Morgenimpulse Karwoche

Morgenimpuls zum 11. April 2022

ERWACHEN (Wilhelm Bruners) ist der Titel eines Gedichts des katholischen Theologen, der lange in Jerusalem lebte. ‚Seit Tagen träumt der Himmel wieder grün, die Welt hat genug gefroren.‘ Das ist ein starkes Bild, Hoffnung vieler, die sich mit dem Einzug Jesu in Jerusalem verbinden, Hoffnung vieler auch nach zwei Jahren der Pandemie. Doch das Dunk dieser Welt bleibt, scheint zu obsiegen. Menschen leiden, sinnlos, und andere leiden mit. Es ist ein Gefühl von Ohnmacht.
‚In der Welt habt ihr Angst‘, sagt Jesus – und ich will diese Angst ernstnehmen, in dieser Schlüsselwoche im Leben Jesu, durch die wir diese Tage gehen.
Dennoch will ich heute aus dem großen ABER leben. ‚Aber seid getrost, ich werde die Welt überwinden.‘
Die Losung für heute geleite uns:
‚Seid getrost und unverzagt alle, die ihr des HERRN harret!‘ Psalm 31,5).
Einen gesegneten Tag uns allen.


Morgenimpuls zum 12. April 2022
Finstere Mächte und Gestalten wirken unter uns. Sie führen uns vor, was zählt auf dieser Welt: Gier nach Macht, Besitz, Rohstoff. Der Mensch zählt nicht. Wer Frieden sucht, barmherzig ist, sich den Elenden zuwendet, wird kleingelacht und kleingemacht. Utopisch zu glauben, es wäre anders. Das gilt für alle, selbst für Gott. In dieser Karwoche spüren wir der Macht nach, die das Leben und die Lebendigen zum Feind hat. Ohnmacht wäre erwartbar.
STATTDESSEN werden wir verrückt, versetzt, in einen anderen Wirkungskreis. Der Lehrtext bringt es auf den Punkt: „Er hat uns errettet aus der Macht der Finsternis und hat uns versetzt in das Reich seines geliebten Sohnes.“ (Kol 1,13)
STATTDESSEN: mit dieser Haltung will ich leben, nicht sitzenbleiben, sondern versetzt werden – und von dieser neuen Position her sehen und wahrnehmen. „Freunde, dass der Mandelzweig, wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt.“ (Shalom Ben Chorim, 1942). Den Fingerzeigen Gottes auf die Spur zu kommen, geleite uns.
Einen gesegneten Tag uns allen.


Morgenimpuls zum 13. April 2022
UNERWARTETE GÄSTE (Horst Bienek) – wer hätte gedacht, dass mitten in Europa unzählige Menschen aufgenommen werden, unerwartete Gäste. Wir empfangen mit offenen Armen, hoffentlich noch lange, mit Gästen ist es nicht einfach. In der Karwoche berichtet ein Gastgeber: „Gestern waren die Zwölf Apostel bei mir zu Gast. Ich tischte alles auf, was der Kühlschrank hergab. Sie müssen von sehr weit gekommen sein. Sie waren hungrig und durstig und auf ihren Mänteln klebte dick der Staub. Ich wollte wissen, wer unter ihnen Johannes sei und wer Judas. Sie sagten, sie übten noch. Die Rollen werden erst kurz vor Ostern festgelegt.“ Liebling und Verräter, es liegt nahe beieinander, manches Mal ist es nicht zu unterscheiden. Und doch steht die Gastfreundschaft unter einer großen Verheißung. Die Losung aus Micha 5 Lautet: „Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden bis an die Enden der Erde.
Und er wird der Friede sein.“ Dieser UNERWARTETE FRIEDE, zu den Gastgebern und Gästen
gesprochen, kehre auch bei uns ein. Noch ist nicht festgelegt, wer Johannes und wer Judas sein
wird – üben wir uns bis dahin im Frieden. Einen gesegneten Tag uns allen.


Morgenimpuls zum Gründonnerstag,14. April 2022
ERINNERUNG STIRBT (Dorothee Sölle), wenn sie keine Nahrung hat, wenn sie nichts gilt, wenn
es keinen Ort gibt, wo sie wohnen kann, keine Stelle, wo sie öffentlich geteilt wird. Sie
verkümmert und geht ein an der totalen Privatisierung des Lebens. Mit der Erinnerung an das,
was Gott getan und verheißen hat, stirbt ja auch ein anderer Bezug zur Gegenwart, ein kritisches
Über-sie-hinaus-Fragen. Mit der Erinnerung stirbt auch die Zukunft.
Zahl der Christen sinkt unter 50%. Gestern Abend RTL Passionsspiele mit Thomas Gottschalk.
Heute beginnt der längste Gottesdienst der Geschichte: Von Gründonnerstag bis Ostern werden
Leben und Tod durchschritten. Damals saßen Jünger in Angst und warteten auf den Schrecken
der kommt. Mich erinnert das an schreckliche Bilder unserer Tage. Gemeinsam erinnern, was
Jesus getan, erlitten, durchgemacht hat, nimmt Leid ernst. Gemeinsam verbunden geht es ins
Leid und durch das Leid hindurch. Erinnern schafft Leben. Jesus Christus spricht: „Ich bin das
lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in
Ewigkeit.“ Heute Abend, gemeinsam erinnern an damals, um Zukunft zu gewinnen. Damit wir
nicht verkümmern, braucht es Gemeinschaft. Das ist die Losung für heute: „Mir sollen sich alle
Knie beugen und alle Zungen schwören und sagen: Im HERRN habe ich Gerechtigkeit und
Stärke.“ (Jes. 45, 23f.) Und zu ergänzen: Lebendige Zukunft. Gehen wir gemeinsam durch diesen
Tag, erinnern wir uns. Einen gesegneten Tag. Allen. Auch uns.


