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Aus dem Vollen schöpfen – welch ein Wunder!

Impuls zu den Wundern im Johannesevangelium – Feierabend komm!

Ihr Lieben,
habe ich euch eigentlich schon gesagt, dass ich Wunder liebe?
Nicht diese großen Wunder, für die man weiß Gott was braucht.
Sondern die kleinen Wunder.
Für die man nichts braucht, außer einen ganz wunderbaren und wundervollen Glauben.
Das aus etwas ganz gewöhnlichem etwas ganz außergewöhnliches geschieht.
Eine solch wunderbare und wundervolle Geschichte haben wir schon gehört.
Aus Waschwasser wird Wein.
Aus den Krügen, aus denen sonst das Wasser zur Reinigung fließt, fließt jetzt der Wein.
Und was für einer. Ein ganz wunderbarer Wein.
Sage nicht ich. Sagt der Kellermeister.
Und der muss es wissen. Der Weinkenner.
Unglaublich. Sagt er. Ein wunderbarer Wein aus Waschwasser.
Nicht zu glauben, glauben Sie?
Glauben sie mir, es geht noch besser.
 
Eine Stadt, ein Feld, ein Brunnen.
Dazu der Mann, Jesus, der sich, von der Reise ermüdet,
auf den Brunnenrand setzte,
Mittagszeit. Er allein.
Da kam eine Frau aus Samarien auf ihn zu,
um aus dem Brunnen Waser zu schöpfen.
„Gib mir zu trinken.“
„Wie?“, fragte die Frau. „Du – ein Jude! –
bittest mich, die ich aus Samarien bin,
um einen Schluck Wasser.
Weißt du nicht, dass es keine Gemeinschaft
zwischen Juden und Samarien gibst.
Da sagte Jesus zu ihr: „Wenn du – nur du – erkennst,
was Gott dir schenken will,
wenn du – du aus Samarien! – wüßtest,
wer der Jude ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken‘
du tauschtest unverzüglich die Rollen, bätest den Juden:
‚Gib mir zu trinken‘,
und er gäbe dir Wasser aus einer Quelle,
das rein uns klar ist – lebendig!“
„Das ist unmöglich“, sagte die Frau, „du hast keine Kelle
und keinen Strick, an dem du sie herablassen kannst.
Der Brunnen ist tief – weit unten das Wasser,
lebendig, wie du sagst, aber du kannst es nicht schöpfen.
„Wer vom Wasser dieses Brunnens trinkt“, sagt Jesus,
„ist rasch wieder durstig.
Wer aber das Wasser kostet, das ich ihm schenke,
wird eine Quelle werden,
die sich tief im Innern bewegt
und unentwegt flutend das ewige Leben verbürgt,
dem es entgegenströmt.“
 
Ist das, Ihr Lieben,
nicht wunderbar und wundervoll.
Das erste Wunder, bei der Hochzeit. Der Wein geht zur Neige.
Das Fest wäre aus. Nichts ginge mehr. Rien ne va plus.
Alle wären blamiert, beschämt.
Und Jesus? Wasser wird zu Waschwasser. Normalerweise.
Jetzt wird Wasser zu Wein.
Das Fest geht weiter. Alle sind fröhlich.
Wunderbar und wundervoll.
Es braucht nur Wasser – und einen wunderbaren Glauben.
Das nichts ist, wie es scheint.
Alles ist möglich, dem der glaubt.
 
Ist das, ihr Lieben,
nicht wunderbar und wundervoll.
Das zweite Wunder, am Brunnen. Mittagshitze.
Der Brunnen tief, Jesus kann nicht schöpfen.
Die Frau aus Samarien, sie darf nicht schöpfen.
Nicht für einen Mann, nicht für einen Juden.
Miteinander reden ist verboten, jedes Wort zu viel.
Doch dann: ein Wortwechsel.
Ohne Scheu. Ohne Scham.
Die Worte der Frau: bestechend und einfach.
Ohne Kelle kein Wasser.
Die Worte Jesu: bestechend und einfach.
Lebendiges Wasser. Einmal getrunken. Für immer genug.
Das Wunder: die Quelle ist, auf einmal, in dir.
Die Quelle: du selbst.
Aus der kannst du schöpfen.
 
Wasser und Wort – so einfach sind Wunder möglich.
Alles ist möglich, dem der glaubt.
Jesus glaubt Gott.
So sehr, dass zwischen ihn und Gott kein Blatt passt.
So sehr, dass Jesus und Gott gleich scheinen.
Jesus, Mensch Gottes, Gottes Mensch.
Wie wunderbar. Wie wundervoll.
 
Ich bin begeistert. Und möchte auch so aus dem Vollen schöpfen.
Wasser reicht. Und Worte.
Und dann sind Wunder möglich. Glaube mir. Das reicht.
Um das Leben zu feiern – und die Liebe.
Um das Leben zu teilen – und die Hoffnung.
 
Weniger ist mehr. Wir hören heute Klavier. Seht doch, wie einfach.
Es ist nur schwarz und weiß. Weiß, schwarz, weiß, schwarz, weiß, weiß, schwarz.
Es ist nur schwarz und weiß. Und doch so wunderbar.
Wenn man das Weiße und das Schwarze in der richtigen Reihenfolge, im richtigen Rhythmus, im richtigen Anschlag spielt.
Wie wunderbar. Wie wundervoll.
 
Und der Computer. Da ist alles nur Null und Eins. Eins und Null.
Wenn man die Eins und die Null nur in eine richtige Reihenfolge bringt, dann ist alles möglich.
Wie wunderbar. Wie wundervoll.
 
Überhaupt ist wundervolles oft ganz einfach. Braucht nicht viel.
Aus einem Pinselstrich schafft Picasso Kunst.
Ein blaues Quadrat auf weißer Leinwand. Große Kunst.
Bauhaus. Einfache Prinzipien, klare Ordnung. Wunderbar einfach. Einfach wunderbar.
Ein Restaurant in der Vendée. Der Fisch frisch auf den Tisch.
Wunderbar einfach. Einfach wunderbar. Drei Sterne. Weltklasse.
Ganz einfach. Braucht nicht viel. Wunderbar. Wundervoll. Wunder sind einfach.
 
Weil es einfach wundervoll ist, schrecken Mächtige davor zurück.
Machen es kompliziert. Und schwierig.
Vor dem Einfachen haben sie Angst.
Vielleicht haben wir deshalb auch Angst vor Donald.
Der es sich einfach macht.
Der Krieg. Ein Ende. Ist einfach. Wäre ein Wunder. Aber mit Macht geht es einfach nicht.
Wenn es nicht einfach geht, machen Mächtige einfach dem Einfachen ein Ende.
Nennen es entartet. Verbieten es. Einfache Wunder wollen sie nicht.
Nennen Menschen Illegale. Menschen mögen sie einfach nicht.
Vielleicht haben wir deshalb auch Angst vor Donald.
Weil er wunderbar einfache Menschen nicht mag.
Angst auch vor Alice. Die wäre gerne im Wunderland.
Aber wir würden mit ihr nur ein blaues Wunder erleben.
Menschen mag sie einfach nicht. Das ist in Deutschland illegal.
Ihr Wunderland ist einfach nicht schön.
Lasst sie in Deutschland nicht regieren.
Das wäre hässlich. Führt aus Hass zum Hass.
Hass ist kein Wunder.
 
Doch zurück zum Schönen. Zum wunderbar Einfachen.
Zu den Wundern, für die es nicht mehr braucht. Als Wasser. Als Worte.
Wenn beides zusammenkommt, wunderbar.
Ich taufe dich. Auf den Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes, des Geistes. Amen.
Ihr Lieben. Das gilt. Euch.
Du bist getauft. Mit Wasser und Wort.
Ab jetzt, Achtung. Ich verrate ein wunderbares Geheimnis.
Dir ist alles möglich.
Wenn du glaubst.
Wunder geschehen.
Wir hören diese Wunder, schwarz auf weiß, heute.
Schöpfen mit den Tasten aus dem Vollen.
Danke für die wunderbare Musik.
 
Wir sehen diese Wunder.
Nur kurz. Da ist mein Vater. Er sah schlecht. Grauer Star.
Eine Operation. Ganz kurz nur. Und dann eine Verwandlung.
Er sieht gut. Wie ein Star.
Wunder geschehen.
Danke für die wunderbare Medizin.
 
Wir hören diese Wunder.
Am Telefon. Eine Frau verzweifelt. Ein Wortwechsel, am Ende einer langen Sitzung, und sie ist am Ende. Sie will an diesem Arbeitsplatz nicht bleiben. Sie muss an diesem Arbeitsplatz bleiben. Sie ist alleinerziehend. Braucht das Geld.
Ich höre mir ihre Worte an. Dann antworte ich:
„Ich habe dich gehört. Was für eine Frage soll ich dir stellen – damit du nicht länger verzweifelt bist?“
Sie schweigt.
Dann sagt sie: „Was muss sich ändern, damit ich hier nicht länger am Ende bin?“
Und dann sprudelt sie los.
Sie weiß es, genau, aber sie hat die Quelle in sich nicht gefunden.
Bis jetzt. Jetzt aber findet sie Worte, gewinnt sie ihre Fassung wieder, die Ohnmacht löst sich auf, gibt es Wege aus der Sackgasse.
Am Ende. Erleichterung. Kraft. Lösung. Nächste Schritte. Sie sieht jetzt klar, wo sie vorher nur die Sackgasse, das Ende gesehen hat. Erst ohne Ausweg. Das ist jetzt aus. Weg.
Wunder geschehen.
Danke für das wunderbare Gespräch.
 
Wenn es so einfach ist, warum braucht es dann Jesus?
Um aus Waschwasser Wein zu machen.
Um die Quelle zu entdecken, aus der wir aus dem Vollen schöpfen können.
Um zu sehen, wie es, ganz einfach, wunderbar und wundervoll sein kann.
Ich bin getauft. Auf seinen Namen.
Das ist einfach so wunderbar, weil die Quelle in mir ist, weil ich selbst zur sprudelnden Quelle werden kann, weil auch durch mich wunderbares und wundervolles geschehen kann.
 
