmt uns in die Technik ihrer Kunst hinein, Falk Schöller stellt in einem musikalisch inspirierenden Gottesdienst bereist ab 18 Uhr Beziehungen und Bezüge her.

Herzliche Einladung.

Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, Hiob 23


(1) Hiob, damals, Hiob heute

Ihr Lieben,
einer leidet. Not und Elend. Krankheit und Einsamkeit.
Selber Schuld?
„Oh nein!“, weist dieser zurück.
„Ich bin nicht schuld.
Not und Elend sind unverschuldet über mich gekommen.“
„Wir glauben dir nicht“, sagen seine Freunde.
„Du musst schuld sein.
Denn das Leben ist gerecht.
Und Gott ist gerecht.
Hör auf zu klagen, zu jammern.
Beginn mit Einsicht, Umkehr, Buße.“
Ihr Lieben,
einer leidet. Noch mehr. Immer mehr.
Niemand glaubt ihm, niemand versteht ihn, niemand hört wirklich zu.
All die Diagnosen, all die Prognosen.
Es ist bitter.
All die Geschichten, all das, was ihm widerfahren ist,
das Leid, das Elend, der Tod.
Es ist bitter.
Ihr Lieben,
es geht um Hiob. Damals.
Es geht um Hiob. Heute.
Um den Hiob in uns, unter uns, um uns.
Hiob. Nicht einer. Viele.
Aber der Hiob, von damals, er spricht.
Hören wir ihm zu.
Wenigstens wir. Glauben ihm, verstehen ihn, hören wirklich hin und zu.
Also:

(2) Widerstand und keine Ergebung

Hiob antwortete und sagte:
Auch jetzt besteht meine Klage im Widerspruch,
seine, Gottes Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.
Ach, wenn ich nur wüsste, wo ich ihn finden könnte,
sodass ich zu seinem Richterthron gelangen könnte!
Ich würde meinen Rechtsfall vor sein Angesicht bringen
und ihm die Gründe nennen, die mich entlasten.
Ich würde die Worte erfahren, die er mir antwortet,
und darauf achten, was er mir zu sagen hat.
Würde er dann mit ganzer Härte mit mir streiten?
Nein! Er würde Rücksicht auf mich nehmen.
Dort könnte einer aufrichtig mit ihm streiten,
und ich für immer mein Recht durchsetzen.

(3) Rechtstreit gesucht

Hiob sucht den Streit, den Rechtstreit.
Mit keinem geringeren als Gott will er sich anlegen.
Und er erwartet Recht. Zurecht.
Denn er kann sich verteidigen, entlasten.
Freispruch!
Es kann kein anderes Urteil geben.
Hiob erwartet Gnade. Begnadigung. Rücksicht.
Also Hoffnung. Auf bessere Zeiten.
Ab jetzt:
Tage ohne Klage. Tage ohne Leid. Tage ohne Einsamkeit. Tage ohne Schmerz.
Tage mit Freude. Tage mit Frieden. Tage mit Freunden. Tage, einfach erfüllte Tage.
Hiob sucht den Streit, den Rechtstreit.
Mit Gott. Aber:
Wo ist er? Wo kann Hiob ihn finden?
Wo kann ich ihn finden? In meinem Elend, in meiner Not?
Hiob, ich, Gott: finden wir einander, finden wir zueinander?

(4) Gottes Suche

Doch wenn ich nach Osten gehe, ist er nicht da,
und nach Westen, bemerke ich ihn nicht.
Wirkt er im Norden, nehme ich ihn nicht wahr.
Verbirgt er sich im Süden, sehe ich ihn nicht.

(5) Der abwesende Gott

Er ist nicht da, ich bemerke ihn nicht, ich nehme ihn nicht wahr, ich sehe ihn nicht.
Nicht im Osten, nicht im Westen, nicht im Norden, nicht im Süden.
Gott ist nicht da. Ist er überhaupt?
Oder ist er einfach nur nicht?
Läutet Hiob Gottes Ende ein?
Kann es nach Hiob noch Gott geben?
Ist der gottlos gewordene Hiob nicht der erste von so vielen,
die heute gottlos sind, gottlos leben, gottlos bleiben?
Oh nein. Hiob hält an Gott fest. Und wie.