Morgenimpuls zum Karfreitag, 15. April 2022
DENN sie wissen nicht, was sie tun. Lukas fügt diesen Satz in seine Passionsgeschichte hinzu. Er
entschuldigt nicht, was Menschen denken, reden, tun, und sei es noch so schlimm. Lukas aber
erlebt: Menschen sind nicht bei Sinnen, nicht bei Trost. Anders ist nicht zu erklären, was
geschieht: willkürliche Gewalt, Vergewaltigungen, Einkesseln, Aushungern, Verbrechen im Krieg,
die alle menschlichen Regeln brechen.
DENN als Jesus mit dem Tod ringt, sich qualvoll aufrichtet, um noch Luft für einen vorletzten
Atemzug zu haben, gehen seine Gedanken zu den Menschen, die aus seinem Tod ein grausames
Spiel machen. „Vater, verzeih ihnen, und erlasse ihnen ihre Schuld.“ Das ist wahrhaft Gottes
Passion, seine Leidenschaft für schuldige Menschen: „Wir empfangen, was wir verdienen“, sagt
der Mitleidende und Mitsterbende, dem verheißen wird: „Noch heute wirst du im Paradies sein.“
DENN auch wir wissen nicht, was wir tun, auch nicht, was wir tun sollen oder dürfen. Wir
täuschen uns selber, wenn wir uns hier sicher sind. Hören wir an diesem Karfreitag einmal auf
das Wort aus Jesu Mund. Und schließen uns mit ein: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist,
denn ich vertraue dir.“ Einen gesegneten Tag. Allen. Amen.


Morgenimpuls zum Karsamstag, 16. April 2022

GESTERN war es so weit. Die Sonne erlosch. Die Erde stand still. Ein Gerechter, der Gerechte
starb elendig am Kreuz. Gott stirbt am Kreuz. Und mit ihm sterben auch all die Hoffnungen, dass
wir Menschen es selber hinbekommen, diese Erde dauerhaft zum Paradies zu machen. GESTERN
tat sich die Hölle auf Erden auf. Die Sonne erlosch. Ohne Licht kein Leben. Das ist das Ende allen Lebens. Das Unrecht siegt, endgültig. Der Schmerz siegt, endgültig. Der Tod siegt, endgültig. Die Sonne erlosch.
HEUTE ist es wieder oder immer noch so weit. Die Sonne erlischt. Für viele geht sie nicht mehr auf. Menschen sind im Dunkel gefangen, kein Licht erreicht sie. Menschen sitzen im Dunkel, manche in einem Gefängnis aus Stein, manche im Untergrund, manche sind gefangen im dunklen Gefängnis ihrer Gedanken, Sorgen, Ängste. Die Sonne erlischt auch heute. Unrecht siegt, Schmerz siegt, Tod siegt. Dieser Wahrheit schauen wir ins Auge. GESTERN Karfreitag. HEUTE Karsamstag. Weiter kommen wir nicht. Heute nicht.
Seien wir realistisch. Wir kommen gar nicht weiter. Wir sind an einem toten Punkt angelangt. Klima, Korona, Krieg. Katastrophal ist unsere Lage. Die Sonne erlosch. Die Sonne erlischt.
Zumindest an einem Tag, an diesem einen Tag, am Karsamstag sollten wir das aushalten. Schon aus Solidarität mit denen, denen es jeden Tag, alle Tage, alle Zeit so geht. Kein Funken Hoffnung. Menschen können nicht mehr helfen. Weder GESTERN noch HEUTE.
Lehrtext für Karsamstag: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium. (2. Tim. 1,10)


Morgenimpuls zum Ostersonntag, 19. April 2022
Stell dir vor
Gewalt wird durchbrochen
verhärtete Momente werden aufgebrochen
solidarische Gesten sind da.
Stell dir vor
Versöhnung mit sich selber gelingt
erlösende Momente der Befreiung aus eigener Schuld
neues Aufeinanderzugehen wird möglich
tröstende Worte sind da.
Stell dir vor
Menschen werden nicht mehr für immer abgeschrieben
Verwandlung wird möglich
Ausgegrenzte finden Aufnahme in unseren Kreis
lebensfördernde Zeichen sind da.
Stell dir vor
Christus ist mitten unter uns
im Aushalten unserer Ohnmacht
im verzeihenden Miteinander
in der zärtlichen Umarmung
im unbequemen Engagement für die Menschenrechte
im solidarischen Aufbruch
im Feiern unseres Lebens
ist Christus mitten unter uns.


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