Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis, Hiob 23
(1) Hiob, damals, Hiob heute
Ihr Lieben,
einer leidet. Not und Elend. Krankheit und Einsamkeit.
Selber Schuld?
„Oh nein!“, weist dieser zurück.
„Ich bin nicht schuld.
Not und Elend sind unverschuldet über mich gekommen.“
„Wir glauben dir nicht“, sagen seine Freunde.
„Du musst schuld sein.
Denn das Leben ist gerecht.
Und Gott ist gerecht.
Hör auf zu klagen, zu jammern.
Beginn mit Einsicht, Umkehr, Buße.“
Ihr Lieben,
einer leidet. Noch mehr. Immer mehr.
Niemand glaubt ihm, niemand versteht ihn, niemand hört wirklich zu.
All die Diagnosen, all die Prognosen.
Es ist bitter.
All die Geschichten, all das, was ihm widerfahren ist,
das Leid, das Elend, der Tod.
Es ist bitter.
Ihr Lieben,
es geht um Hiob. Damals.
Es geht um Hiob. Heute.
Um den Hiob in uns, unter uns, um uns.
Hiob. Nicht einer. Viele.
Aber der Hiob, von damals, er spricht.
Hören wir ihm zu.
Wenigstens wir. Glauben ihm, verstehen ihn, hören wirklich hin und zu.
Also:
(2) Widerstand und keine Ergebung
Hiob antwortete und sagte:
Auch jetzt besteht meine Klage im Widerspruch,
seine, Gottes Hand lastet schwer auf meinem Seufzen.
Ach, wenn ich nur wüsste, wo ich ihn finden könnte,
sodass ich zu seinem Richterthron gelangen könnte!
Ich würde meinen Rechtsfall vor sein Angesicht bringen
und ihm die Gründe nennen, die mich entlasten.
Ich würde die Worte erfahren, die er mir antwortet,
und darauf achten, was er mir zu sagen hat.
Würde er dann mit ganzer Härte mit mir streiten?
Nein! Er würde Rücksicht auf mich nehmen.
Dort könnte einer aufrichtig mit ihm streiten,
und ich für immer mein Recht durchsetzen.
(3) Rechtstreit gesucht
Hiob sucht den Streit, den Rechtstreit.
Mit keinem geringeren als Gott will er sich anlegen.
Und er erwartet Recht. Zurecht.
Denn er kann sich verteidigen, entlasten.
Freispruch!
Es kann kein anderes Urteil geben.
Hiob erwartet Gnade. Begnadigung. Rücksicht.
Also Hoffnung. Auf bessere Zeiten.
Ab jetzt:
Tage ohne Klage. Tage ohne Leid. Tage ohne Einsamkeit. Tage ohne Schmerz.
Tage mit Freude. Tage mit Frieden. Tage mit Freunden. Tage, einfach erfüllte Tage.
Hiob sucht den Streit, den Rechtstreit.
Mit Gott. Aber:
Wo ist er? Wo kann Hiob ihn finden?
Wo kann ich ihn finden? In meinem Elend, in meiner Not?
Hiob, ich, Gott: finden wir einander, finden wir zueinander?
(4) Gottes Suche
Doch wenn ich nach Osten gehe, ist er nicht da,
und nach Westen, bemerke ich ihn nicht.
Wirkt er im Norden, nehme ich ihn nicht wahr.
Verbirgt er sich im Süden, sehe ich ihn nicht.
(5) Der abwesende Gott
Er ist nicht da, ich bemerke ihn nicht, ich nehme ihn nicht wahr, ich sehe ihn nicht.
Nicht im Osten, nicht im Westen, nicht im Norden, nicht im Süden.
Gott ist nicht da. Ist er überhaupt?
Oder ist er einfach nur nicht?
Läutet Hiob Gottes Ende ein?
Kann es nach Hiob noch Gott geben?
Ist der gottlos gewordene Hiob nicht der erste von so vielen,
die heute gottlos sind, gottlos leben, gottlos bleiben?
Oh nein. Hiob hält an Gott fest. Und wie.
(6) Gottes Bekenntnis
Er aber kennt den Weg, auf dem ich bin.
Prüft er mich, gehe ich wie reines Gold hervor.
Denn mein Fuß hielt sich auf seiner Bahn,
ich blieb auf seinem Weg und bog nicht ab.