Das ist uns verheißen. Zugesagt. Versprochen.
Ich bin sicher: Wunder geschehen. Unter uns. Ganz einfach.
Es braucht nur Ohren, zu hören,
und Worte, zu sagen.
Gott traut uns das zu.
Ist Mensch geworden. Ist Wort geworden.
Ist unser Mensch, unser Wort geworden.
Glaubst du das?
Wenn ja, auch das wunderbar, wundervoll.
Schöpfen wir daraus.
Heute und alle Tage. Amen.
 
 
Gebet
Gott, wir sind getauft. Einfach mit Wasser. Mit einfachen Worten.
Du bist die Quelle des Lebens. Du bist du bist die Quelle unseres Lebens. Aus dir schöpfen wir, Tag für Tag.
 
Aus dir, Gott, schöpfen wir, das rechte Wort zur rechten Zeit.
Mit dem sich Wege auch aus Sackgassen eröffnen, das Festgefahrenes löst, das Trauer in Freude verwandelt. „Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir. Ich löse, was dich gefangen hält. Du bist frei.“
Aus dir, Gott, schöpfen wir, aus deinen Worten, das rechte Wort zu rechten Zeit.
Wir bitten dich:
Gib uns die richtigen Worte für die Menschen, die auf ein gutes Wort angewiesen sind. Ich denke an Menschen, die eine schlechte Nachricht empfangen haben. Ich denke an die Menschen, die sich guten Nachrichten verschließen. Ich denke an Menschen, bei denen Worte vieles zerstört haben. Ich denke an Menschen, deren Worte vieles zerstören.
Gott, wir vertrauen auf dich und dein Wort. Lass uns aus dem Vollen schöpfen.
 
Aus dir, Gott, schöpfen wir, das rechte Wort zur rechten Zeit.
Jesus hat gesagt: In der Welt habt ihr Angst.
Und wahrlich, es ist vieles zum Fürchten in diesen Tagen.
Ich spüre, wie sich die Furcht ausbreitet, auch auf unseren Straßen, auch in unseren Städten. Wir sind uns nicht mehr sicher.
Manchmal suchen wir nach einfachen Losungen, einfachen Parolen, einfachen Lösungen. Als ob es dann einfach besser würde.
Jesus hat gesagt: In der Welt habt ihr Angst. Die Angst gehört zum Leben, das hat er gesagt. Und doch war das nicht das letzte Wort.
Seit getröstet und seid getrost: ich habe die Welt überwunden.
Wir bitten dich: Wo immer es Grund gibt, sich zu fürchten, wo immer Furcht und Schrecken sich ausbreiten, wo immer Menschen in fürchterlichen und schrecklichen Lebenslagen sich befinden: gib uns ein Wort, das tröstet. Gib uns das Wort, das aufrichtet. Gib uns das Wort, das Zuversicht auslöst. Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn. Alle Träume werden wahr.
 
Gott, du hast gesagt: Wir werden sein wie die Träumenden. Gib uns heute schon den Traum, dass wir aus deiner unerschöpflichen Quelle schöpfen. Lass uns hoffen und vertrauen, glauben und lieben. Heute und alle Tage. Amen. 

Nachlese zum Weihnachtsoratorium

Geistlicher Impuls für den RC Düsseldorf

Pfarrer Falk Schöller, 15. Dezember 2024

Liebe rotarische Familie,
nach Gesprächen, nach gemeinsamen Erlebnissen, nach Beratungen verfasse ich gelegentlich
Nachlesen. In einem Mail verdichte ich meine Eindrücke – verdichten im doppelten Sinn. Ich
komprimiere, fasse zusammen, und ich verdichte, fasse in Sprache, in Worte, was mir nachgängig als
besonders und als wichtig in Erinnerung geblieben ist.
Bei Rotary ist das mein Amt, als Schriftführer. Aber es ist auch mein Beruf, als Schriftgelehrter. Ich
habe einst gelernt, das nachzulesen, was andere geschrieben haben, und auch nachzuspüren,
welche Erlebnisse und Erfahrungen dem Geschriebenen zugrunde liegen. Um daraufhin dies neu in
Worte zu fassen, in eigene Worte – eine Übersetzung und Übertragung. Manches Mal geschieht dies
auf der Kanzel, dann lese ich meine Auslegung vor und trage so den alten Text in neuer Form zu
Menschen, die hoffentlich zuhören. Manches Mal geschieht dies in Protokollen oder Mails, dann
lesen Menschen, die hoffentlich aufmerken und verstehen.
Heute will ich eine kleine Nachlese wagen zu dem, was wir eben gehört haben. Zum
Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach. Er hat verdichtet und vertont, was ihm beim
Nachlesen und Nachspüren der Weihnachtsgeschichte wichtig geworden ist. Vor knapp dreihundert
Jahren ist das WO entstanden, in gut dreihundert Kilometer Luftlinie ist es 1734 in Leipzig
uraufgeführt worden. Eindrucksvoll dazu auch der neue ARD-Spielfilm, Bach – ein
Weihnachtswunder, diesen Mittwoch, 20.15 Uhr in der ARD und schon jetzt und jederzeit in der
Mediathek.
Doch zurück zum Gehörten, Erlebten, Erspürten eben in der Johanneskirche.
Was ist unserer Erinnerung würdig – was erinnere ich, in jedem Fall?
Um Menschen in ihrem Alltag zu unterbrechen – die kürzeste Definition von Religion ist nach
Johann Baptist Metz Unterbrechung – um eine solche Unterbrechung zu erreichen und unsere
Aufmerksamkeit zu gewinnen, braucht es Pauken und Trompeten. Dem Anfang des
Weihnachtsoratoriums liegt ein besonderer Zauber inne. Paukenschläge und Trompetenfanfaren
sind die Ouvertüre, der Auftakt, mit dem wir eingestimmt werden. Um sofort aufgefordert werden,
sich ganz und gar auf das Geheimnis der Weihnacht einzulassen. Jauchzet. Frohlocket. Auf. Preist die
Tage, Rühmt, was heute der Höchste getan.
Das entscheidende Wort dabei ist „heute“. Heute ist Weihnachten. Gottes Handeln ist kein
vergangenes Geschehen, sondern ganz und gar gegenwärtig. Heute, heutzutage, handelt Gott hier
an dir. „Lasst das Zagen. Verbannt die Klagen.“ So stimmt Weihnachten. So stimmt uns
Weihnachten. Frohlocken. Das ist Freude in ihrer unübertrefflich gesteigerten Form. Und dies wird
wieder und wieder wiederholt. Das einmalige Geschehen in Bethlehem wird wieder und wieder in
unsere Gegenwart, in unser Leben, in unsere Gestimmtheit geholt. „Tönet ihr Pauken. Erschallet ihr
Trompeten.“ Lasst euch unterbrechen!
So weit der Auftakt. So weit einmal vorab. Schon vor Weihnachten drang heute an unser Ohr, wie
wir Weihnachten feiern. Der Heilige Abend, die Heilige Nacht – jetzt sind sie eingestimmt auf das
Christfest. Für uns, die wir des Wartens unfähig geworden sind, wird es vorweihnachtlich
weihnachtlich. Unterbrechen wir also, um zu frohlocken. Weihnachtseros pur.
Auf diesen Paukenschlag zu Beginn folgt ein Rezitativ. Bach erinnert an die biblische Geschichte,
setzt sie nicht als bekannt voraus, sondern ruft sie in Erinnerung. Solche Erinnerung ist notwendig,
gerade wenn der geistige Grundwasserspiegel sinkt und die Grundlage des Glaubens in
Vergessenheit zu geraten droht. „Es begab sich aber zu der Zeit.“
Nun sind wir also wachgerüttelt und erinnert. Was hat der Höchste getan. Aber was hat er uns
getan? Es folgt die erste Arie kommt. Arien sind im Weihnachtsoratorium die Momente der
Innerlichkeit, des Nachklingens und Nachspürens. Das äußere Geschehen wird ins innere Erleben
verlagert, hineingezogen. Eine Übersetzung, Überführung, Übertragung vom Ohr ins Herz. „Bereite
dich, den Liebsten bald bei dir zu sehen.“ Das ist ein Liebeslied. „Noch ist Gott nicht bei dir
angekommen, noch bist du dazu nicht bereit.“ Das weiß Bach. Er kennt uns. Und er weiß auch, dass
nur die Liebe stark genug ist, um uns wirklich zu verändern. Ein Liebeslied erklingt also, dringt an
unser Ohr. Begleitet von der Oboe d’amore. Bereite dich vor – ein innerliches, intimes, zärtliches,
liebliches Geschehen. „Bereite dich. Eile dich. Deine Wangen müssen heute viel schöner prangen.“
Bach beschreibt die Liebe zu Gott als eine echte, erfahrbare, persönliche Liebe. Glaube ist eine
Herzensangelegenheit, zuallererst. Gott ist Person – wird Mensch, und kommt so aus dem
abstrakten einer höheren Macht („der Höchste“) in ein konkretes Gegenüber („den Liebsten“). Es
geht, um es in frommer Sprache zu fassen, um die persönliche Beziehung zu Jesus, dem Christus.
Der für mich, mit mir, um mich ist, in guten wie in schlechten Tagen. Das Weihnachtoratorium ist
wie eine Einladung zum Hochzeitsfest, zu meiner Hochzeit mit Jesus. Das klingt für heutige Ohren
seltsam, romantisch, idealistisch – aber so bekommt der Glaube einen eigenen Platz, ist nicht Moral
oder Verstand, sondern eine eigene Provinz im Gemüte. (F.D.E. Schleiermacher)
Doch Bach weiß auch, dass wir als Einzelne nicht nur gefordert, sondern überfordert wären, würde
Weihnachten nur ein privates, individuelles Fest sein. Glaube geht nur in Gemeinschaft. Deswegen
folgt auf das intime Du der Liebesarie das stimmungs- und stimmenvolle Wir der Gemeinde, der
Choral. „Wie soll ich dich empfangen? Wie begegne ich dir?“ Wir sind alleine nicht in der Lage, das
Weihnachtsgeheimnis zu erfassen. Und so erhebt sich der Gemeindechoral, der volle Klang der
Gemeinschaft. Aber nicht in Selbstwirksamkeitsüberzeugung, sondern im gemeinsamen Fragen,
mehr noch im gemeinsamen Bitten. An Weihnachten erleuchtet zu werden, von Gottes Ankunft
mitten unter uns berührt zu werden – das ist nicht menschliche Möglichkeit, sondern liegt allein in
Gottes Hand. „O Jesu, Jesu, setze mir selbst die Fackel bei, damit was dich ergötze, mir kund und
wissend sei.“ Gemeinsam zu bitten, dass Gott mit seiner Liebe, seinem Frieden, seiner Schönheit
unter uns ist, dazu singt die Gemeinde gemeinsam den Choral. Und alle stimmen ein, in die
vertraute Melodie.
Die vertraute Melodie ist dieselbe, auf die „O Haupt voll Blut und Wunden“ gesungen wurde. Krippe
und Kreuz gehören zusammen. Weihnachten, Karfreitag und Ostern sind untrennbar ein und
dasselbe Geschehen. So hat auch die düstere Seite des Lebens, der conditio humana, ihren Platz,
klingt an. Es ist nicht naive Glückseligkeit, eine Weltflucht, sondern eine gereifte Freude, Folge von
Gottes Weltsucht: Gott kommt zu uns auf diese Welt, so wie sie ist. Göttlicher Realismus führt zu
menschlichem Idealismus: eine andere Welt ist möglich.
Lohnend wäre nun ein Durchgang durch da ganze Weihnachtsoratorium, doch das würde eine
verdichtete und verdichtende Nachlese sprengen. Es sind ja noch ein paar Tage bis zum Heiligen
Abend – an Stunden und Tagen mangelt es nicht, dass wir selber nachlesen, was wir gehört haben.
Um dann, wenn es so weit ist, in das Jauchzet, frohlocket erneut einzustimmen.
Ein letzter Gedanke sei mir noch erlaubt. Ein kleiner, fast unscheinbarer Einschub in einem Rezitativ
aus dem fünften Teil, gedacht für den Sonntag nach Neujahr, sei für das neue Jahr uns mitgegeben,
auf dass es uns das ganze Jahr trage.