(6) Gottes Bekenntnis

Er aber kennt den Weg, auf dem ich bin.
Prüft er mich, gehe ich wie reines Gold hervor.
Denn mein Fuß hielt sich auf seiner Bahn,
ich blieb auf seinem Weg und bog nicht ab.
Vom Gebot seiner Lippen bin ich nicht abgewichen,
die Weisungen seines Mundes bewahrte ich im Herzen.
Hat er etwas beschlossen, wer kann es verhindern?
Hat er sich für etwas entschieden, führt er es aus.
Auch mit mir tut er, was er bestimmt hat.
Und vieles mehr hat er mit mir im Sinn.

(7) Hiobs Treueschwur

Hiob war einmal. Vor langer Zeit, irgendwo.
Robert Gernhardt war auch einmal.
Vor gar nicht allzu langer Zeit.
An einem ganz bestimmten Ort.

Diakonissenkrankenhaus. Herzoperation.
Er schreibt:
Hiob im Diakonissenkrankenhaus
Ihr habt mir tags von Gott erzählt,
nachts hat mich euer Gott gequält.
Ihr habt laut eures Gotts gedacht,
mich hat er stumm zur Sau gemacht.
Ihr habt gesagt, dass Gott mich braucht –
braucht Gott wen, den er nächtens schlaucht?
Ihr habt erklärt, dass Gott mich liebt –
liebt Gott den, dem er Saures gibt?
Gott ist noch da. Bei Hiob. Damals. Bei Hiob. Heute.
Von Gott will ich nicht lassen. Denn er lässt nicht von mir.
Leider Gottes. Leid Gottes.
Es fühlt sich furchtbar an.
Ein Zerrbild Gottes?
Sein wahres Gesicht?
Es ist so. Nicht zu leugnen.
Wenn es Gott gibt, ist das Leid, das Elend, die Not nicht zu Ende.
Es bleibt ein Unrecht, was Menschen widerfährt.
Doch, Hiob, einst, ließ Gott nicht los.
Doch, Gernhard, heute, lässt Gott nicht los.
Aber beide, Hiob damals, Hiob heute,
machen es uns schwer mit Gott.
So schwer, wie unser Leben ist.
Leichter können wir es Gott nicht machen.

(8) Gottes Schrecken

Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht.
Wenn ich nur daran denke, macht er mir Angst.
Gott ließ mein Herz verzagen,
der Allmächtige hat mich in Schrecken versetzt.
Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis,
vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt.

(9) Am Ende kein Verstummen

Hiob ist am Ende. Vorläufig.
Er verstummt nicht.
Er bleibt nicht in der Dunkelheit.
Er klagt. Lautstark.
Er spricht. Widerspricht.
Er hofft. Gegen den Schein.
Er trotzt. Der Dunkelheit.
Es ist eine Lebensaufgabe.
Keine Aufgabe des Lebens.
Sondern eine Aufgabe, die dem Leben dient.
Dem eigenen Leben. Und Gottes Leben.
Hiob hält Gott am und im Leben.
Mit seinem trotzigen Dennoch.
Mit seiner Gewissheit: die Dunkelheit bedeckt Gottes Angesicht.
Aber das gibt es. Und das ist freundlich. Zugewandt. Lebensdienlich.
Hiob ist am Ende. Dank sei Hiob.
Der einmal ausspricht, was auch wahr ist.
Dass viele, unverschuldet, in Not sind, im Elend, in Krankheit, in Tod.
Diesen vielen ist Hiob ein Weggefährte und ein Wegweiser.
Auf Gott hin. Auf Gott zu.
Und mehr noch.
In seiner Not hat Hiob auch die im Blick,
die ihn bedrängten, ihn verleumdeten, ihm falsch Zeugnis unterstellten.
Hiob war ein Großer.
Denn er verstummte nicht.
Sondern wagte das eine das große Wort.
Dennoch!
Denn noch ist kein Ende.
Noch ist kein Ende. Nicht für Hiob. Nicht für Gott.
Nicht für uns.