Vom Gebot seiner Lippen bin ich nicht abgewichen,
die Weisungen seines Mundes bewahrte ich im Herzen.
Hat er etwas beschlossen, wer kann es verhindern?
Hat er sich für etwas entschieden, führt er es aus.
Auch mit mir tut er, was er bestimmt hat.
Und vieles mehr hat er mit mir im Sinn.
(7) Hiobs Treueschwur
Hiob war einmal. Vor langer Zeit, irgendwo.
Robert Gernhardt war auch einmal.
Vor gar nicht allzu langer Zeit.
An einem ganz bestimmten Ort.
Diakonissenkrankenhaus. Herzoperation.
Er schreibt:
Hiob im Diakonissenkrankenhaus
Ihr habt mir tags von Gott erzählt,
nachts hat mich euer Gott gequält.
Ihr habt laut eures Gotts gedacht,
mich hat er stumm zur Sau gemacht.
Ihr habt gesagt, dass Gott mich braucht –
braucht Gott wen, den er nächtens schlaucht?
Ihr habt erklärt, dass Gott mich liebt –
liebt Gott den, dem er Saures gibt?
Gott ist noch da. Bei Hiob. Damals. Bei Hiob. Heute.
Von Gott will ich nicht lassen. Denn er lässt nicht von mir.
Leider Gottes. Leid Gottes.
Es fühlt sich furchtbar an.
Ein Zerrbild Gottes?
Sein wahres Gesicht?
Es ist so. Nicht zu leugnen.
Wenn es Gott gibt, ist das Leid, das Elend, die Not nicht zu Ende.
Es bleibt ein Unrecht, was Menschen widerfährt.
Doch, Hiob, einst, ließ Gott nicht los.
Doch, Gernhard, heute, lässt Gott nicht los.
Aber beide, Hiob damals, Hiob heute,
machen es uns schwer mit Gott.
So schwer, wie unser Leben ist.
Leichter können wir es Gott nicht machen.
(8) Gottes Schrecken
Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht.
Wenn ich nur daran denke, macht er mir Angst.
Gott ließ mein Herz verzagen,
der Allmächtige hat mich in Schrecken versetzt.
Dennoch verstumme ich nicht vor der Finsternis,
vor seinem Angesicht, das Dunkelheit bedeckt.
(9) Am Ende kein Verstummen
Hiob ist am Ende. Vorläufig.
Er verstummt nicht.
Er bleibt nicht in der Dunkelheit.
Er klagt. Lautstark.
Er spricht. Widerspricht.
Er hofft. Gegen den Schein.
Er trotzt. Der Dunkelheit.
Es ist eine Lebensaufgabe.
Keine Aufgabe des Lebens.
Sondern eine Aufgabe, die dem Leben dient.
Dem eigenen Leben. Und Gottes Leben.
Hiob hält Gott am und im Leben.
Mit seinem trotzigen Dennoch.
Mit seiner Gewissheit: die Dunkelheit bedeckt Gottes Angesicht.
Aber das gibt es. Und das ist freundlich. Zugewandt. Lebensdienlich.
Hiob ist am Ende. Dank sei Hiob.
Der einmal ausspricht, was auch wahr ist.
Dass viele, unverschuldet, in Not sind, im Elend, in Krankheit, in Tod.
Diesen vielen ist Hiob ein Weggefährte und ein Wegweiser.
Auf Gott hin. Auf Gott zu.
Und mehr noch.
In seiner Not hat Hiob auch die im Blick,
die ihn bedrängten, ihn verleumdeten, ihm falsch Zeugnis unterstellten.
Hiob war ein Großer.
Denn er verstummte nicht.
Sondern wagte das eine das große Wort.
Dennoch!
Denn noch ist kein Ende.
Noch ist kein Ende. Nicht für Hiob. Nicht für Gott.
Nicht für uns.
(10) Am Ende kein Ende
Am Ende.
Gott wandte das Geschick Hiobs.
Als er für seine Freunde Fürbitte gab.
Hiob starb. Alt. Lebenssatt.
Gottes Friede.
Höher als menschliche Vernunft.
Bewahrt.
Herzen und Sinne.
In Jesus Christus.
Unserem Herrn.
Durch den Tod.
Ins Leben.
Auf ewig.
Amen.