„Wohl euch, die ihr dies Licht gesehen.
Es ist zu eurem Heil geschehen.
Mein Heiland, du, du bist das Licht,
das auch den Heiden scheinen sollen,
und sie, sie kennen dich noch nicht,
als sie dich schon verehren wollen.
Wie hell, wie klar muss nicht dein Schein,
geliebter Jesu, sein!“

Es ist uns an Weihnachten eine Wohltat geschehen. Zu unserem Heil. Heil meint, als Übersetzung
des hebräischen Schalom, eine umfassende Wohlordnung, ein alles umspannender Friede, der
Menschen und Tieren, der ganzen Schöpfung gilt. Und der auch in all unsere Beziehungen
einstrahlt, in die Familien- und Freundeskreise. Ein Friede, der aller Welt gilt. Das Geheimnis von
Weihnachten erschließt sich dem, der es universal denkt. Nicht als etwas, das bloß auf die eigene
Konfession, das eigene Bekennen, auf die eigene Religion, die eigenen Wurzeln, zurückweist und bei
sich und den Seinen bleibt. Das Gegenteil ist wahr: Das Geheimnis, dass Gott Mensch wird, um uns
und alle zu erlösen, um wirklich allen Menschen und Geschöpfen den Frieden, den Schalom zu
bringen, ist universal, gilt dem ganzen Universum.
Im Namen Gottes also: Friede mit dir. Friede mit euch. Friede allen, allerzeiten und allerorten. Ein
solcher Glaube ist keine Engführung, sondern eine Führung in die Weite, in den Horizont des
offenen Himmels. Das haben wir gehört. Wollen wir es glauben. Um dann das Glück in der höchsten
Form zu erleben: Jauchzet! Frohlocket! Auf preiset die Tage. In diesem Sinne also, so sei es. Mit
einem Wort: Amen.
Pfarrer Falk Schöller

Barmherzig wie Nikolaus

Impuls zum 6. Dezember – barmherzig wie Nikolaus

Haben Sie etwas geerbt? Geld oder Gut? Güter und Güte?
Wenn sie etwas geerbt haben, dann meistens beides.
Materie, Materielles. Ein Haus, ein Grundstück. Ein Vermögen.
Aber auch Immaterielles. Das Vermögen, etwas aus sich zu machen.
Talent. Im Griechischen doppeldeutig.
Ein Talent. 60 Kilogramm. Aus Gold oder Silber. Ein Vermögen.
Ein Talent. Eine Begabung. Aus der Gold oder Silber entstehen kann. Ein Vermögen.
Ein Talent ist immer ein Potenzial.
Ich kann etwas daraus machen.
Talent und Talent, materiell und immateriell, gehen sehr oft zusammen.
So sagen es die Sozioökonomen. Die haben das untersucht.
 
Talente zu erben, zu bekommen, zu haben, das hat sich keiner verdient.
Aus seinen Talenten etwas zu machen, das dient anderen.
Aus seinen Talenten nichts zu machen, das dient anderen nicht.
 
Keine Talente zu erben, nicht zu bekommen, nichts zu haben, das hat keiner verdient.
Aber das gibt es.
Keine Talente zu haben, nichts zu haben und nichts aus sich zu machen.
Das gibt es. Leider.
 
Von einer ganz talentfreien Familie will ich erzählen.
Sie hat nichts. Und sie kommt zu nichts.
Das Leben ist hart. Das Klima ist hart.
Trocken geblieben ist der Boden. Dürre Zeiten.
Trocken geblieben ist der Verstand. Dürre Zeiten.
Vor lauter Dürre haben viele ihren Dienst eingestellt.
Landwirte. Lehrer.
Das Leben verdorrt.
Die Familie hat leider kein Talent, etwas aus dieser Situation zu machen.
Die Familie hat leider keine Talente, um sich aus dem Staub zu machen.
Und so bleiben sie. Not gedrungen. Ein Vater, eine Mutter, drei Töchter.
 
Um zu überleben, übergeben sich drei Töchter an einen, der das verkauft, was sie haben. Ihre Körper. So überleben sie. Aber es ist ein Elend.
 
Da kommt einer, der hat viele Talente. Gold und Gut. Er hat, weiß Gott, genug. Er kommt mit einem Schiff, voll beladen. Das Schiff legt in Myra an. Ein Zwischenstopp nur. Er hält an, steigt aus. Und er sieht die Armut, das Elend. Mit seinem Gold kann er sich hier alles kaufen. Mit seinem Gold kann er sich hier alle kaufen. So groß ist das Elend.
 
Er vertraut darauf, dass er aus seinen Talenten etwas machen kann. Dass er genug ist, um aus sich genug zu machen. Und so verzichtet auf die Talente, die er abgeben kann. Auf das Gold. Drei Goldklumpen hat er. Und in einer dunklen Nacht wirft er die Goldklumpen in die Wohnung der armen Familie. Eins, zwei, drei. Nun hat er keine Talente mehr, für die er sich alles kaufen kann, sondern nur noch die, die er entwickeln kann. Er hat verzichtet, alles zu kaufen, was es gibt, Gott sei Dank. Viele Männer, die meisten, hätten es anders gemacht. Aber er kauft nicht, er schenkt.
 
So haben die, die kein Talent hatten, nun Talente. Und können das Leben anders leben. Sie können jetzt etwas aus sich machen. Sie müssen sich nicht länger verkaufen. Sie können sich kaufen, was sie brauchen. Lebensmittel – Mittel zum Leben. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Sondern auch vom Wort, von der Bildung. Und so nutzen sie die Talente, die sie bekommen haben.
 
Der seine Talente so verschenkt hat, das war Nikolaus. So wird es erzählt. Der seine Talente so entwickelt hat, das war Nikolaus. So wird es erzählt.
 
Mit seinen Talenten trägt er dazu bei, dass sich Menschen auf ein gemeinsames Bekenntnis einigen. Streit kommt an ein Ende, Versöhnung wird geschaffen. Mit seinen Talenten trägt er dazu bei, dass Kinder erzogen werden – und beschenkt werden. Er wird Bischof. Leitet Kirche. Leitet sie so, wie Christus es gewollt hat. So wird es erzählt.
 
Am Nikolaustag erzählen wir gelegentlich nicht nur von den süßen Geschenken, sondern auch von den harten Strafen. Da wird gefragt: hast du deine Talente gut gebraucht, hast du einen Blick für andere gehabt. Dein Essen und Trinken geteilt? Deine Türen geöffnet? Dich um Kranke gekümmert? Einsame besucht und eingeladen? Am Nikolaustag wird, ganz alltagspraktisch, in den Blick genommen, worauf Jesus unseren Blick gelenkt hat: haben wir etwas aus dem gemacht, was uns geschenkt wurde? Haben wir etwas aus unseren Talenten gemacht?
 
Wir sind mitten im Advent. In Zeiten, in denen auch sichtbar wird, wie talentfrei so vieles ist und so viele sind. Wenn wir Talente haben, seien es Goldklumpen oder seien es Begabungen, dann sollten wir sie nutzen. Gott will das so.
 
Daran erinnert uns Nikolaus. Heute. Nicht zu verwechseln mit dem Weihnachtsmann. Der will nur unsere Goldklumpen. Für sich. Nikolaus will sie nicht, nicht für sich. Nikolaus hat uns ein Beispiel gegeben. Damit wir geben, was wir haben. Für die Menschen, die Gott geschaffen hat. Für die, die manche arme Teufel nennen. Weil sie einfach kein Talent und keine Talente haben.
 
Im Advent sind sie es, die besonders darauf hoffen, warten, sich sehnen, dass endlich der Himmel aufgeht, ein volles Schiff kommt, dass die Not ein Ende hat. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins. Bald zwei, drei, vier. Christus steht vor der Tür. Arm und bedürftig. Vor unserer Tür. Amen.
 