(10) Am Ende kein Ende

Am Ende.
Gott wandte das Geschick Hiobs.
Als er für seine Freunde Fürbitte gab.
Hiob starb. Alt. Lebenssatt.
Gottes Friede.
Höher als menschliche Vernunft.
Bewahrt.
Herzen und Sinne.
In Jesus Christus.
Unserem Herrn.
Durch den Tod.
Ins Leben.
Auf ewig.
Amen.

Reformationsfeier 2025 – Evangelische Friedenskirche Krefeld

Citypfarrer Falk Schöller

Michael Krüger, Rede des evangelischen Pfarrers
(lacht:)

Ach, wissen Sie,
auch ohne ihn
haben wir viel zu tun.
Manche in der Gemeinde
haben ihn schon vergessen.
Anderen fehlt er. Sehr.
War es besser mit ihm?
Der Trost drang tiefer,
und die Scham darüber,
geboren zu sein,
ließ sich leichter
verbergen.

Predigt – Einfach von Gott reden

1998 ist dieses Gedicht von Michael Krüger entstanden.
Als Dichter nimmt er wahr, was in den Kirchen der Reformation geschieht.
Und legt seine Beobachtungen und seine Wertungen einem Pfarrer in den Mund. Ein Pfarrer
redet. Über ihn. Mit Ihm?
Ich lege mir seine Worte einmal in den Mund – und möchte nachspüren:
Vergessen wir in unserem Alltag, nicht nur in der Kirche, sondern auch in den Schulen, in den
Familien, in der Öffentlichkeit etwas, jemand wesentliches, wenn wir vieles ohne ihn tun?
Haben wir ihn schon vergessen?
Ob Michael Krüger schon damals wusste, oder zumindest ahnte, wie viel wir heute in der Kirche
damit zu tun haben, uns selbst zu erhalten?
Wie sehr wir uns um unsere Strukturen, Gebäude, Personal kümmern,
weil die Finanzströme versiegen, Folge längst versiegter Ströme der Gläubigen?
So anders als nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs
als die vielen Zuflucht in den Kirchen und bei Gottes Wort suchten und fanden, und als wir
deswegen viele Kirchen und Gemeindehäuser bauten,
Gruppen und Kreise gründeten, Personal einstellten.
Wir hatten mehr als genug, damals. An Geld. Und an ihm.
Als wir mit unserem Latein am Ende waren,als alles in Trümmern lag,

