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Manchmal hilft nur noch beten – stimmt das?

| Falk Schöller |

Skizze einer Himmelfahrtspredigt unter freiem Himmel und weitem Horizont.

Beten hilft
Manchmal, liebe Gemeinde, hilft nur noch beten.
Ich weiß nicht, ob sie mir da zustimmen.
Aber manchmal kommen Menschen zu mir.
Sie sind überzeugt: Jetzt hilft nur noch beten.
Manchmal hilft nur noch beten.
Ich erinnere mich an zwei Eltern.
Verzweifelt. Mit ihrer Hoffnung, ihrem Mut, ihrem Glauben am Ende.
Sie haben alles versucht. Alle Möglichkeiten ausgeschöpft.
Es geht nicht um sie. Es geht um ihre Tochter.
Jetzt kann nur noch beten helfen.
Und weil sie selber nicht geübt sind,
sich nicht einmal fürs Beten gut genug fühlen,
sind sie nun da.
Damit ein anderer für sie und mit ihnen betet.
Ihr eigenes gering geachtetes Beten verdoppelt und verstärkt.
Damit das Gebet auch ankommt.
Ich hätte ja gewiss einen guten Draht nach oben.
Manchmal hilft nur noch beten.
In diesem Fall: nicht für sich selbst, sonder für ihre Tochter.
Deren Leben zu entgleiten droht.
Sie hat Magersucht, ausgeprägt.
Erst wollte sie nichts mehr essen.
Jetzt kann sie nichts mehr essen.
Die Kräfte schwinden.
Der Lebensmut auch.
Sie scheint das Leben geradezu auszuhauchen.
Die Kräfte der Eltern schwinden ebenso.
Auch ihr Lebensmut.
Mit dem Leben der Tochter scheint ihnen auch ihr eigenes Leben zu entgleiten.
Alles ist nur noch Magersucht.
Es gibt kein anderes Thema mehr.
Es ist paradox: die Magersucht frisst alles auf.
Jetzt hilft nur noch beten. Meinen sie.
Was meinen Sie?
Manchmal hilft nur noch beten.
Eine Frau kommt, in der Lebensmitte.
Sie sieht fertig aus, mit ihren Kräften, ihren Nerven am Ende.
Sie erzählt, wie sie zuhause ihre Eltern pflegt.
Die Pflege wächst ihr über den Kopf, es wird zunehmend kritischer.
Der Ton wird rauer – nichts, was sie tut, ist gut genug.
Und umgekehrt: was immer die Eltern tun, ist nicht gut, nicht gut genug.
Die Liste ist lang, der Dinge, die sie tun muss, die die Eltern tun müssen.
So wie es ist, ist es einfach zu viel, ist alles zu viel.
Waschen, Anziehen, Essen, Arztbesuche.
Kontakte zu Familie und Freunden.
Abends werden Kerzen nicht gelöscht.
Tagsüber wird das Wasser nicht abgestellt, der Herd auch nicht.
Immer ist die Hygiene mangelhaft.
Die ganze Situation, die ganze Konstellation – alles stinkt zum Himmel.
Mir klingeln die Ohren.
Ich kann und will all das nicht hören.
Ich kann es nicht auffangen, nicht ertragen.
Jetzt hilft nur noch beten.
Der liebe Gott, möge er doch ein Einsehen haben und eingreifen.
So kann es doch nicht weitergehen.
Alle sind mit ihrem Latein und ihrer Kraft am Ende.
Jetzt hilft nur noch beten. Meine ich.
Was meinen Sie?
Zwei Alltagsgeschichten.
Aus dem Leben eines Pfarrers.
Eines Berufsbeters, gewissermaßen.
Hilft mein Gebet? Mein guter Draht nach oben?
Fahren meine Gebete zum Himmel auf,
wie auf einer Wolke,
verhallt mein Gebet nicht auch einfach?
Hilft mein Beten, hilft unser Beten?
Handeln hilft – und beten
Manchmal hilft auch Handeln.
„Die Hände, die zum Beten ruhn,
die macht er stark zur Tat.
Und was der Beter Hände tun,
geschieht nach seinem Rat.“
So hat Jochen Klepper Beten und Handeln verbunden.
Ora et labora.
Beten und Tun.
Handgreiflich werden, in doppeltem Sinn.
Beten führt ins Handeln
Beten ersetzt kein Handeln, beten führt zum Handeln.
Wer betet, weil er zur Tat, zum Handeln, zum Eingreifen nicht mutig, nicht kräftig, nicht klug genug ist, der kann sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig machen. Deswegen ist immer gut zu prüfen:
Hilft wirklich nur noch beten?
Hilft nicht auch entschlossenes, mutiges, kluges Handeln?
Es ist immer gut zu prüfen, ob und welche Handlungsspielräume da sind –
damit Hand falten und Hand anlegen zusammenkommen,
Hand in Hand gehen.
Wir haben wirklich schon alles versucht!
Ich habe schon alles Mögliche unternommen!
Das Menschen mögliche ist vorbei, jetzt geht es um das Gott mögliche!
Ich höre das, aber kann und will ich das glauben?
Prüfet alles! Was gut ist, haltet daran fest.
Wie ist das mit der Magersucht, die alles in sich hineinfrisst und doch niemals satt wird? Welche Hilfe haben die Eltern gesucht, gefunden, angenommen?
Welche Sehnsucht liegt bei der Tochter hinter der Sucht?
Wer hat sich auf die Suche gemacht?
Wer hat was erreicht?
Wo gab es hoffnungsvolle Pfade?
Was hat andere Menschen in vergleichbarer Lage am Leben gehalten?