Psalm – Wünsche für das Leben
Gott gibt uns Menschen Wegweiser,
wenn wir die Spur verloren.
Öffnen wir nach innen unsre
Augen, unsre Ohren!
 
Gott gibt uns Menschen Nahrung,
wenn wir ausgehungert sind,
wenn Geist und Seele dürsten,
denn er ist uns wohlgesinnt.
 
Gott gibt uns ein Gedächtnis für die
Wege, die wir gingen.
In der Erinn’rung sehen wir
so vieles schon gelingen.
 
Gott lässt und Menschen träumen,
schenkt uns Wünsche für das Leben.
Er wird uns, was wir brauchen, gern
mit vollen Händen geben.
 
Gebet (gemeinsam)
Gott, mit vollen Händen erwarten wir dich.
Je leerer unsere Hände, desto größer unsere Erwartung.
 
Gott, mit hellem Licht erwarten wir dich.
Je dunkler unser Leben, desto leuchtender unsere Hoffnung.
Gott, mit großem Werkzeug erwarten wir dich.
Je mehr wir gefesselt und gefangen sind, desto mächtiger unser Vertrauen.
 
Gott, sei uns gnädig. Und verzeih unsere Ungeduld. In diesen Tagen. Komm. Einfach. Amen.
 
Segen
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mir hilft in meiner Not.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich erfüllt mit seinem Trost.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich hält in seiner Hand.
Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst:
Niemand ist da, der mich leitet und begleitet
Auf allen meinen Wegen –
Tag und Nacht.
Sei gut behütet und beschützt.

Vorbildhaft teilen

Evangelische Gedanken zum Martinstag

Barmherzig war der Samariter. Von Jesus als Vorbild hingestellt. Wir sollen nachmachen, nachahmen, nachfolgen. Auf den Spuren des Samariters sein. Ein Ausländer, ein Außenseiter, ein Ungläubiger wird zum Maßstab. „Sucht nach Vorbildern auch außerhalb eurer eigenen Blase.“

Ich will von einem Berufssoldaten erzählen, einem Berufskrieger wider Willen. Es war 15 Jahre, fast noch ein Kind, als er zum Kriegsdienst gezogen wurde. Ungetauft uniformiert – aber nicht uniform im Verhalten, im Gegenteil. Ein Sonderling. Gütig war er zu seinen Kameraden, wunderbar in seiner Nächstenliebe, geduldig, bescheiden. „Ein Schaf im Wolfspelz“, „ein Mönch als Soldat“, „ein barmherziger Samariter 2.0“. Er tat, was Jesus gefallen hätte: Kranken stand er bei, Arme unterstützte er, Hungernde nährte er, Nackte kleidete er. Von seinem Sold behielt er nur das für sich, was er für das tägliche Leben benötigte. Bemerkenswert, überaus. Würden wir das bei einem Soldaten vermuten?

Überliefert ist eine besondere Geschichte. Mitten in einem außergewöhnlichen Winter, die Kälte forderte viele Tote, begegnete er einem nackten Armen. „Erbarm dich meiner“, flehte er alle an, die an ihm vorübergingen. Ans Stadttor hatte er sich gesetzt: einer wird sich doch erbarmen, einer der Händler, einer der Ratsleute, einer vom Geldadel. Aber niemand erbarmte sich.

Da kam der Soldat vorbei. Nichts hatte es, außer seinen Mantel und sein Schwert. Er teilt den Mantel, gibt die Hälfte dem armen nackten Mann, mit der anderen Hälfte hüllt er sich ein. Aber seine Hilfe taugt nicht zum Vorbild, sondern zum Spott: Etliche der Umstehenden begannen zu lachen, denn Martin sah mit dem halben Mantel kümmerlich aus. Andere wiederum empfanden Scham: Sie haben nicht geholfen, obwohl sie nur etwas vom Überfluss abgeben hätten müssen, ohne sich selber die Blöße zu geben. Spott und Scham, zwiespältige Reaktionen. Damals.

In der folgenden Nacht identifiziert sich Jesus mit diesem armen Nackten: Ich wurde bekleidet – der Soldat hat sich Gottes erbarmt. Mit 18 Jahren lässt sich der Soldat taufen. Wir kennen seinen Namen: Martin. Ein Soldat, der Gott geholfen hat. Gott hat sich finden lassen, in diesem Mann, der fast erfroren war, dem der Kältetod drohte.

Der barmherzige Samariter, der barmherzige Martin. Das ist eine Facette. Vorbildhaft teilen sie, geben, was sie haben. Geben mehr als andere. Sie sind leichtende Vorbilder. Zurecht laufen wir durch die Straßen, die Laternen und die Kinderaugen leuchten, wenn der Soldat auf dem hohen Ross durch unsere Straßen zieht. Am Ende – ein Feuerwerk.

Doch die andere Facette ist auch da. Die nackte Armut, die geschlagenen Existenzen, die geschlagenen Menschen am Rand unserer Gesellschaft, die wirr durch unsere Straßen Irrenden, die Menschen in den Notarztwägen und Notaufnahmen. Sie haben keinen Namen, sie bekommen keinen Namen. Und doch stehen sie, wie im Bild von Aimé Morot, im Mittelpunkt: Seht her! Es ist Christus!

Aimé Nicola Morot malt sein Bild 1880, in Zeiten der Verarmung und Verelendung vieler Menschen durch die Industrialisierung. Er stellt den Armen ins Zentrum, dem vom Kreuz abgenommenen Christus ähnlich. Seht her! Es ist Christus!

Ich will, für einen Moment, den Blick von den Menschen wegrücken, die wir so gerne stilisieren: den Soldaten, den Samariter. Sie haben, Gott sei Dank, die richtige Einstellung, die richtige Haltung, ausreichend Zeit und Ressourcen um zu helfen. Ihnen sollten wir, um Gottes und der Menschen willen, nachfolgen. Ich will den Blick auf die Menschen rücken, deren Elend wir übersehen, die unansehnlich sind, derer wir uns schämen sollten, als Einzelne und als Gesellschaft. Die vielen, die unter die Räuber fallen und geschlagen, zerschlagen, zertreten sind, an Leib und Seele, die vielen, die unter der Kälte leiden, an Leib und Seele, die vielen, an denen achtlos vorübergegangen sind, die nicht beachtet werden, deren Not nicht gesehen wird, an Leib und Seele: Christus lebt mitten unter uns.

Menschen können aus der Kirche austreten – aber Christus tritt nicht aus unserer Welt aus.

Ich finde, diese Botschaft gilt es zu teilen, weiterzusagen: Immer noch ist Christus mitten unter uns, und er braucht uns. So wie damals auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho. So wie damals im Stadttor von Amiens. Heute, hier in Krefeld.

Und ich bin gewiss: Wenn wir diesen Christus wieder unter uns sehen, dann wird es hell, dann zieht das Licht ein. „Ich bin das Licht der Welt. Wer an mich glaubt, wird nicht in der Finsternis bleiben. Sondern das Leben haben. Heute und alle Tage. Bis an der Welt Ende. Amen.

Gedanken zum Reformationsfest 2024

Citykirchenpfarrer Falk Schöller

Menschen sind wichtig.
Nicht viele, aber wenige.
Manchmal sogar nur einige wenige.
Sie bestimmen über das Schicksal von Nationen.
So blicken viele gespannt und angespannt in die USA.
Donald Trump oder Kamela Harris.
Mann oder Frau.
Weiß oder People of Colour.
Zweite Wahl oder erste Wahl.
Einheimischer oder Migrant.
Es gibt eine Wahl – in einem zutiefst gespaltenen Land.
Eine Wahl eines Menschen, einer Person.
Ein entweder oder.

Wir leben in einer Zeit, in der einzelne Personen ins Scheinwerferlicht rücken.
Wir konzentrieren und auf die, konzentrieren vieles auf sie.
So wird kompliziertes einfach.
Das geht nicht nur in den USA, das geht auch in Europa.
Von der Leyen. Meloni. Orban.
Selenski. Putin.
Manches Mal machen sogar Personen Parteien.
Die Person ist das Programm.

Das gilt nicht nur für die Politik.
Lindenberg, Grönemeyer, Westernhagen.
Adele, Tylor Swift, Beyoncé.
Das sind Menschen, die ziehen andere millionenfach in ihren Bann.
Andere sind millionenfache Millionäre, unvorstellbar reich.
Jeff Bezos, Elon Musk. Marc Zuckerberg.
Ihr Geld regiert die Welt.

All das ist nicht neu.
Vor dreitausend Jahren regierten in Ägypten die Pharaonen die Welt.
Vor zweitausend Jahren in Rom die Cäsaren.
Aus Menschen wurden Götter, wurden Göttes gemacht.
Sie wurden verehrt, forderten die Verehrung als Gott ein.
Heil oder Unheil hängt an einzelnen Personen.

Wir haben das verstanden.
Der Mensch ist wichtig.
Deutschland sucht schon lange den Superstar
Bauer sucht Frau.
Bei Voice of Germany drehen sich die Stühle und es heißt:
I want you. Ich will dich.
In meinem Team. Mit Haut und Haar.

Um gewollt zu sein, müssen wir viel tun.
Besonders gut singen, besonders gut springen.
Besonders gute Worte haben, besonders gutes Aussehen haben.
Besonders viele Fragen beantworten.
Besonders schnell schwimmen, rennen, laufen.
Dann wird einem Lange die Krone aufgesetzt.
Man ragt aus der Masse heraus, rückt in den Fokus, ist endlich im Blickpunkt.
Man steht oben auf der Treppe, einen Ballon d’or für die besten Fußballer.
Rodri, Kane, Mbappe.
Es ist alles Gold, was glänzt.