auch viele Kirchen in unserer Stadt –
da erblühten Kirche und Gemeinden in großer Kraft,
vielleicht in vorher und nachher niemals dagewesener Fülle
an Gebäuden, Personal, Finanzen.
Es war, als wäre er wieder gekommen, um uns aufzubauen.
Und so bauten wir auf, bauten Kirche auf, bauten uns auf.
Als ob er uns gehörte, als ob er zu uns gehörte.
Aber vergessen wir nicht:
die Krise der Kirche in den neuen Zeiten, in der Moderne und in der Industrie,
sie ist älter, viel älter. Seit über 200 Jahren ist er in der Krise.
Und mit ihm die Kirche, ja die ganze Religion.
Diese Krise, von ihr schreibt schon Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher,
Reden über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern.1799!
Aber immer noch und immer wieder steht die Kirche, steht der Glaube, steht Gott auf.
So wie 1517. Auch da stand der Glaube, stand Gott neu auf.
War zu finden, in der Muttersprache: die Bibel auf Deutsch.
War zu finden, mitten im Leben: die Bilder des Alltags.
War zu finden, in den Melodien: Volksmelodien für Kirchenlieder.
Aber nicht nur 1517. Nicht nur 1799.
Auch 2025!
Wir sind aufgestanden. Wir sind losgelaufen. Wir sind hier.
Lebendig, in der Krise, trotz der Krise.
Das ist doch tröstlich, ihr Lieben!
Deswegen sollten wir auch nicht ängstlich in die Zukunft sehen,
von der wir doch wissen: Zukunft kommt auf uns zu,
anders, als wir denken, anders, weil wir glauben,
anders, wenn wir unser Vertrauen auf ihn setzen.
Die Zukunft von ihm erwarten, nicht einfach als Fortschreibung der Pläne von gestern und der
Wirklichkeit von heute. Sondern als etwas Neues, überraschend Neues.
Es ist besser mit ihm als ohne ihn.
Michael Krüger lässt den evangelischen Pfarrer sagen:
Anderen fehlt er. Sehr. Der Trost drang tiefer.
Das ist ganz einfach. Warum?
Weil es schon vor langem erzählt wurde: Es ist besser mit Gott.
Ich erinnere uns an Jakob, an seinen Kampf mit und um Gott.
Er will ihn mit sich haben. Segen ist sein Trost.
Ich lasse dich nicht, Gott, du segnest mich denn.
In dieser alten Geschichte, verworren und dunkel und düster,
kämpft Jakob auf der Flucht mit Gott.
An der Grenze. In der Nacht. Ihm auf den Fersen:
sein Bruder, Esau, der ihm nach dem Leben trachtet.
Was Jakob getan hatte, ist Unrecht, großes Unrecht.
Zu Recht sinnt der große Bruder nach Rache, muss der kleine Bruder fliehen.
Aber auch auf der Flucht lässt er nicht von seinem Gott ab,
sucht er nach Segen, nach Begleitung, nach Schutz, auf all seinen Wegen.
Und Gott segnet ihn.
Dieser Segen, auch auf der Flucht, in der Nacht, in der Einsamkeit,
wird Jakob zum Trost, zum Trost, der Zukunft schafft.
Dieser Trost dringt so tief, dass er sich, seine ganze Familie, sein ganzes Leben lang
gesegnet und getragen, behütet und beschützt weiß.
Gottes Segen ist der Trost, der Jakob trägt, und Israel. Ein ganzes Volk, seit Jahrtausenden.
Vergisst Gott nicht. Israel ist nicht einfach irgendein Land,
es ist Gottes Land. Israel ist nicht einfach irgendein Volk, es ist unser Volk.
Auch wir sollten Gott nicht vergessen.
Nicht in unseren Gedanken. Nicht in unseren Worten. Nicht in unseren Melodien.
Michael Krügers Pfarrer sagt: Manchen fehlt er.
Ich sage das als Pfarrer: Mir fehlt er manchmal auch.
Wir sollten ihn nicht vergessen. Wir sind auf ihn angewiesen.
Im Leben und im Sterben. Was wir brauchen, mit einem Wort: Trost!
Aufrichtig sucht jemand Trost, bittet um Hilfe, mich.
Ich höre zu, ganz Ohr: Ihre Schwester, noch gar nicht alt, hat eine Diagnose.
Vermutlich keine gute Prognose. Nur noch wenig Zeit zu leben.
Sie stellt mir eine Frage: Hast du mir Trost?