In wessen Hände haben andere die Tochter gegeben?
Was kann gemeinsam getragen werden, was mit Lehrern, was mit Freunden?
Doppelte Dimension des Betens – Himmel und Horizont
Beten heißt:
nicht nur den Himmel zu öffnen,
sondern auch den Horizont zu weiten.
So verstanden, hilft sicher auch beten.
Beten hat eine himmlische Dimension, mit Blick von unten nach oben,
Beten hat eine irdische Dimension, mit Blick nach links und rechts.
Das gilt auch für die Frau, die ihre Eltern pflegt.
Die Situation ist untragbar – wie soll sie da diese Situation tragen?
Das übersteigt nicht nur ihre Kräfte, sondern auch ihre Kompetenz,
ihre zeitlichen und körperlichen und psychischen Möglichkeiten.
Gibt es wirklich keine Alternativen?
Können beide Eltern noch zuhause gepflegt werden?
Muss die Tochter wirklich alles alleine machen?
Waschen, kochen, putzen, pflegen.
Kommdienst. Fahrdienst.
Alltagsdienst. Notdienst.
Tagdienst. Nachtdienst.
Sich von allen gute Ratschläge anhören,
aber keine tatkräftige Hilfe bekommen.
Ich spüre Zorn und Wut in mir aufsteigen,
das Ohnmachtskartell kann doch zerschlagen werden.
Bevor es zum Notfall kommt.
Beten heißt, nicht nur auf den lieben Gott zu vertrauen,
sondern auch auf liebevolle Fachkräfte zu setzen,
liebenswerte Unterstützung durch andere zuzulassen,
auf lieb zu gewinnende Entlastungen zu setzen,
auf Tagespflege, Kurzzeitpflege, Essen auf Rädern.
Manchmal kommt der liebe Gott auf leisen Sohlen daher.
So verstanden, hilft sicher auch beten.
Das Gebet Jesu
Von solchem Beten und Handeln Jesu hören wir an diesem Himmelfahrtstag.
Der Tag, an dem Jesus uns verlässt und uns noch nicht alleine lässt.
Er verweist uns als Gemeinde, als Gemeinschaft aufeinander
– als Menschen, die miteinander einen guten Geist haben.
Seinen guten Geist!
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
Ich bitte für die, welche durch ihr Wort an mich glauben,
dass sie alle eins seien,
so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin,
dass auch sie in uns seien,
damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.
Ich habe die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, ihnen gegeben,
damit sie eins seien wie wir eins sind:
ich in ihnen und du in mir,
damit sie vollendet seien in eins,
damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt
und sie geliebt hast,
wie du mich geliebt hast.
Fehlende und notwendige Einheit
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
In all unserem Streit, unserer Zerrissenheit,
unser Sehnsucht nach Einheit und nach Liebe,
in all unserem Zweifel, unserer Not,
unserer Sehnsucht nach Anerkennung, nach heilem, erfüllten Leben.
Jesus betet. Wir hören sein Gebet.
Und falten die Hände, stimmen ein in sein Gebet.
Und öffnen die Hände, sind tatkräftig in der Nachfolge.
Und suchen die Hände der anderen, gemeinsam sind wir stark.
Jesu beten ist ein Dreischritt.
Nicht nur ora et labora, oder labora et ora,
beten und arbeiten, arbeiten und beten,
sondern beten, handeln, gemeinsam.
Dreifach: Beten, Handeln, Gemeinschaft
Manchmal hilft nur beten.
Im Sinne Jesu:
Das Gebet führt zum Handeln, das Handeln gelingt in der Gemeinschaft.
Und all das im Vertrauen darauf,
dass Beten wirklich wirkt, wirklich hilft, wirklich stärkt.
Im Beten wächst der Glaube über sich hinaus,
auf Gott hin,
auf den Nächsten hin,
auf die Gemeinde hin.
Beten ist eine wunderbare Himmelfahrt.
Beten ist eine wundervolle Erdenfahrt.
Der Himmel geht über allen auf,
auf alle über, über allen auf.
Die Eltern ins Gebet nehmen,
die Tochter ins Gebet nehmen,
die Freunde, die Ärzte, die Therapeuten ins Gebet nehmen,
die Lebensgeister wecken,
das Leben kehrt zurück,
langsam, zaghaft, nicht ohne Rückschläge, Narben, Verletzungen.
Von Gott geliebtes Kind.
In seiner Liebe bleiben.
Manchmal hilft einfach beten.
Manchmal hilft beten einfach.
Die Frau ins Gebet nehmen,
ihre Eltern mit ins Gebet nehmen,
viele andere ins Gebet nehmen und ins Boot holen,
gemeinsam anpacken, Lösungen suchen,
Schritt für Schritt.
Das Leben ist endlich. Schmerzhafte Erfahrung, bittere Einsicht.
Doch die Liebe ist unendlich.
Und die Hoffnung.
Und der Glaube.
Der Glaube, das Beten hilft.
Nicht nur manchmal.
Nicht nur als letzte Möglichkeit.
Öffnen wir Gott den Himmel,
hat er es leichter,
unseren Horizont zu öffnen.
Denn Gottes Friede ist höher als alle menschliche Vernunft.
Und Gott bewahrt uns, unsere Herzen und Sinne.
In und durch Jesus, unserem Herrn.
Amen.