Ein wenig wollen wir von diesem Glanz auch abhaben, selbst glänzen.
So entsteht ein Kult um die Person.
Wir können uns dem schwer entziehen.
Fitnessstudios, Beauty Salons, Schönheitskliniken.
Schöner Wohnen und schönes Aussehen.
Ein wenig sollen auch wir glänzen.
Seht her. Das ist im Fokus unseres Selbstauslösers.
Das sind die Höhepunkte unseres Leben.
Der tolle Ort, das gute Essen, die netten Menschen.
Immer geht es um den schönen Schein, das rechte Licht.
Wir wollen einfach auch glänzen, kein Wunder.

Menschen sind Kult.
Manchmal andere, manchmal wir,
Manchmal ferne, manchmal nahe.
Das Image ist wichtig.
Das glänzende Image, das gute Bild.
In das wir andere rücken, in das wir uns selbst rücken.
Und das lassen wir uns etwas kosten.
Wahrlich.

Und wir, hier und heute?
Entziehen wir uns diesem Personenkult?
Oder sind wir gerade als christliche Kirche nicht mittendrin?
Wenn wir gerade heute am Reformationstag eine Person in den Mittelpunkt rücken. Eine, die wir nicht sehen können.
Jesus, den Gekreuzigten.
Christus, den Auferstandenen,
Jesus Christus, den in den Himmel gefahrenen.
Einen, von dem unser Heil abhängt.
Einen, der uns trägt, im Leben und im Sterben.
Einen, der unsere Hoffnung ist.
Jesus Christus.
Mache werfen der Kirche vor, diesen einen vergessen zu haben.
Manche glauben, wir vergessen, Jesus Christus ins Zentrum zu rücken.
Weil wir selbst im Zentrum stehen.
Weil wir uns nur noch um uns selbst kreisen.
Als Einzelne.
Aber auch als Gemeinden und Kirchen.
Weil Fragen nach Gebäuden, Finanzen, Strukturen dazu führen,
nicht mehr auf die Person zu schauen und zu vertrauen,
der wir doch uns zuallererst verdanken:
Jesus Christus.
Wir drehen uns nur noch um uns selbst – und alles dreht sich um Personen. Im Hier und Jetzt. Wenn wir uns das als Tanz vorstellen, so wären alle wie Derwische – sich um sich selbst kreisende Menschen, die irgendwann all das Gefühl für Raum und Zeit, für sich und andere verloren haben. Sie kreisen nur noch um sich selbst, sind sich selbst genug.
Der Reformator Martin Luther nannte das Sünde.
So, im ständigen Kreisen um sich, gewinnt der Mensch nichts.
Er verliert sich.
Und verausgabt sich.
Vor 500 Jahren gehörte dazu, sich und vieles von seinem Hab und Gut auszugeben, um sich selbst zu retten.
„Die Münze in dem Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt.“
Wir könnten ja mal überlegen,
wofür wir unser Hab und Gut ausgeben,
wofür opfern wir unsere Zeit opfern,
damit wir uns um uns kreisen können?
Wo tanzen wir wie Derwische immerzu im Kreis?

Wir sind heute aber hier,
um nicht wie Derwische zu tanzen,
nicht um die goldenen Kälber unserer Tage,
uns nicht auf falsche Alternativen einzulassen.

Wir sind heute hier, am Reformationstag, damit es nicht heißt:
Jude oder Grieche,
Freier oder Sklave,
Reicher oder Armer,
Mann oder Frau.
Wir sind heute hier, am Reformationstag, weil wir uns erinnern:
Gott will, dass das ganze Leben eine Buße sei
– und damit in Verantwortung vor Gott uns den Menschen gelebt wird.
Wir sind heute hier, weil wir uns nicht freikaufen wollen,
sondern festhalten, feststellen, festmachen wollen:
Wir sind bereits freigekauft.
Von allem.
Im Leben und im Tod.
Durch eine Person:
Jesus Christus.

Der Christenmensch ist ein freier Mensch.
Niemandem untertan.
Niemandem unterworfen.
Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht.
Jedermann untertan.
Jedem Menschen zu Diensten.

Der christliche Glaube ist von Anfang an ein Gegenentwurf.
Gegen die Vergötterung von Menschen.
Gegen die Vergötterung von Macht.
Gegen die Vergötterung von Geld.
Gegen die Vergötterung von höher, schneller, weiter.
Jesus Christ – no Superstar.

Es ist verrückt, was in dieser Welt geschieht.
Wenn Menschen sich darauf wirklich einlassen.
Ein Wunder.
Kinder ohne Familie, ohne Zukunft bekommen eine neue Familie, ein neues Zuhause.
Menschen, die ihre Heimat verloren haben, finden eine neue Heimat.
Sie feiern ihren Glauben in unseren Räumen, unter dem Dach der Kulturen hat ihre Kultur Raum.
Menschen, die auf der Straße leben, finden Unterkunft, bekommen Essen, können sich frisch machen.
Orientierungslose Menschen treffen einen Punkt, an dem sie willkommen sind, sie werden begleitet.
Kranke werden versorgt und gepflegt.
Alte Menschen, dement und alleingelassen, können im Pflegeheim in Würde das Leben beenden.

All das ist alles andere als selbstverständlich.
Es ist Folge davon, dass wir in der Konzentration auf eine Person, Jesus Christus, in jedem anderen Menschen diesen Jesus Christus sehen.
Weil wir, mit einer Handvoll Wasser, einem Bissen Brot, einem Schluck Wein, aus ganz wenig ganz viel bekommen.
Jesus Christus in uns – und in jedem Menschen.
Gott will, dass allen Menschen geholfen wird.
Nicht Mann oder Frau, nicht Jude oder Grieche, nicht Sklave oder Freier.
Wir sind alle eins in Christus.

Die Reformation hat gewollt, dass jeder Mensch dies selbst versteht, dass dies selbstverständlich ist.
Keine andere Person muss uns dies vermitteln.
Wir sind in der Lage sind, selbst zu lesen und zu verstehen.
Dazu hat Luther die Bibel in seine Muttersprache übersetzt.
Dazu wurden in Luthres Vaterland Schulen gegründet.
Dazu wurden landauf landab Kirchen besucht, ob sie diese gute Botschaft wirklich unter die Menschen bringen.
Der Abstand zwischen „denen da oben und denen da unten“ wurde aufgehoben.
„Es weiß ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche ist.
Nämlich die heiligen Gläubigen und die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören.“
Heilig ist das, was im Alltag geschieht.
Heilig ist das, was vor Ort passiert – wenn Menschen in ihrem Leben auf Gott hören.
Das ist, angesichts des Lärms, den wir um uns und um andere Personen machen, schwer zu hören.
Aber es ist möglich.
Aufzuhören, aufzuhorchen.
„Jesus Christus ist das eine Wort Gottes.“
Dieses eine Wort, diese eine Person ist wichtig.
Und diese ziehen wir dann in unser Leben hinein.
Heil sein und Heil werden hängt daran, dass wir uns diesen Christus anziehen.
Nicht einige wenige, sondern möglichst viele.

So angezogen beginnen wir zu tanzen.
Jetzt aber nicht wie Derwische,
sondern miteinander, füreinander, aufeinander zu.
Im Kindergarten singt und tanzt es,
auf den Jugendfreizeiten und bei den Musicals wird gesungen und gelacht,
Chöre füllen den Raum,
Im Pflegeheim wird im Sitzen getanzt,
und so mancher Freudentanz wird im Krankenhaus aufgeführt,
wenn Menschen wieder gesund werden.

Menschen sind wichtig.
Nicht wenige, sondern alle.
Das ist unsere Wahl.
Das ist das Programm der Wahl.
Nicht unserer Wahl, sondern Gottes Wahl.
Gott hat schon gewählt.
Er hat uns gewählt.
Nicht dich oder mich – sondern dich und mich.
Und daraus folgt:
Nicht alles muss Gold sein, was glänzt.
Wir glänzen, so wie wir sind,
mit unserem Fühlen und Wollen,
unserem Denken, Reden und Handeln.
Wir folgen Gott, der uns gewählt hat.
Das ist der wahre Reichtum und die wahre Macht.
Uns geschenkt in einer Person.
Jesus Christus.
Amen.

Schwerter zu Pflugscharen – Wege zum Frieden

Gedanken von Citykirchenpfarrer Falk Schöller

Wann sind sie endlich da? Die letzten Tage. Unserer Welt. Unseres Lebens.
Wann kommen sie endlich? Die letzten Tage.
Noch sind sie nicht da, nicht abgebrochen.
So leben wir in den vorletzten Tagen.
Das Leben an den vorletzten Tagen ist anstrengend. Sehr.
 
So denke nicht ich, so denkt Micha. Ein Prophet.
2800 Jahre sind seine Gedanken alt. Und immer noch aktuell.
Er ist es leid, diese ständige Sorge an den vorletzten Tagen.
Zu seiner Zeit herrschten verschiedene Könige. Immer wieder wechselten die Regierungschefs.
Zu seiner Zeit herrschte Krieg. Und es herrschten Unrecht und Ungerechtigkeit. Und Ausbeutung und Elend.
Micha sehnt sich danach, dass es anders wird.
Manches Mal hofft er auf Gott. Dass er es anders macht.
Manches Mal hofft er auf Menschen. Dass sie es anders machen.
 
Mir geht es wie Micha. Ich sehne mich auch danach, dass es anders wird.
Weniger Leid. Weniger Schmerz. Weniger Trübsal.
Weniger Kriege. Weniger Terror.
Weniger Streit. Im Großen wie im Kleinen.
Ich sehne mich danach, dass es anders wird.
Manches Mal hoffe ich auf Gott. Dass er es anders macht.
Manches Mal hoffe ich auf Menschen. Dass sie es anders machen.
Manches Mal hoffe ich auf mich. Dass zumindest ich es anders mache.
 
Wie geht es Ihnen und Euch?
Mit den letzten und den vorletzten Tagen?
Mit eurem Sehnen und Hoffen?
Sehnt ihr euch danach, dass es anders wird?
Hofft ihr auf Gott, manches Mal?
Hofft ihr auf Menschen, manches Mal?
Hofft ihr auf euch, manches Mal?
 