Hast du mir ein Gedanken, ein Wort, eine Melodie,
die ich hören kann, die mir helfen kann, die mich hoffen lässt. Hast du mir Trost?
Ich sehe in meinen Taschen nach, in meinen Schubladen, im Handschuhfach meines Autos,
suche alle meine Dinge durch, die ich habe, suche im Netz nach etwas, das ich kaufen kann.
Aber ich finde nichts. Keinen Trost. Nur Trostpflaster. Aber die helfen nicht weiter.
Ich überlege. Erinnere mich: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was darf ich hoffen?
Sie weiß nun die Prognose für ihre Schwester. Die Ärztin kennt die Diagnose, weiß, was zu tun ist.
Offen ist noch: Was darf sie hoffen? Darf sie hoffen? Gibt es Trost?
Ich suche, noch einmal, jetzt aber nicht in meinen Taschen, sondern in meinem Leben, meinem
Glauben, meinem Hoffen. Was ich da nicht hineingelegt habe, aber was dennoch da ist. Ich
suche ihn. Und finde ihn. Und sage ihn.Ganz einfach. Ich sage ihn zu. Seinen Trost. Seine
Hoffnung. Seinen Segen.
Sie darf Gott und seinen Segen hoffen. Trost findet sich. In der Hoffnung.
Auf das Leben. Mit Gott. In guten wie in schlechten Tagen. In diesem Leben und im ewigen
Leben. Glück und Seligkeit.
Wir haben es vorhin mit Worten Dietrich Bonhoeffers gesagt und bekannt:
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will,
wie wir brauchen.
Ich glaube ihn. Er ist doch da. Einfach so.
Allein auf Gott verlassen. Auf das, was er uns zukommen lässt.
Aus seiner Zukunft kommt er in unsere Gegenwart.
Er ist da. Mit dir. Mit deiner Schwester. Ihr seid nicht allein. Gott sei Dank.
Ich habe Trost gefunden. Nicht in den Dingen, sondern in den Worten.
In ganz einfachen Worten. Es bleibt der Glaube. Es bleibt die Hoffnung. Es bleibt die Liebe. Die
Liebe aber ist die größte unter ihnen.
Paulus hat uns diese Worte geschenkt. Gewonnen aus dem Vertrauen in Jesus Christus.
Der mit ihm durch das Leben gegangen ist und in den Tod und durch den Tod. Mit ihm.
Jesus leidet mit Menschen, heilt sie, an Leib und Seele, gibt Menschen Zukunft,
obwohl der Tod schon an ihnen nagt.
Die Bibel ist voll dieser Geschichten. Von Glauben. Von Hoffnung. Von Liebe.
Jesus begegnet Aussätzigen, hochansteckenden Leprakranken. Sie leben, isoliert von allen
anderen, ausgesetzt, einsam, trostlos, hoffnungslos.
Ohne Zukunft. Leben als Warten auf den Tod. Und das mitten im Leben.
Jesus lässt Menschen wie sie nicht allein. Er lässt auch uns nicht allein.
Wir sind mit ihm.
Der Trost dringt tief in die Welt, in die Menschen hinein. Der Trost dringt tiefer.
Das sollten wir nicht einfach vergessen. Wir sollten nicht verzagen.
Wir dürfen uns, den Menschen, der Welt Gott nicht versagen.
Wenn Gott fehlt, fehlt der Trost. Wenn Jesus nicht mehr erinnert wird, fehlt der Tröster.
Deswegen: Wir sollten einfach wieder von Gott reden, nicht ins Gerede kommen, sondern ins
Gespräch, und aus dem Gespräch auch ins Gebet, in dem wir Gott wieder hören.
Denn: Er fehlt. Wenn wir nicht wieder einfach von Gott reden, bleibt Gott außen vor.
Also: Weil wir alles so kompliziert machen, so verworren und verschoben,
müssen wir einfach von ihm reden, müssen wir von ihm einfach reden.
Sonst suchen Menschen andere, einfache Alternativen,
und manche bieten sogar andere, einfache Alternativen an,
doch sie haben keinen Trump, gar keinen Trumpf in der Hand, und schon gar keinen Trost.
Trost allein, der tiefe Trost, kommt von Jesus Christus, und seinem Wort.
Selig sind die Friedfertigen. Selig sind die Trauernden. Selig sind die Träumenden.
Selig bist du.
Ganz einfach. Gott fehlt nicht. Er kommt. Er ist da. Er kommt wieder.
Gott sei Dank. Amen.