Micha hofft auf Menschen und auf Gott.
Micha hofft auf die mächtigen Völker und auf die Mächtigen der Völker.
Die Mächtigen der Völker sollen sich mit den mächtigen Völkern aufmachen.
Nicht zur Völkerschlacht nach Leipzig.
Sondern zur Völkerwallfahrt auf den Zion.
Er kann es beinahe sehen:
Sie ziehen dahin, alle, auf den Berg.
Im Gepäck: Schwerter, Lanzen, Säbeln.
Im Gepäck auch: ihre Lieder, ihre Sprache, ihr Glaube, ihre Götter.
Bereit zum Krieg. Bereit zum Frieden. Zu allem bereit.
 
Micha sieht es vor seinen Augen:
Es geht den Berg hoch. Schritt für Schritt. Alle müssen mit.
Nach oben. Auf die Spitze.
Dort steht: ein Haus. Ein Gotteshaus.
In diesem Haus gibt es einen Raum, das Allerheiligste.
Niemand kann hineinsehen. Ein Vorhang verhüllt den Blick.
Hinter dem Vorhang ist, überraschend: ein leerer Raum. Dort soll einmal die Bundeslade gewesen sein. Mit den Gesetzestafeln des Mose.
Auf ihnen: Gottes Gebote.
Nicht stehlen. Nicht lügen. Nicht töten. Nicht begehren, was ein anderer hat.
Gott ehren. Feiertage heiligen.
 
Die Bundeslade ist weg. Aber Gott ist da.
So hoffen und glauben alle.
An den letzten Tagen.
Als die Völker auf diesen Berg gehen, zu diesem Haus Gottes.
Sie haben alle den Krieg, den Streit, den Hass satt.
Sie wollen Frieden, aber sie schaffen ihn nicht aus eigener Kraft.
 
Auf diesem Berg gründen sich Vereinten Nationen. Vereint im Willen, Frieden zu schaffen. So hofft es Micha.
Nach so vielen vorletzten Tagen. An den letzten Tagen.
Er hofft, dass Gott spricht, wie es geht:
Frieden, Versöhnung, Gerechtigkeit, Zukunft.
„Macht aus Schwertern Pflugscharen, aus Lanzen Sicheln, aus Dolchen Winzermesser.“
 
Was Micha gesehen hat, damals, können wir heute sehen.
Es gibt es, das Haus, an dem die Nationen vereint sind.
Das Haus der Vereinten Nationen.
Es steht nicht auf dem Berg, sondern am Wasser.
Nicht in Jerusalem, in New York.
Die Vereinten Nationen wurden nach dem Ende des zweiten Weltkriegs gegründet.
Nie wieder sollte ein Führer so viel Leid und Elend über die Menschen bringen.
Nie wieder sollte ein Volk die Welt mit so viel Elend, Hass und Krieg überziehen.
Nie wieder sollten Kriege mit Atomwaffen geführt werden, die ganze Städte dem Erdboden gleichmachen, Menschenleben zu hunderttausenden ausradieren.
Der große Krieg war vorüber. Der letzte Tag, jetzt war die Zeit.
 „Macht aus Schwertern Pflugscharen, aus Lanzen Sicheln, aus Dolchen Winzermesser.“
 
Die Vereinten Nationen haben sich gegründet. Ihre Ziele:
Friede ist auf der Welt.
Nationen schließen Freundschaft.
Völker arbeiten zusammen.
Recht wird gesprochen.
Jeder Mensch hat seine Würde.
 
Die Sowjetunion hat 1959 den Vereinten Nationen eine Statue geschenkt.
Ein Arbeiter, ein Bauer, muskulös, groß, einen Hammer im Arm,
Er schlägt er auf sein Schwert ein – um daraus ein Pflug zu machen.
Die Sowjetunion zeigt den Anspruch und das Selbstbild: wir sind eine Friedensmacht. Die Sowjetunion, die einst unter Gorbatschow friedlich zerfallen ist.
Die Sowjetunion, die unter Putin kriegerisch und terroristisch wieder auferstehen soll. Damals Schwerter zu Pflugscharen – jetzt wieder Pflugscharen zu Schwertern?
 
Wir müssen uns vor Augen führen, dass es ein martialisches, gewaltiges Bild ist.
Frieden ist ein Kraftakt.
Frieden braucht Stärke und rohe Kräfte.
Frieden kommt nicht auf leisen Sohlen daher, ist nicht federleicht.
Der Weg zum Frieden braucht starke Führung.
Es ist ein Aufstieg aller zum Gipfel:
Völker müssen mit auf den Berg genommen werden.
Die Mächtigen müssen all ihre Führungskraft einsetzen.
Alle sollen gut auf den Berg kommen.
Noch ausgestattet mit Schwertern.
Bald ausgestattet mit Pflugscharen.
 
Auf dem Berg aber zeigen die mächtigen Völker und die Mächtigen der Völker noch eine ganz entscheidende Eigenschaft:
Sie sind bereit, nicht nur auf sich selbst zu hören, nicht nur an sich selbst zu glauben. Sondern sie hören auf und glauben an einen unsichtbaren Gott.
Der gibt die richtigen Anweisungen, zeigt den Weg zum Frieden.
„So wahr mir Gott helfe!“
Diese Bitte macht die Mächtigen nicht ohnmächtig, sondern zum Frieden mächtig.
„So wahr mir Gott helfe.“
Und Gott hilft, da ist Micha sicher – mit seinem guten Wort.
Dass es nach den letzten Tagen wieder neue Tage gibt.
Die vorletzten Tage lassen sich aushalten, wenn wir auf letzte Tage hoffen, nach denen es weiter geht. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Sondern: das Leben.
Es geht nach den letzten Tagen weiter.
 
Nach den letzten Tagen, in der neuen Zeit, geht es weiter.
Wenn alle Völker wieder in der Heimat sind, bei ihren Göttern, ihrem Glauben, in ihrer Sprache sprechen, spricht Gott. Vor Ort. Ganz nah.
 Am Tag, nach den letzten Tagen, spricht Gott:
Die Versprengten will ich sammeln.
Ich sehe die Menschen an, denen Unheil und Unrecht widerfahren ist.
Ich blicke auf die aus der Heimat vertriebenen und geflüchteten Menschen.
Ich wende mich denen zu, die krank an Leib und Seele sind.
Gott sammelt sie auch ein.
Es ist ein leiser Friede.
Uns aufgegeben.
Im Namen Gottes.
Tag für Tag.
An jedem Ort.
Gott spricht und verspricht:
Ich vergesse keinen, habe alle im Blick.
Auch dich.
An deinem Ort.
In deiner Zeit.
 
Der Himmel öffnet sich.
Der Blick weitet sich.
Der Friede kehrt ein.
In der Welt und bei uns.
Gottes Friede.
Höher als alle menschliche Vernunft.
Gott bewahrt uns.
Uns gilt sein Frieden.
Er kommt auf leisen Sohlen zu uns.
 
Achten wir, in unseren vorletzten Tagen, nicht nur auf die lauten Töne.
Auf die die Hammerschläge unserer letzten Tage.
Hoffentlich führen sie zum Frieden.
Achten wir auch auf die leisen Töne.
Dann kommt der Himmel.
Auch zu uns.
Versprochen.
So spricht der Herr.
Amen.

Reformationsfest in Krefeld – Jesus Christus ins Leben ziehen

In der Alten Kirche fand die zentrale Reformationsfeier des Evangelischen Gemeindeverbands Krefeld statt. Begleitet von der Citykantorei Krefeld unter Leitung von Christane Böckeler und der Kantorin der Friedenskirche Sun Young Hwang am Flügel und an der Vleugel-Orgel haben OB Frank Meyer und Superintendentin Dr. Barbara Schwahn den Abend eröffnet.

Im Gottesdienst stand Jesus Christus als Person im Zentrum, ihn ins Leben und in den Alltag zu ziehen sei uns aufgegeben. „Eine Handvoll Wasser, ein Bissen Brot, ein Schluck Wein – im Glauben wird aus ganz wenigem ganz viel, Jesus Christus trägt im Leben und im Sterben und uns miteinander“, so ein zentraler Gedanke der Predigt von Citykirchenpfarrer Falk Schöller.

Ausgezeichnet vom Verbandsvorsitzenden Marc-Albrecht Harms wurden dann evangelische und ökumenische Dienste, Telefonseelsorge, Hospiz, Krankenhaushilfe, Notfallseelsorge, Bahnhofsmission, die oft im Verborgenen Menschen in Not beistehen und so unser soziales Miteinander prägen.

Herausragend dann der Impuls von Arnd Henze, der die Rolle der Kirche in der Demokratie zeigte. Er hatte fünf konkrete Punkte mitgebracht:

1) Smalltalk – in Kontakt, ins Gespräch, im Beziehung kommen: dafür bereit sein, dafür Räume bereitstellen, verankert mit den Menschen vor Ort – damit Vertrauen sich bildet. 2) Dann die Klage zulassen, das Jammern, die ungerichtete  Äußerung. Damit Menschen ihr Herz und ihre Sorge ausschütten, sich entlasten und befreien. „All eure Sorge werft auf ihn“, das soll mitten unter uns Raum haben. 3) Dann aber auch offen sein für den zielgerichteten Protest, der Probleme benennt und nach Lösungen sucht – diese Protestbewegung in der Kirche und damit in der Mitte der Gesellschaft zu verankern: „Kirchturmpolitik“ im besten Sinne. 4) Um dann auch den Streit zu suchen, die Disputation, die Offenlegung verschiedener Positionen und Interessen, unterschiedlicher Wahrnehmungen und Deutungen. Arnd Henze forderte eine Streitkultur – ein wenig „Kirchentag in der eigenen Stadt, der eigenen Gemeinde.“ 5) Und schließlich, am Ende und Ziel, der Kompromiss, die Lösung – immer im Vorletzten, in der unerlösten Welt, noch nicht im Reich Gottes. In diesem Horizont können Kirche und Christen gefundene Lösungen stark machen, für überzeugende Lösungen im Konsens werben – nur wenn diese besser sind als autokratische oder totalitäre Regime wird Demokratie sich halten können. „Wir sollen und können Geschichten gelingenden Lebens erzählen“ und so das Vertrauen stärken, das Engagement wahrnehmen, die Problemlösungen groß machen.

Demokratie ermöglicht, dass der Glaube Gestalt und Verantwortung übernimmt, dass jede und jeder mit seinen Möglichkeiten und Begabungen seinen Platz in der Mitte der Gesellschaft und im Miteinander der Menschen findet: Gott zur Ehre und dem Menschen zu Dienst. „Der Christenmensch ist ein freier Herr, niemand untertan. Der Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht. Jedermann untertan.“ Noch lange blieben die Menschen beisammen, an diesem besonderen Abend.

Wander- und Einkehrtage im Engadin

Am Samstag, 7. September, traf sich eine Gruppe von 31 Menschen zu Wander- und Einkehrtagen am Silserhof im Engadin. Eine Woche in der wunderschönen Berglandschaft mit geistlichen Impulsen, guten
Begegnungen und Gesprächen, Wanderungen mit eindrucksvollen
Blicken lag vor uns. Der Blick auf die Wettervorhersage verhieß nichts Gutes, am Sonntag
gewöhnten wir regengesättigt uns an die Höhe und feierten im Fextal
einen stimmungsvollen Gottesdienst, geleitet von einer Pfarrerin, die
früher Staatsanwältin am internationalen Gerichtshof in Den Haag war.
Doch schon am Montag zeigten sich uns die Berge in voller Pracht.
Pfarrer Schöller brachte uns mit Schlüsseltexten die Evangelien nahe,
an Leib und Seele gestärkt ging es los. Die Bergbahnen und der
ö􀆯entliche Nahverkehr war inklusive, und so ging es erst hoch hinauf und
dann so weit, wie die Füße trugen. Ulrike und Wilfried Hendrichs kennen
das Engadin und waren perfekte Wanderführer. Die Wanderungen waren
so gestaltet, dass jede auf ihre Kosten kam, der Piz Nair war mit 3.051 m
Höhepunkt, der Blick auf Morteratschgletscher, Piz Palü und Piz Bernina
unvergleichlich.
Unser Abendprogramm war bei Diakonin Elke
Schöller in besten Händen. Wir sind gut in
Kontakt und ins Gespräch gekommen, haben
bei Quiz und Spiel viel gelacht, beim Singen oft
den richtigen Ton getro􀆯en. Himmel und Erde
waren selten so nah beieinander wie an diesen
Tagen.
Fortsetzung folgt: vom 10. bis 17. September
2025 unter bewährter Leitung. Infos und
Anmeldung: falk.schoeller@ekir.de
Unsere strahlenden Gesichter sagen alles.
Falk und Elke Schöller
Ulrike und Wilfried Hendrichs

Predigt zum Wahlsonntag

Liebe Gemeinde, gehört Politik in die Predigt? Soll, darf, muss eine Predigt politisch sein?
Heute sind Europawahlen. Und es geht um große Fragen, der Innenpolitik, der Außenpolitik. Dabei haben wir die Ereignisse der letzten Tage, Wochen, Monate und Jahre im Blick. Den Tod des Polizisten in Mannheim, die antisemitischen Proteste an deutschen Hochschulen, die klimabedingten Überschwemmungen in Süddeutschland und die Dürre in Spanien, den Krieg im Nahen Osten und in Osteuropa, die Wahlen in den USA. In diesen Zeiten haben wir die Wahl, Gott sei Dank haben wir eine Wahl!
Ich frage mich und uns: Wie wehrhaft muss eine Demokratie sein, gegenüber den Feinden von innen und gegenüber den Feinden von außen? Wie wichtig ist es, unseren Staat zu schützen? Können wir es einfach hinnehmen, wenn Parteien Mehrheiten gewinnen, die die Grundlage unseres Staates, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, nicht akzeptieren, die bereit sind, die Würde mancher Menschen mit Füßen zu treten, das Recht zu beugen und Menschen aus dem Land werfen wollen?
Wie wichtig ist es, unseren Staat zu schützen, damit nicht der Stärkere uns überrollt, brauchen wir wieder eine Wehrpflicht, um wehrhaft zu sein? Sollen Fußballclubs mit Rüstungsfirmen werben, weil der Krieg vor unserer Haustüre zu einer neuen Normalität geworden ist?
Und was schätzen wir eigentlich an Europa? Die Freiheit zu reisen, Grenzen ohne Kontrollen, eine gemeinsame Wirtschaft, einen gemeinsamen Blick auch auf Klima und Umwelt? Sind für uns internationale Standards wichtig, und setzen wir auch auf eine Außenpolitik, die die Grenzen und die Menschen gleichermaßen schützt?
Liebe Gemeinde, heute sind Europawahlen, in manchen Regionen auch Kommunalwahlen: wir aber sind heute in der Kirche, im Gottesdienst. Und da frage ich gerne einmal nach: Soll, darf, muss eine Predigt politisch sein?
Umgekehrt wird es nämlich immer wieder auch gemacht: Politik ist religiös. In Deutschland nennen sich einige Parteien christlich. In den USA spielt die Politik nach religiösen Maßstäben, legt fest, wann das Leben beginnt, wer Waffen besitzen darf, um es zu beenden. Ein ehemaliger Präsident stellt sich über das Recht und den Willen des Volkes – und erhebt sich so an eine Gott gleiche Stelle. In Israel und Palästina geht es immer auch um das Land des Gottes, mit dessen Geschichte man sich verbindet und über die Unterstützung Putins durch die orthodoxe Nationalkirche erschrecke ich sehr. Politik bedient sich der Religion. Sollte dann nicht auch Religion politisch sein, zumindest dürfen, vielleicht sogar müssen?
Ich stelle diese Fragen heute, am 9. Juni 2024. Fragen wie diese sind aber alles andere als neu. Auch im Buch Jeremia wurden diese Fragen bereits gestellt. In einem Abschnitt, der irgendwie zusammengesetzt, zusammengewürfelt, fortgeschrieben wurde. Er kommentiert sich selber, es gibt unterschiedliche Überlieferungen, fünfhundert Jahre nach dem ersten Gerüst des Textes lebt er immer noch. Wir haben in hebräischen und griechischen Textfunden ganz unterschiedliche Versionen, immer wieder werden Kommentare eingefügt, verändern Schreiber Worte, damit das, was da steht, mit der eigenen Meinung übereinstimmt. Wir haben hier einen lebendigen und hochpolitischen Text, der uns heute aufhorchen lässt.
Gleich zu Beginn redet er – im Namen Gottes. Er redet – und wir wissen nicht einmal genau, wer es ist, der hier redet. Er weist sich nicht aus, legitimiert sich nicht. Darf er, darf dieser politische Predigttext, darf er das überhaupt, so reden, denken, urteilen? Hören wir einmal!
„So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte anderer Propheten! Mit ihrem prophetischen Gerede täuschen sie euch. Sie verkündigen euch, was ihnen ihr Herz einflüstert. Nichts davon kommt aus dem Mund Gottes. Sie beruhigen diejenigen, die mich verachten, und behaupten immer und immer wieder: „Der Herr hat gesprochen: Ihr werdet in Frieden und Sicherheit leben.“ Auch für jeden, der nur seinem sturen Herzen folgt, haben sie dieselbe Botschaft: „Es wird kein Unheil über euch kommen.“
So weit einmal: es geht um Fake News, falsche Behauptungen, um Menschen, die im Namen Gottes reden, in seinem Namen Politik machen, und den Menschen Frieden und Sicherheit versprechen.
In meinen Ohren gibt es heute auch falsche Propheten. Sie rufen uns zu: „Macht die Grenzen zu. Ausländer raus, Deutschland den Deutschen.“ Das rufen sie, ganz ungeschützt, selbst im Urlaub. Sie behauten: dann wird es besser.
Aber das sind falsche Botschaften, Fake News. Es ist ihnen egal, dass ohne Zuwanderung in Deutschland nichts mehr funktioniert: keine Pflege, keine Ernte, kein Krankenhaus, keine Fußballnationalmannschaft. Es ist ihnen egal: Sie behaupten einfach: Wenn wir ein christliches Volk bleiben, keine Moscheen bauen lassen und unsere Grenzen schließen, dann geht es uns besser. Es ist ihnen egal, und so behaupten sie einfach: „Hören wir auf, Waffen zu produzieren und in die Ukraine zu entsenden. Gebt Putin halt die Krim und das besetzte Land, dann können wir wieder billiges Öl und billiges Gas kaufen. Uns wird nichts passieren.“
Im Buch des Propheten Jeremia werden solche Botschaften als Fake News, als falsche Botschaften enttarnt. Wer so spricht, hat Gott nicht auf seiner Seite, in dessen Boot sitzt Gott nicht. Wer einfach Gutes verheißt, der macht es sich zu einfach. Aber das wollen Menschen gerne hören: „Alles wird gut. Ich weiß, wie es geht. Vertraue mir. Wir schaffen das.“
Ich finde: Wir sollten uns immer wieder auch an die Krisen unserer letzten Jahre erinnern: An die Coronapandemie 2020. An die Verstopfung der Logistikketten durch die Evergiven im Suezkanal 2021. An den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine 2022. An den Überfall der Hamas auf Israel 2023. Und jetzt an die extremen Niederschläge 2024. Und natürlich an die Wahlen in den USA, an den Krieg im Sudan, an die Drohgebärden Chinas gegenüber Taiwan.
„Alles wird gut. Ich weiß, wie es geht. Vertrau mir. Wir schaffen das.“
Wahlplakate hängen überall, Wahlwerbespots kommen im Fernsehen. Manche geben vor, sie wüssten, wie die Welt zu retten sei. Wagenknechtmentalität und Höckegesicht.
Im Buch Jeremia hält einer dagegen. Das ist alles falsch, gelogen, unwahr. Das haben wir schon gehört, vernommen. Und dann fährt er fort:
Wer von ihnen stand vor Gott? Wer gehört zum Kreis seiner Vertrauten, sodass er sein Wort sehen und hören kann?
Wer hat auf Gottes Wort geachtet? Wer hat es wirklich gehört?

Und dann verweist der Schreiber auf seine Wirklichkeit:
Seht her: Der Sturmwind bricht los. Die Wut des Herrn wirbelt alles durcheinander und braust über die Köpfe der Frevler hinweg. Der Zorn des Herrn wird nicht aufhören zu wüten,
bis er alles vollbracht hat – bis er getan hat, was sich der Herr in seinem Herzen vorgenommen hat. Wenn es so weit ist, werdet ihr das alles begreifen.

Die Welt ist in Unordnung, sie ist aus den Fugen geraten. Es ist nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Es gibt Fluten, Kriege, Krankheiten. Macht doch eure Augen auf – dann könnt ihr den Lügenpropheten nicht glauben, die euch einfach das Blaue vom Himmel versprechen.

Und im Namen Gottes redet er weiter:

Ich habe diese Propheten nicht geschickt, sie aber kommen trotzdem angelaufen. Ich habe nicht zu ihnen gesprochen,
sie aber reden trotzdem prophetisch. Sie standen nicht im Kreis meiner Vertrauten. Sonst könnten sie meinem Volk meine Worte verkünden. sonst würden sie es auf den rechten Weg zurückbringen und die Leute davon abbringen, Böses zu tun.

Es geht um einen Streit zwischen Menschen, die im Namen Gottes reden. Wer nimmt den Namen Gott zurecht in den Mund, wer weiß wirklich, auf welche Seite Gott sich schlägt, was eine gute Politik wäre, im Innen und im Außen? Und wer ist wirklich in der Lage, böse Menschen zur Umkehr zu bewegen, dem Frieden den Weg zu bereiten, Armut zu verhindern, Arbeit zu schaffen, das Klima zu schützen?
Wir haben die Wahl, wem wir glauben, wem wir vertrauen, wem wir unser Ohr und unsere Stimme schenken. Es gibt falsche Alternativen und Lügenpropheten. Auch heute. Sie stehen zur Wahl, wir sollten sie nicht wählen.
Aber jetzt sollten wir zum Schluss, zum Ende kommen. Die Bibel tut es eindrucksvoll – im Namen Gottes.
„Bin ich nur ein Gott, der den Menschen nahe ist? Oder bin ich nicht auch ein Gott, der fern ist? Bin nicht ich es, der Himmel und Erde erfüllt?“
Gott selbst macht es den Menschen nicht zu leicht, nicht zu einfach! Gott nimmt uns in die Verantwortung, für gut und böse, für unser Zusammenleben, für unsere Welt. Glaube ist immer auch politisch!
Und doch ist es für mich es eine Gratwanderung: Politisch predigen – religiöse Politik. Seid euch nicht zu sicher, wenn ihr beides in Verbindung bringt! Trennt nicht Gott und Welt, Politik und Glaube, Gottes Leitung und menschliche Führung! Das gilt ganz besonders auch in diesen Tagen und Wochen. 90 Jahre, nachdem die Barmer Theologische Erklärung veröffentlicht wurde, sollten wir es wissen. Damals, 1934, gab es keine Wahl mehr. Da wurde alles gleichgeschaltet und ausgerichtet. Politik, die selber zur Religion wird, Politiker, die sich gottgleich als Führer darstellen, das führt ins Verderben. Das haben Pfarrer und Theologen schon 1934 gesehen. Und klar formuliert:
Gott hat den Anspruch auf das ganze Leben, auch auf unser ganzes Leben. Es gibt keinen Bereich, der ohne Gott ist und bleibt. Das ist das eine. Und das andere ist: in keinem Bereich unseres Lebens haben wir Gott einfach auf unserer Seite, ist Gott einfach in unserem Boot, können wir über Gott verfügen.
Unser Leben ist und bleibt ein Ringen, ein Suchen, ein Fragen: Was ist, o Gott, für mich, für uns, für unsere Beziehungen und in unseren Familien, für unsere Stadt, unser Land, unseren Kontinent wirklich das Beste?
Heute, am in der Kirche, gibt es keine einfache Antwort – nur einen klaren Auftrag. An euch, an uns: Lasst diese Welt nicht gottlos werden, werdet selber Gott nicht los, in all dem, was ihr denkt und tut und lasst und redet. Gott sei mit euch, sucht das Gespräch mit ihm, fragt ihn, was für euch und euer Leben richtig ist. Fragt euch auch, was würde Gott wohl wählen, kommende Woche, wen würde Gott wählen, wem würde er die Zukunft seiner Menschen, seiner Kirche, seines Landes, seiner Erde anvertrauen?
Und seid euch gewiss: Gott ist euch nahe. Gott ist euch ferne. Gott verspricht Zeiten des Friedens. Gott verspricht auch Zeiten des Krieges. Es ist nicht einfach mit Gott, aber es ist einfacher, als ohne Gott. Denn er hat uns verheißen: Der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahrt unsere Herzen und Sinne, unseren Verstand und unsere Gefühle, in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Biker Gottesdienst 2024

Liebe Bikergemeinde,

fahrt immer mit genügend Öl, habt Sprit im Tank und seid in jeder Hinsicht umsichtig und klug.

Wenn Jesus heute hier wäre, im Jahr 2024 und in Krefeld, würde er sicher nicht mehr von Brautjungfern reden. Und er würde auch nicht von fünf vor zwölf reden: von der Zeit, als die Bauarbeiter schnell das Gerüst verlassen mussten, damit sie nicht mit ihrem Gewicht das Gerüst so beschwerten, dass es beim Glockenschlag zusammenbrechen würde. Ja, fünf vor zwölf, das würde Jesus auch nicht mehr sagen, weil heute keiner mehr auf dem Feld arbeitet und ein akustisches Pausensignal bräuchte. Und Jesus würde auch nicht fünf vor zwölf als Bild benutzen, weil wir hier nicht in einem Kloster sind, wo alle Mönche innehalten, zu Gott besten, um dann sich auf den Weg zum Mittagsgebet und zum Mittagessen machen.

Obwohl: vielleicht würde er uns zurufen:

Liebe Bikerinnen, liebe Biker,

auch für euch ist es immer wieder fünf vor zwölf. Bevor ihr müde werdet: haltet inne, haltet an. Sonst schlägt euch die Stunde schneller als euch lieb ist. Achtet darauf, ob euer Motor noch genug Öl hat und ihr noch genug Sprit im Tank, eure Reifen genug Profil und euer Helm genug Sicht: haltet immer wieder inne und seht nach dem Rechten. Sonst wird es euch nicht gut gehen auf euren Wegen.

Liebe Bikerinnen, liebe Biker,

es ist fünf vor zwölf: das rufen uns auch Menschen zu, die um die Schöpfung besorgt sind. Der Klimawandel ist spürbar, dieses Jahr blüht alles drei Wochen zu früh, das macht die kalten Nächte so gefährlich. Vieles ist erfroren in der letzte Woche, Wein- und Obsternte werden schlechter ausfallen dieses Jahr. Darum seid sorgsam und achtsam auf die Natur. Rast nicht, sondern genießt. Fahrt umsichtig. Ohne schlechtes Gewissen, aber mit Verantwortungsgefühl. Achtet auf die Tiere, achtet auf die Natur. Damit unserer Welt nicht die letzte Stunde schlägt.

Liebe Bikerinnen und Biker,

seid einfach klug. Und erinnert euch daran, dass Gott uns einmal zu sich ruft, zu einem Fest, einem Freudenfest. Der Tod gehört zum Leben, auch zu meinem Leben. Aber am Ende steht Gottes Einladung zu einem Fest. Hoffentlich nicht so schnell – schöpft die Zeit aus. Fünf Minuten können auch eine halbe Ewigkeit sein. Darauf hoffen wir, dass wir ein langes und gutes Leben haben. Und wir dürfen hoffen, dass nach diesem Leben wir von Gott zu einem Fest gerufen werden, zu einem Hochzeitsfest. Das ist ein Gedanke, den wir gerne wegschieben: aber mich trägt das. Letzte Woche hat meine mittlere Tochter geheiratet. Zwei Frauen sind in weißen Brautkleidern durch die Kirchentüre eingezogen, um zueinander Ja zu sagen und mit Freunden, Wegbegleitern, uns als Familie zu feiern. Es war ein wunderbares Fest.

Wir haben bei dem Fest auch an alle die gedacht, die dieses Fest nicht mehr mitfeiern durften. „Wir wünschen euch, dass auch ihr heute einen Festtag habt, wir wünschen euch viele Festtage, dort, wo ihr jetzt seid.“ So hat es eine der Bräute bei der Ansprache gesagt. Und mich hat das getröstet, als ich mir die Menschen in Erinnerung gerufen habe, die schon vorausgegangen sind.

Es ist fünf vor zwölf, liebe Bikerinnen und Biker,
und zur hohen Stunde, zur hohen Zeit, zur höchsten Zeit da kommt das Himmelreich. In diesem Vertrauen wünsche ich allezeit gute Fahrt, Gottes Segen und Geleit auf den Wegen – und möglichst lange für jede und jeden für euch: „fünf vor zwölf“

Wenn ich auf dem Motorrad bin, bleibt ein wenig die Zeit stehen. Ich falle aus der Zeit, aus meinem Alltag, aus der Hektik. Und genieße. Die Zeit bleibt stehen, fünf vor zwölf. Es ist, als ob für mich die Glocken läuten, ich innehalten darf. Komisch. Ich beschleunige und entschleunige, ich fahre und sitze, es ist laut und es ist ruhig. Es ist fünf vor zwölf, wenn ich losfahre. Es ist fünf vor zwölf, wenn ich ankomme. Und habe dann, hoffentlich, immer noch genug Öl im Motor, Benzin im Tank, Profil auf den Reifen – und Hoffnung. Vielleicht habe ich sogar ein wenig das Himmelreich gesehen. Und Hoffnung geschöpft. Vielleicht sehen wir es ja, auf den nächsten Ausfahrten. Bleibt behütet. Amen.